Griechischer Finanzminister bei Jauch Die Varoufakis-Monologe

Er nannte die Geldprobleme Athens ein "kleines Liquiditätsproblem" und ließ kaum jemanden ausreden: Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis bestritt den Talk von Günther Jauch praktisch allein - auch weil seine Kontrahenten schlecht vorbereitet waren.

Finanzminister Varoufakis: Günther Jauch präsentierte ihn als "Bruce Willis Griechenlands"
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Finanzminister Varoufakis: Günther Jauch präsentierte ihn als "Bruce Willis Griechenlands"

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Berlin - Die Redaktion von Günther Jauch zeigte sich sehr großzügig: Ihr Begrüßungsfilm für Giannis Varoufakis fiel ungewöhnlich schmeichelhaft aus. Darin geht Varoufakis lässig einen Flur entlang, ihm wird ein Mikro angenestelt, er bekommt Puder ins Gesicht, er lässt sich in einen Sessel fallen. Vorgestellt wird Varoufakis als "Bruce Willis Griechenlands", der für die Bedürfnisse des Volkes kämpfe. Welch ein showtauglicher Auftakt!

Schließlich sollte keinem Zuschauer entgehen, dass es sich hier um einen Premiumgast handelt. Erstmals hatte man Griechenlands Finanzminister für einen großen deutschen Live-Talk verpflichtet. "Der Euro-Schreck stellt sich", versprach man. Blöd nur, dass der Syriza-Politiker gar nicht daran dachte, sich irgendwem oder irgendetwas zu stellen.

"Kann es sein, dass Griechenland noch vor Monatsende zahlungsunfähig ist?", legt Jauch los. "Lassen Sie es mich so sagen. Wir tun alles, damit die Zahlungen gemacht werden können", weicht Varoufakis, der über eine Videoleitung aus Athen zugeschaltet wurde, aus. Überhaupt gefährde ein "unbedeutendes kleines Liquiditätsproblem" doch nicht Europa, oder?

Jauch ist irritiert. Wie bitte? Der Minister eines Schuldenlandes, dem womöglich noch im März das Geld ausgeht, verharmlost derart die Krise? Varoufakis ist längst woanders: Für Europa sei es "wirklich an der Zeit, mit einer Stimme zu sprechen", mahnt er, Deutsche wie Griechen würden an das "Haus Europa" glauben. "Also bauen wir dieses Haus", appelliert Varoufakis. Man hat ihn vor eine Bücherwand gesetzt. Das Regal sieht so aus, als wurde es schnell noch derangiert, damit das Setting zum krawattenlosen Gast passt.

Solche sanften Töne hört man von ihm selten. Der Wirtschaftsprofessor gibt fast täglich Interviews, in den meisten lehnt er den Kurs der Euro-Partner ab. Auch Deutschland teilt regelmäßig gegen Griechenland aus. Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Euro-Krise ist das Klima vergiftet, das Vertrauen dahin.

"Bei uns greift der Hunger um sich"

Von Premier Alexis Tsipras sei Varoufakis zur Mäßigung aufgerufen worden, heißt es. Je länger der Talk läuft, desto mehr versteht man, warum. Varoufakis hält sich nicht mehr im Zaum, er schimpft über einen "fürchterlich falschen Ansatz" des Sparkurses. "Wir sind dessen überdrüssig, dass die, die am meisten schuften, am wenigsten bekommen."

Die anderen Gäste - der "Bild"-Kolumnist Ernst Elitz, die "taz"-Journalistin Ulrike Herrmann und der CSU-Politiker Markus Söder - dürfen bruchstückhafte Sätze einwerfen. Sobald sie atmen, greift Varoufakis ein und "stellt die Dinge richtig". Ausreden lässt er fast nie. Wobei gerade Elitz und Söder auch nicht viel mehr zu bieten hatten, als das, was sie immer zu diesem Thema sagen. Wirklich auseinandersetzen können oder wollen sich beide nicht mit den Argumenten des Griechen. Außer Belehrungen und herablassenden Ratschlägen ist da nicht viel. Trotzdem führt es zu dem unbehaglichen Effekt, dass Gäste sprechen, während Varoufakis im Off einfach weiter die Lippen bewegt. So lange, bis sein Tonkanal wieder aufgedreht wurde.

Die zeitversetzte Übertragung dürfte daran mit schuld sein. Doch grundsätzlich sucht man bei Varoufakis Nachdenklichkeit oder echte Auseinandersetzung mit der Gruppe vergebens. Fast ist man geneigt, sich über so viel Chuzpe zu empören. Doch letzten Endes ist der griechische Politiker nur konsequent: Man hat ihn für ein Millionenpublikum auf Sendung geholt, also sendet er. Vor allem Botschaften, die Verständnis wecken sollen - und die natürlich, neben aller Notwendigkeit von Reformen, eben auch zur Wahrheit gehören. "Bei uns greift der Hunger um sich, Kinder werden aufgrund von Mangelernährung ohnmächtig", berichtet Varoufakis.

