Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Islam-Talk bei Günther Jauch: Unser Muslim, das unbekannte Wesen

Von

Talkshow-Gast Kamouss: Der Prediger weiß sich zu inszenieren Zur Großansicht
DPA

Talkshow-Gast Kamouss: Der Prediger weiß sich zu inszenieren

Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss hat mit seinem Auftritt bei Günther Jauch für Schlagzeilen gesorgt. Doch es ist falsch, den Prediger für die Muslime in Deutschland sprechen zu lassen.

Abdul Adhim Kamouss vertritt ein Weltbild, das 1400 Jahre alt ist. Aber er hat begriffen, wie eine Fernsehtalkshow im Jahr 2014 funktioniert. Bei seinem Auftritt in der ARD-Sendung "Günther Jauch" am Sonntag wich er kritischen Fragen aus. Als der Moderator den Prediger auf widersprüchliche Äußerungen aus der Vergangenheit hinwies, redete er sich heraus. Das gehört zum Einmaleins für Talkshow-Profis, das vor Kamouss schon Dauergäste wie Jürgen Trittin, Sahra Wagenknecht und Wolfgang Kubicki zur Perfektion gebracht haben.

Günther Jauch und die anderen Gäste in der Talkrunde haben dem 37-jährigen Berliner den Raum gegeben - und der Prediger, der seit 15 Jahren durch deutsche Moscheen zieht, hat ihn genutzt.

Der gebürtige Marokkaner hat besonders unter Jugendlichen viele Anhänger, die sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Ihnen predigt er, sich nicht anzupassen, sondern stattdessen seinem strengen Islamverständnis zu folgen.

Mit seinen Ansprachen trägt Kamouss dazu bei, dass der Druck auf muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland zunimmt, sich zu verschleiern und züchtig zu kleiden. Wenn Medien kritisch über ihn berichten, wie der WDR 2009 in einer Dokumentation, dann wittert der Imam eine "große Medienkampagne gegen den Islam".

Angesichts des geltungssüchtigen Predigers ging das eigentliche Thema der Sendung "Gewalt im Namen Allahs - wie denken unsere Muslime?" völlig unter.

Schon die Bezeichnung "unsere Muslime" klingt, als wollte Jauch über Schutzbefohlene reden, die man besonders im Auge behalten müsse. Eine Sendung mit dem Titel "Wie denken unsere Christen?" oder "Wie denken unsere Juden" scheint jedenfalls kaum denkbar. Dazu kommt: Eigentlich ist es eine Binse, aber bis zur ARD hat es sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass es "die Muslime" gar nicht gibt. Und schon gar nicht hat Abdul Adhim Kamouss das Recht, im Namen "unserer Muslime" zu sprechen.

Nicht jeder Salafist ist gewaltbereit

Kamouss ist zwar - auch wenn er das selbst bestreitet - ein prominenter Vertreter des Salafismus in Deutschland, der am schnellsten wachsenden Strömung des Islam in der Bundesrepublik. Doch diese zählte nach Angaben des Verfassungsschutzberichts 2013 bundesweit nur 5500 Mitglieder. Das sind etwas mehr als 0,1 Prozent der hier lebenden Muslime.

Von denen wiederum zählt nur eine Minderheit zum dschihadistischen Spektrum, hat also das Ziel, mit der Waffe in der Hand oder dem Sprengstoffgürtel um den Bauch für den Islam zu kämpfen. In Deutschland leben, vorsichtig geschätzt, Hunderttausende Rassisten und Antisemiten. Trotzdem macht nur ein Bruchteil von ihnen Jagd auf Ausländer oder schmeißt Brandsätze auf Synagogen.

Auch unter den 99,9 Prozent nichtsalafistischer Muslime gibt es viele, die einem charismatischen Prediger wie Kamouss gerne zuhören, weil er den Koran schön rezitiert oder weil er blumige sprachliche Bilder formuliert. Trotzdem ist er kein Repräsentant, der "unseren Muslimen" gerecht wird.

Wer spricht für "unsere Muslime"?

