Medizin-Talk bei Jauch: Die Schnippel-Weltmeister

Von Markus Grill

ARD-Talker Jauch: Heroischer Einsatz von Schwestern, Pflegern, Ärzten Zur Großansicht
DPA

ARD-Talker Jauch: Heroischer Einsatz von Schwestern, Pflegern, Ärzten

Deutschland ist Weltmeister: im Operieren. Warum sitzt den Ärzten das Skalpell so locker, warum wird gleichzeitig Pflegepersonal eingespart? Im Medizin-Talk bei Jauch hätte man den Ursachen auf den Grund gehen können - stattdessen nervte ein Politiker als Verteidiger dieses Wahnsinnssystems.

Man fragt sich, warum eine Sendung wie "Günther Jauch" ab einem gewissen Zeitpunkt eigentlich so nervt. Da reden die Gäste über einen wirklich unhaltbaren Zustand, dass nämlich jedes Jahr mehrere tausend Menschen ohne Not operiert werden, weil die Krankenhäuser das Geld brauchen und die Chefärzte für bestimmte Operationen Belohnungen bekommen. Es sitzt ein gut vorbereiteter Moderator da, der die jüngste OECD-Studie erwähnt, nach der im Schnitt der OECD-Länder bei 100.000 Menschen 177 Herzkatheter eingesetzt werden, in Deutschland aber 624. Wir sind Weltmeister im Operieren - und Weltmeister im Einsparen von Krankenschwestern.

Es sitzt mit der ARD-Journalistin Sonia Mikich auch eine Betroffene da, die eine überflüssige OP am eigenen Leib erlebt hat. Es sitzt ein Narkosearzt da, der sagt, dass die Klinik-Geschäftsführung "die klare Anweisung gibt, mehr zu operieren" und es sitzt der AOK-Chef da, der zugibt, "wir müssen am System etwas ändern".

Aber dann kommt bereits in Minute 22 das verwirrende Element der Sendung in Gestalt von Jens Spahn. Herr Spahn, 32 Jahre alt und gelernter Bankkaufmann, ist als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion in Berlin einer der mächtigsten Gesundheitspolitiker überhaupt und mithin verantwortlich für die Zustände. Viele halten ihn sogar für einflussreicher als den FDP-Minister Daniel Bahr. Und was sagt er?

"Wahnsinnig tragisch"

Er zitiert zunächst eine Umfrage, dass 85 Prozent der Patienten mit ihrer Behandlung zufrieden seien. Ja prima. Aber was sagt uns das? Kann ein Patient wirklich beurteilen, ob eine OP bei ihm notwendig oder überflüssig war? Sonia Mikich schreibt in ihrem gerade erschienenen Buch "Enteignet", dass Schmerzmediziner inzwischen der Ansicht sind, in Deutschland seien neun von zehn Bandscheiben-OPs überflüssig.

Spahn dagegen nennt die Falschbehandlung bei Mikich selbst schlicht "tragisch", und dass sie sich als Folge der OP auch noch eine Bauchfellentzündung zugezogen hat, sei sogar "wahnsinnig tragisch".

Aber was heißt hier "tragisch"? Ein Einzelfall? Shit happens?

Wäre es so, könnte ein Gesundheitspolitiker wie Spahn natürlich nichts dafür. Tatsächlich aber ist es so, dass seit Einführung der DRG-Fallpauschalen vor zehn Jahren in Deutschland 27.000 Pflegestellen gestrichen wurden.

An Chefarzt-Boni "nicht viel geändert"

Tatsächlich gibt es auch einen direkten Zusammenhang zwischen der geringen Zahl der Pflegekräfte und der Häufigkeit von Infektionen im Krankenhaus. Und tatsächlich verzichtet Spahns Regierung seit Jahren darauf, für Standards zu sorgen, wie viele Krankenschwestern überhaupt auf einer Station anwesend sein müssen. All dies soll der freie Markt regeln. Gleichwohl sei er kein "Wettbewerbsfetischist", versichert Spahn.

