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Sterbehilfe-Talk bei Jauch: Angst vor der Schnabeltasse

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Talk über selbstbestimmtes Sterben: Udo Reiters letzter Wille? Fotos
DPA

Der Suizid des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter hat die Sterbehilfedebatte neu entfacht. Kein leichtes Thema für Günther Jauch. Aber seine Gäste machten daraus eine informative Sendung.

Der frühere MDR-Intendant Udo Reiter hat unlängst sein Leben beendet, weil er seine Kräfte schwinden spürte und eine Demenz fürchtete. Elf Tage später nahm Günther Jauch nun diesen Suizid zum Anlass, um über Sterbehilfe in Deutschland zu diskutieren. Etwas unglücklich der reißerische Titel der Sendung: "Udo Reiters letzter Wille - dürfen wir selbstbestimmt sterben?" Das klingt, als wäre es Udo Reiters letzter Wille gewesen, dass wir alle selbstbestimmt sterben können.

In seinem Abschiedsbrief war von einer solchen politischen Forderung nichts zu lesen. Aber das Thema wird in einer immer älter werdenden Gesellschaft kaum an Relevanz verlieren.

Der erste Teil des Talks war vor allem für echte Udo-Reiter-Fans von Interesse. Da saß Franz Müntefering, der sich zuletzt im Frühjahr mit Reiter über dieses Thema gestritten hatte. Daneben Thomas Gottschalk, der "den Udo" gut kannte und noch einmal seine Bestürzung ausdrückte: "Das letzte Glas Rotwein, das hat ihm ja geschmeckt!" Seinen Willen zum selbstbestimmten Abgang habe Reiter allerdings immer "wie eine Monstranz vor sich hergetragen". Gefürchtet habe er sich "vor der Schnabeltasse" und davor, im Alter nur noch "wirres Zeug zu reden". Darauf Gottschalk launig: "Ich habe in meinem Leben schon so viel wirres Zeug geredet, dass es darauf auch nicht mehr ankommt."

Gefordert sind die Ärzte

Nikolaus Schneider, scheidender EKD-Ratspräsident, wurde von Jauch als Theologe und damit als Spezialist für Jenseitiges befragt: "Darf er sich jenseits der Gebote von Staat und Religion dazu entscheiden, Herr Schneider?" Er respektiere die Entscheidung, auch wenn er sie nicht billige, so Schneider. Seine eigene Frau, an Krebs erkrankt, würde er notfalls entgegen seiner theologischen Überzeugungen bei der Sterbehilfe begleiten. Was er sich vorstellt: "Ein Gespräch mit einem Arzt darüber, wie man das am sinnvollsten gestalten kann."

Bislang war die Evangelische Kirche strikt gegen eine gesetzliche Regelung, die Ärzten die Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt. Dem SPIEGEL sagte Schneider, diese Position solle nun überdacht werden.

Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik, brachte die komplette Sendung erfreulich resolut auf Kurs: "Wir müssen nur über passive Suizidhilfe reden." Aktive Sterbehilfe sei verboten, aus gutem Grund. Es gebe aber Patienten, die selbst nicht mehr in der Lage seien, ihrem Leiden ein Ende zu setzen.

Derzeit ist die Rechtslage in Deutschland unscharf: Das Töten auf Verlangen, also die aktive Sterbehilfe, steht in Deutschland unter Strafe. Die sogenannte Beihilfe zur Selbsttötung ist straffrei. Nicht verfolgt wird beispielsweise, wenn ein Betroffener eine tödliche Medikamentendosis zu sich nimmt, die ihm von einer anderen Person verschafft wurde.

Problematisch sei weniger der Gesetzgeber als das ärztliche Standesrecht, meinte Schöne-Seifert. Und das ist je nach Bundesland verschieden. Mancherorts droht einem Arzt, der Sterbehilfe leistet, der Verlust der Approbation - das mache die Sache "heikel und zu einer Zumutung für alle Beteiligten". Gefordert sind also ausnahmsweise mal weder "die Politiker" noch "wir alle", sondern die Ärzte.

"Die letzten beiden Lebensjahre sind die teuersten"

Da stimmte Müntefering zu, schränkte aber ein, dass der Staat die Beihilfe zum Suizid schwerlich organisieren oder organisieren lassen könne. Wie wolle man denn beispielsweise den Aspekt einer "begrenzten Lebenserwartung" definieren? Auch mochte Müntefering die "Argumente nicht teilen", die Reiter in seinem Abschiedsbrief vorgebracht hat. Angst vor der eigenen Hinfälligkeit sei kein Grund, aus dem Leben zu scheiden, und außerdem eine Frechheit gegenüber Pflegefällen und denen, die diese Menschen pflegen: "Sterben ist ein Teil des Lebens. Und Sterben kann gelingen."

Allerdings, und das hört man in solchen Talkshows eher selten, gebe es bei der Entscheidung zum Freitod auch finanzielle Aspekte, die ein Vertreter des "Bildungsbürgertums" wie Reiter nicht zu berücksichtigen brauchte: "Die letzten beiden Lebensjahre eines Menschen sind seine teuersten", sagte Müntefering, da gehe schon mal ein Häuschen drauf: "Geld hat auch was mit Ethik zu tun, und Ethik auch mit Geld."

