Abschied von Jauchs ARD-Talk Es wurde Zeit

Günther Jauch sollte Therapeut, Oberlehrer und Bausparer zugleich sein, er sollte Diskurs und Boulevard zusammenbringen. Ein bisschen viel für den späten Sonntagabend. Zum Jahresende gibt er seinen Talk auf. Gut so.

Jauch in RTL-Sendung (Archiv): Die Zeit ist abgelaufen
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Jauch in RTL-Sendung (Archiv): Die Zeit ist abgelaufen

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Der letzte wirklich bewegende Moment in der Talkshow von Günther Jauch liegt gar nicht so lange zurück. Er ergab sich bei einer Diskussion zur Flüchtlingskatastrophe im April. Da standen alle auf dem Podium und im Publikum auf und legten eine Schweigeminute für die Toten im Mittelmeer und anderswo ein. Eine ergreifende Szene, ein unverlogener Konsensmoment, wie man ihn im großen inszenierten Fernsehgelaber selten hat.

Das Problem: Nicht Günther Jauch hatte diesen Moment initiiert - er wurde vielmehr am überforderten Moderator vorbei organisiert. Ein Flüchtlingshelfer hatte die Gedenkminute spontan eingefordert und damit die Redaktion auf eine harte Probe gestellt. Warum war Jauch eine so einfache, aber überhaupt nicht billige humanistische Geste nicht selbst eingefallen?

Schließlich hatten ihn die Verantwortlichen beim NDR 2011 gegen erhebliche Zweifel verschiedener ARD-Gremien (im Verlaufe der Diskussion oft Gremlins genannt) durchgesetzt, um Politik und Boulevard, um Diskurs und Sentiment zu vereinen.

Therapeut, Oberlehrer, Bausparer

Jauch, der zuvor bei RTL über zwanzig Jahre lang "Stern TV" über die Bühne brachte, schien für die Verantwortlichen der einzige Moderator im deutschen Fernsehen zu sein, der das Potenzial hat, die großen gesellschaftlichen Themen zu durchdringen und gleichzeitig die Sorgen der Zuschauer zu berücksichtigen. Als Therapeut, Oberlehrer und Bausparer in einer Person sozusagen.

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Günther Jauch: Ende des Sonntagabend-Talks
So jedenfalls der Plan. Er ging dann doch nie richtig auf. Als Jauch zum Beispiel als erster Talk-Leiter im Januar ein Mitglied der rechtspopulistischen Bewegung Pegida einlud, konnte die Frau ohne viel zu sagen, Verwirrung stiften, während der Moderator zwischenzeitlich bedröppelt in die Kamera schaute. Als im März zu einer Euro-Diskussion prominent der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis zugeschaltet worden war, wurde dieser erst mit dem Video einer zwei Jahre alten Rede vorgeführt, um ihm danach vollkommen überfordert das Wort zu überlassen. Die Inhalte in der Debatte tendierten gegen Null.

Eine dubiose Dynamik stellte sich zuweilen in der Talkshow ein: Wo Jauch den Populismus hätte entlarven können, zeigte er sich oft sonderbar zahnlos. Und dort, wo er eigentlich die Ressentiments aus dem Diskurs hätte nehmen müssen, da brach sich oft ungebrochen der Populismus Bahn.

Es ist also viel falsch gelaufen in den letzten Jahren bei "Günther Jauch" - aber war es auch immer der Fehler von Günther Jauch? Oder ist es nicht einfach so, dass er von Anfang an scheitern musste? Ein bisschen Gesellschaftskritik im "Tatort", danach noch bei der zweiten Flasche Wein die Welt erörtern? Korrekt, meinungsstark und dann bitte auch noch breitenwirksam?

Vielleicht ist das einfach ein bisschen viel verlangt. Uns fällt doch auch niemand ein, der diesen Job wirklich absolvieren könnte. Günther Jauch hat jetzt die Konsequenzen gezogen, Ende 2015 lässt er seinen Vertrag mit der ARD auslaufen. Auf dem Politboulevard im Ersten werden die Lichter gelöscht. Vielleicht sollten sie aus bleiben.