Die Analyse der "taz"-Korrespondentin Herrmann unterstreicht das Dilemma. Griechenland sei reich genug, um alle Bürger krankenversichert und ernährt zu halten - aber zu arm, um Altlasten zu bezahlen. CSU-Mann Söder nimmt Athen erwartungsgemäß in die Pflicht: "Griechenland muss jetzt liefern. Dann ist das Land weiter im Euro dabei."

Die Sache mit dem Mittelfinger

Für einen Moment entsteht fast so etwas wie Konsens. "Wir wollen mit den europäischen Partnern zusammenarbeiten", verspricht Varoufakis. Zudem werde man "alles unternehmen, um jeden Euro zurückzuzahlen". Doch dann kippt die Stimmung. Ein Einspieler zeigt einen alten Vortrag Varoufakis' über die Euro-Krise. An einer Stelle, in der es um Deutschland geht, streckt er den Mittelfinger heraus.

"Dieses Video ist falsch, das ist getürkt, diesen Finger habe ich nie gezeigt", sagt Varoufakis. Jauch erklärt, das Video stamme aus Zagreb, wo Varoufakis 2013 eine Rede hielt. Der bleibt dabei: "Der Finger ist reinmontiert worden. Das sage ich Ihnen ohne Zweifel zu, nehmen Sie es einfach hin." Auf Twitter werden diverse Fassungen des Videos geteilt, der Finger ist zu sehen, wenn auch nur kurz (hier finden Sie die wichtigsten Momente der Sendung im Überblick).

Spätestens diese Szene machte klar: Jauch wollte jemanden packen, der sich um keinen Preis packen lassen will.

Auch hätten alle die Chance ergreifen können, ausgewogen über das heikle Thema Zwangskredite aus dem Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Doch während Elitz die Sache für "juristisch geklärt" befand, griff Varoufakis zur düstersten Zukunftsvision: Deutschland habe es geschafft "das Nazitum auszumerzen. Helfen Sie uns, diese Bedrohung in Griechenland zu bekämpfen. Es schmerzt, dass das Thema der Zwangskredite noch nicht beigelegt ist."

Wüste Vorwürfe bestimmen den Streit um die Griechenland-Rettung, zuletzt hatte man Hoffnung, dass sich beide Seiten abregen. Nach dieser Sendung ist klar: Das dürfte so schnell nicht passieren.

Der Streit um die Griechen-Hilfen in Zitaten:


Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
hansaeuropa 16.03.2015
1. klasse Auftritt
von Varoufakis! Gut, dass volkswirtschaftliche Themen nicht angesprochen wurden, sonst hätte Söder noch älter ausgesehen. Warum Deutschland beleidigt ist, wenn Varoufakis die Wahrheit sagt, kann ich nicht nachvollziehen. Dass die deutsche Austeritätspolitik schuld an der Situation, sollte mittlerweile jeder verstanden haben. Ein Ende dieser Politik zu fordern, ist Notwehr und keine Beleidigung.
kategorien 16.03.2015
2. Varoufakis' Ego
Ich wünsche den Griechen alles Gute. Aber ich vermute auch, dass es für Varoufakis nicht um die griechische Wirtschaft, sondern die Wirtschaft an sich geht -- als radikaler Linker, wie er sich selbst beschreibt. Ginge es nur um Griechenland, fände sich gewiss eine Lösung, aber so ist es auch eine ideologische Argumentation, die auf der polemischen Ebene geführt wird. Mit einem BIP von 182 Mrd. $ gehört Griechenland zu den kleinen Staaten in der EU wie Tschechien oder Irland (UK: 2.218 Mrd. $ und D: 2.904 Mrd. $). Umso länger sich Varoufakis derart aufführt, umso größer die Zustimmung für die alte Sparpolitik in der EU-Bevölkerung, was, wie ich finde, auch keine Lösung sein kann. Am Ende wird es Varoufakis' Ego gewesen sein, das alles bewirkt hat.
geisterfahrerii 16.03.2015
3. Fehler
Der Griechische Finanzminister hatte in einem Punkt ganz ohne Zweifel recht. Die größten Fehler sind 2010 gemacht worden, als uns unsere Kanzlerin die Griechenlandrettung als alternativlos verkauft wurde.
rosskal 16.03.2015
4. Varoufakis schwer angreifbar
Dieser "Schuss" ging für die Sendungsmacher eindeutig nach hinten los. Ein besonderer Dank gilt der "taz"-Journalistin Ulrike Herrmann mit ihren sachlichen Einordnungen. Danke. Der Autorin Annett Meiritz ist bezüglich der "Leistungen" der beiden Varoufakis-Kontrahenten Elitz und Söder nur beizupflichten. Herr Jauch lieferte "wieder mal" eine streckenweise peinliche Moderation ab. Sein jungenhaftes Gebahren nebst Mimik passt nun mal nicht zu jedem Thema. Seinen Symphastiewerten dürfte diese Sendung eher geschadet haben.
frankwolfman 16.03.2015
5.
Ich empfand es eher so das Varoufakis von Jauch und Söder stammtischartig überannt worden ist. Man hatte den Eindruck es sollten von vorne rein nur Klischees bedient werden. Sehr peinliche Sendung .
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