Am Ende fragte Günther Jauch seine Gäste, wie sie denn gerne sterben würde. Nikolaus Schneider "möchte nicht allein sterben und so, dass ich Abschied nehmen kann". Bettina Schöne-Seifert hofft für den Fall der Fälle auf einen "barmherzigen Arzt", dem sein Ethos die Sterbehilfe nicht verbietet. Franz Müntefering möchte sein Ende "so erleben wie meine Frau, mit klarem Verstand". Thomas Gottschalk will "morgen und hoffentlich auch übermorgen" noch Freude bereiten und Spaß haben: "Alles andere verdränge ich, und das ist gesund. Ich würde gerne hundert werden und fürchte mich davor, 65 zu werden!"

Mit Hinweis auf Müntefering, 74, fügte Gottschalk an Jauchs Adresse hinzu: "Wenn ich 74 bin, sitze ich auf diesem Platz! Und du siehst dann aus wie 70!" Jauch frotzelte halbherzig mit: "Mal sehen, wer länger hier sitzt!" Müntefering interessiert: "Und wo sitze ich dann?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
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1. unglücklich
Mertrager 20.10.2014
Es ist schon eine pointierte Ironie: Da lässt sich ein Verfasser über den "unglücklichen""Titel" einer Sendung aus und wählt für seinen Beitrag selbst eine Überschrift, die trotz des erlesbaren Bezugs reichlich kauzig ist. Um mißverständnisse zu vermeiden: Den für diesen Beitrag gewählten Titel finde ich grenzwertig. Dies in einer Situation, in der mir Nahestehenden aktuell gerade diese Schicksal droht und man die Beweggründe real erlebt.
2. Wie kommen Politiker und Priester dazu ...
Miere 20.10.2014
... mir zu sagen, was ich mit meinem Körper machen, oder noch schlimmer, was ich fühlen darf? Dass Angst vor Hilflosigkeit kein ausreichender Grund sei, sterben zu wollen? Ich möchte wirklich wissen, ob die alle immer noch genauso denken, wenn sie seit Jahren im selben Bett liegen und sich von fremden Menschen den Hintern abwischen lassen müssen weil sie es selber nicht mehr können. Das hat auch wenig mit Geld zu tun. Da könnte die Bettpfanne auch aus Gold sein, das würde an der Würdelosgkeit nichts ändern.
3. Das war publiziertes Kastendenken
Nabob 20.10.2014
für jene, welche wie Sachs und Reiter in der Lage sind, mit ihrem Leben kurzen Prozess machen zu können - und verstanden werden. Wären die Diskussionsbeteiligten nicht so engstirnig konzentriert gewesen auf ihre Bekanntschaft zu Reiter, hätte diese "Diskussion" zeitlich die Möglichkeit geboten, jene zu betrachten, die man die mittellose Masse nennt, welche in verzweifelter gesundheitlicher und psychischer Lage zum wirtschaftlichen Erhalt von verdreckten und unterbesetzten Unterkünften gegen ihren Willen vor sich hinvegetieren, aber benötigt werden, damit alles rechtens zugeht und dem Staat zum Erhalt dieser "Anstalten" das Geld aus den Hüften geleiert wird. Man sollte solche schwach besetzten und unernsthaft vorgetragenen, selbstgefälligen Sendungen nicht bringen, nur damit Gottschalk als Freund von Jauch seine spätpubertären platzieren und sich in Erinnerung bringen kann. Im Vordergrund steht das Versagen des Staates, Unterkünfte zuzulassen, welche in den oben beschriebenen Unterkünften mittellose Menschen in menschenunwürdigen Zuständen belassen. Davon natürlich kein Wort bei diesen TV-Mäuschen.
4. Warum..
mk1966 20.10.2014
.. muss das Thema überhaupt diskutiert werden? Selbstbestimmt sterben zu können - auch durch eine fremde Hand - sollte doch selbstverständlich sein in einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen so betont! Da merkt man halt leider den immer noch zu großen Einfluss der Kirchen auf das tägliche Leben...abstoßend!
5. Schreckgespenst Demenz?
Spiegelleserin57 20.10.2014
Ist es die Vergesslichkeit im Alter? Wer entscheidet über das Vorliegen einer Demenz und hat die Kompetenz dies zu tun? Ist es nicht eher die Unfähigkeit der Menschen mit diesem Phänomen Alter umzugehen? Ist nicht auch die eigene Angst vor dem Alter und dem Wissen der mangelnden Pflege und Fürsorge der jüngeren Gesellschaft für die Alter wie auch Tod immer noch ein Tabu ist? Die Entscheidung der aktiven Sterbehilfe sollte nur von Menschen getroffen werden bei vollem Bewußtsein, ohne jegliche die Geist einschränkende Medikamente und ohne Einfluss ihrer Angehörigen sowie Mediziner. Es wäre eine Aufgabe von Psychologen und Theologen diese Frage mit dem Betroffenen zu diskutieren und dessen wirklichen Willen zu erforschen. Ein Jurist sollte diesen dokumentieren, aus gutem Grund damit Erbschleicherei wie auch anderen Missetaten gleich vorgebeugt wird. Dann kann die Entscheidung respektiert werden.
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