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helm 05.06.2015
1. Unterhaltung kann er
Da ist gut so. Guten Journalismus kan er nicht. Plaudern ja. Witzig sein auch. Netter Kerl. Das soll er in seinen Unterhaltumgsendungen bei RTL machen aber nicht in einer Talkshow mit politischem Anspruch.
parsimony 05.06.2015
2. Es wurde Zeit?
Immerhin lehnt Günther Jauch das offensichtlich vorliegende Angebot der ARD ab. Und selbst wenn einem der eigene Geschmack sagt, dass er seine Sache nicht gut gemacht hat, so gibt sein Erfolg ihm wohl wenigstens recht. Oder ist nur gemeint, dass es Zeit wurde das Angebot an Politik-Talkrunden im TV zu reduzieren? Diese Hoffnung wird doch vermutlich enttäuscht werden, da ja auch vorher andere dieses Format in der ARD besetzt hatten. Wobei es für mich nicht eindeutig ist, dass Christiansen und co ihre Sache besser gemacht haben.
spontanistin 05.06.2015
3. Den Job kann fast jeder:
Vom Redaktionsteam vorbereitete Fragen ablesen. Und immer schön freundlich bleiben. Es ist schließlich eine Unterhaltungssendung, also seicht und ohne Tiefgang. Wäre ja noch schöner, wenn der Ausklang des Wochenendes das Großhirn fordern würde!
reflexxion 05.06.2015
4. Es sind auch die Umstände die zum Scheitern führten
Ich war vor ein paar Wochen live im Gasometer. Da wurde man aufgefordert mitzumachen, aber eigentlich auch eher nicht und ruhig zu sein. Es ging damals um die Gerechtigkeit bei Gehältern in Deutschland. Das ist wahrscheinlich einfach auch ein Beispiel für die ganze Talkreihe, denn die geladenen Gäste wirkten eher zufällig und sie hatten wohl bis auf den DGB-Chef kein echtes Interesse am Thema. Besonders peinlich fand ich eine bayrische Erzieherin die sich mit 3500 Euro unterbezahlt fand, viele der zahlenden Zuschauer dürften deutlich weniger verdienen. Offensichtlich war die Frau auch aktives Gewerkschaftsmitglied oder sogar eine noch arbeitende Funktionärin, das hörte man am Wortschaftz und den immer gleichen Phrasen die da kamen. Für mich ist dieser Sendeplatz extrem unattraktiv, Sonntag um 21:45 geht die normal arbeitende Befväölkerung ins Bett um sich am näcchsten Morgen wieder brav ausbeuten zu lassen. Ich selbst schau um die Zeit lieber HR3 mit dem Hessenquiz, das ist leichter verdaulich. Schon zu Zeiten von Dietmar Schönherr hat man lernen können das bei Talkshows nie was greifbares rauskommt. Jeder vertritt da nur seine Meinung, bei manchen Moderatoren schreien auch die Gäste viel durcheinander - wenn es Politiker verschiedener Coleur sind. Wenn es ganz schlimm kommt präsentiert auch noch einer nebenher sein nutzloses vom Ghostwriter geschriebenes Buch. Ich habe G. Jauch praktisch nie im TV gesehen am Sonntag abend, live wirkte er nicht wirklich interessiert. Das dürfte auch an seinem privaten Einkommen liegen, das wohl jenseits von ein paar tausend Euro im Monat liegen dürfte. Jauch kann sicher mehr, aber das wird nie bei ARD oder ZDF passieren, weil da zu viele Bürokraten für teures Geld Bürostühle abnutzen. Der Ruf der öffentlich-rechtlichen Sender ist immer noch deutlich besser als das was am Ende an der Antenne raus/reinkommt. Zwangsfinanzierung durch alle, auch die ohne TV-Gerät ist ungerecht und es führt zu neuem Medienelend, weil man ja sowieso bezahlt wird, egal welcher Mist produziert wird. Jauch sollte einfach kürzer treten und das Leben mehr genießen. Ich mach das auch, wenn auch mit deutlich weniger Geld.
torstenschäfer 05.06.2015
5. Verlogener Kommentar
"Warum war Jauch eine so einfache, aber überhaupt nicht billige humanistische Geste nicht selbst eingefallen?" - fragt Christian Buß von SPON. Er sagt nicht, dass eine solche Schweigeminute vermutlich niemals im deutschen TV während einer Talkshow stattgefunden hat und dass noch weniger je ein deutscher Talk-Show-Moderator dazu aufgerufen hat. Jede Wette, dass auch Christian Buß das nicht eingefallen wäre. Aber wer am Schreibtisch sitzt und sein Leben mit Rezensionen anderer Leute Arbeit verdient, kann ja viel schreiben. Papier ist geduldig. Nicht auszuschließen, dass der selbe SPON-Kritiker Jauch heftig angegangen wäre, hätte er denn zu einer Schweigeminute aufgerufen. Man weiß es nicht. Es gibt viele Fernsehkritiken, die beliebig und vor allem selbstgefällig sind. Man biegt es sich so zurecht, wie man meint, dass es dem Publikum gefällt. Jauch hat sicherlich vieles falsch gemacht. Aber so falsch wie dieser SPON-Kommentar wohl kaum. Diese Arroganz Kollegen gegenüber hat er nie praktiziert.
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