Das Problem: Solche Vertreter gibt es nicht. Wer spricht für die Muslime, die zwar vielleicht im Ramadan fasten, aber denen die Religion für den Rest des Jahres ziemlich egal ist? Wer vertritt jene Muslime, die zwar beten und ihren Glauben leben, denen aber trotzdem die Artikel des Grundgesetzes wichtiger sind als die Suren des Korans? Ihre Stimmen sind in deutschen Talkshows so gut wie nie zu hören.

Stattdessen setzen die Sender auf Gäste wie Kamouss oder den Leipziger Prediger Hassan Dabbagh, die schon durch ihr Äußeres gängige Vorurteile gegenüber Muslimen bestätigen. Dabei tragen die wenigsten Muslime in Deutschland einen Turban oder eine traditionelle Dschalabija.

Damit spielen die Talkshow-Macher den Islamisten in Deutschland in die Hände. Diese nehmen für sich in Anspruch, den wahren Islam zu verbreiten. Das Fernsehen gibt ihnen dafür die Bühne und bestätigt sie auch noch in dieser Meinung. Davon leben wiederum Law-and-Order-Politiker wie Wolfgang Bosbach oder die AfD, die fortan medienwirksam vor dem Schreckensbild Islamismus warnen können und mit immer neuen Forderungen Grundrechte beschneiden wollen.

Genauso falsch ist es übrigens, wenn Bosbach wie am Sonntag zum wiederholten Male den Muslimen in Deutschland die Verfolgung religiöser Minderheiten in islamischen Staaten wie Saudi-Arabien vorhält. Ein Muslim aus Dinslaken oder Berlin-Neukölln kann nichts dafür, wenn diese Länder Andersgläubige verfolgen. Und als Abnehmer von deutschen Rüstungsgütern sind die Despoten vom Golf ja ohnehin noch gut genug.

All die Aufregung, weil bisher etwa 400 Muslime aus Deutschland in den Dschihad nach Syrien und in den Irak gezogen sind. Imam Kamouss mag manchen von ihnen ideologisch nahestehen, haftbar gemacht werden kann er dafür nicht. Er sollte aber auch nicht als Sprecher "unserer Muslime" in eine Talkshow eingeladen werden.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 240 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 5500 Salafisten
Argonmann 30.09.2014
Ich bin überrascht, dass hier bei SPON ein Artikel zum Islam für Kommentare geöffnet ist. Nun denn, es passt auch hier die Feststellung: die friedlichen Muslime sind nicht das Problem. Und während sich 0,1 Prozent nach sehr wenig anhört, klingt die absolute Zahl von 5500 Salafisten schon ganz anders. Immerhin sind das 5500 designierte Straftäter, die die deutsche Verfassung nicht akzeptieren.
2.
FrankDr 30.09.2014
Sysop: " All die Aufregung, weil bisher etwa 400 Muslime aus Deutschland in den Dschihad nach Syrien und in den Irak gezogen sind." Ja! Sind 400 Kriegsbereite Extremisten nicht genug? Ab wann soll man sich denn Gedanken machen @Spon? Zehntausende?
3.
ty coon 30.09.2014
Autor: "Auch unter den 99,9 Prozent nicht-salafistischen Muslimen gibt es viele, " Gibt es dazu auch mal belastbare Zahlen? Sind wirklich 99,9 % der Muslime gegen die Scharia und für das Grundgesetz? Die Frage ist deshalb so wichtig, weil sie das Fundament des Beitrags bildet. Also bitte: Haut nicht immer irgendwelche gewünschten Zahlen raus, sondern belegt diese auch! Bei der letzten Umfrage stellten zwei Drittel der Moslems die Scharia über das Grundgesetz.
4. Großartiger Artikel
basti1.0 30.09.2014
Genau das habe ich mir während der Sendung auch gedacht.. Der Artikel bringt es auf den Punkt. Danke dafür!
5. Warum lädt man ihn dann ein?
pingjong 30.09.2014
Das so jemand überhaupt eine Plattform im TV bekommt zeigt doch nur wie ideenlos und wie wenig Format selbst die öffentlich rechtlichen Sender haben!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Kritik an Jauch: "Völlig entglitten"


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: