Krisen-Talk bei Jauch Die transatlantische Distanz

Soll der Westen der Ukraine Waffen liefern? Über diese Frage stritt die Talkrunde bei Günther Jauch. Russland sei nur mit Säbelrasseln zu beeindrucken, meinte ein Ex-US-Diplomat - und bekam dafür einen Rüffel von einem deutschen Ex-General.

Zu Gast bei Günther Jauch: Martin Schulz
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Zu Gast bei Günther Jauch: Martin Schulz


"Europa hat das Krisenmanagement auf seine Ebene gezogen", sprach Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments, mit hörbarer Genugtuung und erntete später Beifall für die eher banale Feststellung, die USA seien nun mal nicht der Nachbar Russlands. Zum ersten Mal verhandele Putin jetzt "mit seinen europäischen Nachbarn, nicht mit Obama". Ex-Botschafter John Kornblum konterte knapp und nicht ohne Süffisanz: "Im Endeffekt liegt die Macht in Washington."

Die Szene war bezeichnend. Auch bei Günther Jauch zeigte sich ziemlich deutlich, dass das transatlantische Verhältnis in den Zeiten verstärkter europäischer Ukraine-Krisendiplomatie nicht eben von sonderlicher Harmonie gekennzeichnet ist.

Dabei zählt Kornblum ja nun nicht einmal zu jenen, die sich in der heiklen Frage möglicher Waffenlieferungen an Kiew bereits endgültig festgelegt haben. Aber diese Option von vornherein ausschließen möchte er auch nicht. Denn das Einzige, mit dem man Putin beeindrucken könne, sei nun mal Stärke, nicht Nachgiebigkeit. Und wenn man "nix tut" und sich auf endloses Verhandeln einlasse, drohe am Ende ein fauler Frieden.

Mit genau solcher Rhetorik des bedingten Säbelrasselns bewirkte der Mann aus Amerika vor allem eines: dass er in dieser Runde Mal um Mal heftigen Widerspruch erntete. Zum Beispiel von Gabriele Krone-Schmalz, der früheren Moskau-Korrespondentin, die die Schuld an der Krise mehr oder minder ausschließlich dem Westen zuwies und sich dabei bisweilen doch sehr in der Rolle der einzig wahren Russland-Kennerin zu gefallen schien.

Bei dem Mann aus Brüssel, der ihr mehrfach, wenn auch nicht immer, beipflichtete, klang das etwas verbindlicher, aber die Distanz zur US-Position wurde deswegen nicht weniger klar erkennbar. Schulz sprach von "zynischen Gedankenspielen" in Washington, mittels Militärhilfe für die Ukraine durch "höheren Blutzoll" den Druck auf Putin zu erhöhen und brachte es ein bisschen gestelzt so auf den Punkt: "Für Deutschland entfällt dieses Thema vollständig."

Unisono wandten sich Schulz wie Krone-Schmalz dagegen, in den von Kornblum immer wieder bevorzugten Kategorien von Stärke und Schwäche zu argumentieren.

Einen Gegner der besonderen Art hatte der US-Diplomat a.D. indes in einem altgedienten Soldaten a.D. gefunden. Harald Kujat, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, nannte es "idiotisch", wenn der Westen eine militärische Lösung überhaupt in Erwägung ziehe. Wenn Russland wolle, könne es den Krieg binnen 48 Stunden beenden. Noch aber seien gar keine regulären russischen Verbände im Einsatz. Jetzt gehe es primär darum, zu verhindern, dass aus dem Bürgerkrieg in der Ukraine ein Krieg um die Ukraine werde.

Wenn Kujat über Realpolitik, Pragmatismus, Interessenausgleich, über Moral und Werte und die unabdingbare Suche nach einem modus vivendi sprach, mutete das teilweise wie außenpolitische Nachhilfe an, geleistet ausgerechnet von einem ehemaligen Militär. Auch er sparte nicht mit Kritik am Umgang des Westens mit Moskau. Beispielsweise sei es "abenteuerlich", gerade jetzt, in der Krise, nicht die Möglichkeiten des Nato-Russland-Rates zu nutzen.

Beruhigendes hatte er allerdings auch mitzuteilen. Es treffe schlichtweg nicht zu, dass es keinen sogenannten "heißen Draht" mehr gebe wie in den Tagen der wechselseitigen atomaren Abschreckung des Kalten Kriegs. Dies sei eines jener Horrorszenarien, wie sie momentan von interessierter Seite in Umlauf gebracht würden.

Zumindest in einer Hinsicht waren sich Kornblum und Kujat, beide etwa gleich alt und mit ähnlichem zeithistorischem Erfahrungshintergrund, dann aber doch einig: dass man mit den Russen "etwas machen kann", wie der Amerikaner es ausdrückte - dass sich mit ihnen verhandeln lasse. Die Frage blieb nur, wie die diplomatische Friedenssuche vonstatten gehen und wie lange sie dauern soll.

Jauch wollte wissen, ob man denn etwa auch noch zu einem siebzehnten Anlauf für ein neues Minsker Abkommen bereit sei. Und prompt kam von Schulz die Antwort, ja, man werde jede Chance nutzen, während Kujat klarstellte, dass es natürlich "keine siebzehnfache Minsk-Vereinbarung", sondern allenfalls ein modifiziertes Abkommen geben werde.

"Kein Krieg, klar", befand schließlich auch Kornblum mit einem leisen Seufzer. Allerdings sei es Putin, der bis zum siebzehnten Versuch sitzen bleiben könne.

Und als es ganz zum Schluss um die Frage ging, wie es der Westen mit der Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, dem russischen Nationalfeiertag, zu halten habe, gab es noch einmal einen kurzen Disput zwischen Krone-Schmalz und Kornblum, der mit einem für diesen Abend symptomatischen Dialog endete:

Sie: "Sie verstehen, was ich meine."

Er: "Nein, ich verstehe es nicht."

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tinosaurus 09.02.2015
1. Putins Sieg
Die Spaltung hat Putin bereits hingekriegt. Das ist für ihn ein großer Sieg. Jetzt kann er sich in Ruhe die Ukraine einverleiben und dann andere abtrünnige Staaten zurück in sein Reich holen. Hier wird Europa regelrecht vorgeführt, nur will sich das keiner eingestehen. Zu sehr wiegen die wirtschaftlichen Interessen, die Angst vor einem ernsten Konflikt. So wird die Ukraine einfach aufgegeben und man übt sich in der Hoffnung, dass es dabei bleibt. Nur, das wird es sicherlich nicht. Europa hatte noch nie einen ernsten Konflikt lösen können. Immer waren es die Amerikaner, die notfalls eingreifen mussten. Ich könnte verstehen, wenn sie langsam die Geduld mit Europa verlieren.
r.muck 09.02.2015
2. Jauchs Bemühen
den Transatlantiker zu geben, scheiterten wie so manches bei ihm, einfach daran, dass es mit einer intelektuellen Ausstattung nich sonderlich weit her ist. Gegen Schwergewichte wie Krone-Schmalz und Kujat, auch gegen Schmidt konnte er nicht punkten, Versuche gab es genug. Schulz in seiner Eindeutigkeit hat mich positiv überrascht. Kornblum war angefressen, weil er merken musste, dass die Hegemonial-Bestrebungen der USA nicht mehr ziehen. Jetzt noch klare Worte der Kanzlerin in Washington und Europa macht wieder Sinn und bekommt ein Gesicht.
neuronenuser 09.02.2015
3. Sie: Das habe ich mir gedacht.
Und mit diesem letzten Satz hat Fr. Krone- Schmalz es dann aufgezeigt: Kornblum hat lediglich das Zeug zum Dummy in einer Talkshow. Dass man diesen Menschen immer wieder als "Vertreter" der USA einlädt, ist bemerkenswert. Wahrscheinlich sitzt er in irgendeiner Villa im Grunewald auf Abruf bereit, falls irgendwo wieder mal ein Ami gebraucht wird, sei es bei Jauch oder bei einer Karnevalsveranstaltung.
cup01 09.02.2015
4.
Kornblum hat mit dem Satz recht, dass die Europäer, allen voran die Deutschen, die Verlierer dieser Krise sein werden, wenn sie dabei zusehen wie ein europäisches Land, weil es ein Handelsabkommen mit der EU unterzeichnen wollte, von seinem Nachbarn militärisch überfallen und zerstückelt wird. Die EU insbesondere Frau Merkel macht m. E. zwei Fehler, sie sind in der Euro-Krise zu hart und gegenüber Putin zu weich. In beiden Fällen werden sie Europa erheblich schaden und auf Dauer schwächen. Es macht darüber hinaus den Eindruck, als wäre unsere Kanzlerin nun doch vor den Deutschen Wirtschaftsinteressen eingeknickt.
kai0816 09.02.2015
5. unbedingt hingehen
Frau Krone-Schmalz hat ganz recht, wenn sie sagt, daß es in Stein gemeißelt ist, daß die 27 Millionen Kriegstoten der Sowjetunion nicht vergessen werden dürfen. Vielleicht können die Polen es sich leisten, eine Einladung zu den Siegesfeiern auszuschlagen. Deutschland ist als unmittelbarer Verursacher dieses Krieges in einer anderen Position.
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