Kirchen-Talk bei Jauch: Einsichten in eine Parallelwelt

Von Mathias Zschaler

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Günther Jauch: "Wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?"

Kirchliche Kindergärten, Schulen, Kliniken werden zum übergroßen Teil vom Staat bezahlt - doch hier gelten religiöse Regeln. Der Talk bei "Günther Jauch" zeigte, zu welch grotesken Situationen dies führt: Eine Andersgläubige darf nicht als Putzfrau arbeiten, als Ein-Euro-Jobberin aber schon.

Mag sein, dass manch gläubiger Christ ein stilles Stoßgebet zum Himmel gesandt hat. Ansonsten sorgte Günther Jauchs Talkrunde unter dem Titel "In Gottes Namen - wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?" vor allem für eines: ungläubige Fassungslosigkeit.

Es galt, Einblick zu nehmen in eine Parallelwelt, die zwar vom säkularen Staat finanziert wird, jedoch ihre eigenen befremdlichen Regeln hat; die durch den Betrieb von Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern im wahrsten Sinne mitten unter uns ist, aber zugleich fernab jeder Lebensrealität agiert. Und da als Verkünder der einzig wahren Lehre auch noch eine Art katholischer Ajatollah zugegen war, glitt die Veranstaltung gelegentlich ins Bizarre. Dann gab es Gelächter im Studio. Doch fröhlich klang das nicht.

Wie auch, wenn gleich zu Anfang die Rede auf das Schicksal jener vergewaltigten, hilfesuchenden Frau kam, die von zwei katholischen Kliniken abgewiesen wurde? "Einen Skandal" nannte das nicht nur der Gastgeber Jauch, der an diesem Abend ungewohnt ernst wirkte, bisweilen auch irritiert, ja verärgert; man merkte, dass ihn das Thema umtrieb. Sein Vorhaben, das Innere der Glaubensfirma Kirche, immerhin zweitgrößter Arbeitgeber nach dem Staat, mit all ihren Moralvorschriften zur Gänze auszuleuchten, gelang allerdings nur halbwegs angesichts des Empörungspotentials samt Disputbedarf, das allein dieser Fall bot.

"Es geht um Leben und Tod"

Selbst der Prälat Peter Neher vom Caritas-Verband zeigte sich "entsetzt" und bemühte sich redlich, so etwas wie gläubig-pragmatische Restvernunft zu verkörpern. Doch da hatte er die Rechnung ohne Martin Lohmann gemacht, der nicht nur Chefredakteur eines katholischen TV-Senders und in der CDU aktiv ist, sondern vermutlich auch der bessere Kardinal Meisner wäre.

Der Kölner Oberhirte, der unter seinen Amtsbrüdern sonst nicht eben zu den barmherzigsten zählt, hatte sich bekanntlich dieser Tage mit bemerkenswert differenzierten Überlegungen zur "Pille danach" in Vergewaltigungsfällen vernehmen lassen. Das führte in der Jauch-Runde zu ebenso subtilen wie anachronistisch anmutenden Betrachtungen über bereits stattgefundene und noch bevorstehende Befruchtungen, so dass man denken konnte, es habe all die Abtreibungsdebatten der vergangenen Jahrzehnte nie gegeben.

Dem Fundamentalkatholiken Lohmann zufolge hätte man sich freilich auch diese sparen können. Denn ob es überhaupt eine vor der Befruchtung wirkende und somit abtreibungsunverdächtige Pille gibt, ist seines Wissens gar nicht sicher. Und so blieb für ihn nur der Schluss, dass der Kardinal wohl irgendetwas falsch verstanden haben oder bei seinen Einlassungen falsch beraten gewesen sein müsse. Herr Lohmann sagte auch noch, es gehe hier "um Leben und Tod" und ließ dabei deutlich erkennen, dass damit nicht unbedingt das Leben der Frau gemeint war.

Ein Mediziner wendet sich von der Kirche ab

Von Jauch gefragt, was er denn machen würde, wenn eine seiner Töchter Opfer einer Vergewaltigung würde, zitierte er abermals das "absolute Tötungsverbot", behauptete aber zugleich, er und seine Frau "würden alles tun, um unserer Tochter beizustehen". Als er dann, auf weitere Nachfrage, noch verlauten ließ, die "Sache mit der Selbstentscheidung der Frau" sei ja nun "vielschichtig", gab es lautstarke Unruhe unter den Zuschauern. Das hielt Lebensschützer Lohmann nicht davon ab, auch noch die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens anzugehen, wieso sie denn als Grüne "nicht für das Leben" sei.

Dabei tat die Ministerin wahrlich nichts, um zusätzliche Schärfe in die Debatte zu bringen, lobte gar die zunehmende Bedeutung konfessioneller Schulen und beließ es im Wesentlichen dabei, der Kirche wachsende Entfremdung von ihren Mitgliedern zu attestieren, was aber ohnehin selbst den Gutwilligsten gedämmert haben dürfte.

Der Gynäkologe Bernhard von Tongelen, der einst in einer katholischen Klinik entnervt den weißen Kittel auszog und heute in Rotterdam tätig ist, konnte sich nur wundern über das Gesagte und Gehörte, das etwa in Holland oder England niemand verstehen würde. Und das traf gewiss auch auf das zu, was sonst noch an Beispielen für die sehr spezifischen Arbeitsbedingungen unter dem Mantel der Kirche präsentiert wurde.

Scheiden nein, Ehe annullieren ja

Eine Frau etwa, die dem Glauben der Sikhs anhängt, durfte nicht in einem kirchlichen Kindergarten als Putzfrau beschäftigt werden, war aber als Ein-Euro-Jobberin geduldet. Da "die Gefahr eines schädlichen Ärgernisses" bestand, sollte eine Geschiedene ihre Stelle in einem katholischen Kindergarten verlieren. Verhindert wurde das nur durch eine Rebellion der Eltern, die zur Folge hatte, dass die Trägerschaft zu den Protestanten wechselte.

Hier nun kam erneut die katholische Fundamentalkompetenz des Herrn Lohmann ins Spiel, der zu bedenken gab, man müsse sich ja nicht unbedingt scheiden, sondern könne eine Ehe auch nachträglich annullieren lassen. Es gebe da Mittel und Wege, schließlich wüssten nicht alle bei Eheschluss, was es mit diesem heiligen Sakrament überhaupt auf sich habe. Und schwul sein dürfe man im Prinzip auch - vorausgesetzt, man praktiziere es nicht, denn das sei und bleibe nun mal Sünde.

Irgendwie hat das auch etwas Aufklärerisches: Man weiß, woran man ist. Die Journalistin Eva Müller hat ihre Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber Kirche zu einem Buch mit dem schönen Titel "Gott hat hohe Nebenkosten" verarbeitet, in dem sie insbesondere die Unsicherheit für die Beschäftigten mangels verbindlicher staatlicher Vorgaben beschreibt. Ihre persönliche Konsequenz aus den Recherchen bestand darin, aus der Kirche auszutreten. So wie rund 100.000 Mitbürger pro Jahr.

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insgesamt 261 Beiträge
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1. die Politik muss die Rahmenbedingungen ändern
katerramus 04.02.2013
Was nach der Sendung geblieben ist : Ratlosigkeit, teils Fassungslosigkeit und die wachsende Überzeugung, dass die Politik in der Pflicht ist. Eins ist klar geworden, dass vergewaltigte Frauen nicht nur das Trauma verarbeiten müssen, sondern im wahrsten Sinn des Wortes von allen guten Geistern verlassen sind, wenn sie in einer katholischen Gegend leben.
2. Kirchenaustritt
spon-1280844534812 04.02.2013
Ich bin seit Jahren aus der Kirche ausgetreten. Jedes Jahr geschiet etwas, dass ich wieder ausgetreten möchte. So austreten, dass auch keine Bischofsgehälter durch meine Steuern finanziert werden. Schade, dass dies nicht geht. Den Wunsch wieder einzutreten habe ich übrigens nicht einmal gehabt. Dazu ist mir die Kirche viel zu weit von den Lehren Jesu entfernt.
3. Eigentlich ist es ganz einfach...
generalissimo 04.02.2013
Die Kirche können ja gerne ihre vormittelalterlichen Anschauungen innerhalb ihrer Institutionen beibehalten, solange sie nicht gegen geltendes Gesetz verstoßen. Aber ich frage mich, wie schnell sie diese Anschauungen überdenken würden, wenn der Staat ihnen den Geldhahn zudrehen würde?
4. Martin Lohmann...
lennoneales 04.02.2013
... ist ein Grund unverzüglich aus der Kirche auszutreten.
5. .
AFH 04.02.2013
Der Skandal it, dass diese religiösen fanatiker noch Geld vom Staat dafür bekommen, dass sie ihre Ideologien den Angestellten aufzwingen. Dies ist eines demokratischen Staates unwürdig! Zeit, all den religösen Anstalten und Firmen den staatlichen Geldhahn zuzudrehen.
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