Was er stattdessen sei, verrät er leider nicht.

Selbst für eine Bemerkung hart am Rande der Lüge ist Spahn sich nicht zu schade. So sagt er tatsächlich: "Wir haben die Chefarzt-Boni im Grunde verboten." Jauch schweigt. Selbst Mikich und der AOK-Chef schweigen. Erst Jauchs eigene Redaktion spielt sehr viel später einen Film ein, der klarstellt, dass sich an den Chefarzt-Boni "nicht viel geändert hat" - außer dass die neuen Verträge jetzt offengelegt werden müssen.

Im Faksimile blendet Jauchs Redaktion sogar eine Zielvereinbarung ein, die dem Chefarzt zum Beispiel einen Bonus von mehr als 10.000 Euro zusichert, wenn er mindestens 50 Kniegelenk-OPs in einem Jahr erreicht.

"Empört euch nicht!"

Man kann Spahn eine gewisse Chuzpe bei seinen Talkshow-Auftritten nicht absprechen. Seine nassforsche und lautstarke Art vermittelt vielleicht sogar den Eindruck, es mit einem kritischen Kopf zu tun zu haben. Aber wenn man seinen Appellen genau zuhört wie bei Jauch ("Bitte nicht grundsätzlich das System in Frage stellen!") oder wenn man seine Gesetzesinitiativen liest, bei denen er die Wünsche der Pharmaindustrie umsetzt, weiß man, dass er einer jener Politiker ist, die an den Missständen im Prinzip nichts ändern wollen.

So gibt es auch keine Zahlen, keine medizinische Evidenz, die diese Talkshow-Routine stören könnten. All die bedenklichen Fakten werden zwar zur Sprache gebracht, dann aber gleich wieder relativiert oder abmoderiert, die Diskussion springt auf Nebenschauplätze wie das Einkommen des selbständigen Narkosearztes, die angeblichen Qualitätsanstrengungen der Krankenkassen oder das Einholen einer zweiten ärztlichen Meinung.

Und nur für den Fall, dass um 22.45 Uhr noch ein Zuschauer beunruhigt gewesen sein sollte angesichts des ursprünglichen Themas "Unnötige OPs für satten Gewinne?", lobte Jauch zum Schluss den heroischen, selbstlosen und tröstenden Einsatz zahlreicher Schwestern, Pfleger und Ärzte. Es ist das Gegenprogramm zu einem Denken, zu dem der jüngst verstorbene Stéphane Hessel ermuntert hat. Die Botschaft bei Jauch lautet: "Empört euch nicht!"

Dem Autor auf Twitter folgen:

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
jujo 13.05.2013
Zitat von sysopDeutschland ist Weltmeister: im Operieren. Warum sitzt den Ärzten das Skalpell so locker, warum wird gleichzeitig Pflegepersonal eingespart? Im Medizin-Talk bei Jauch hätte man den Ursachen auf den Grund gehen können - stattdessen nervte ein Politiker als Verteidiger dieses Wahnsinnssystems. Günther Jauch: Medizin-Talk mit Spahn und Mikich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-medizin-talk-mit-spahn-und-mikich-a-899401.html)
Warum werden die Spahns und andere überhaupt bei Jauch und anderen eingeladen, wenn man denen niemand entsprechendes gegenüber setzt. Warum schweigen dann die ausgwiesenen Experten wenn die Spahns ihre Partei und Klientelpolitik als Vertreter der Lobby verkaufen? Ich habe wütend und hilflos umgeschaltet!
2.
thomas_gk 13.05.2013
Nun ja, ein Talk ist ein Talk und kein Work. Insofern ist doch logisch, dass da nur ge r e d e t wird. Zudem, leider leider, nahm Frau Mikich schon ganz zu Anfang der Sendung die Sachlichkeit, indem sie sagte „Der Arzt schickte mich mit einem Kilo Tabletten nach Hause“. Diese Formulierung ist nicht geeignet, ernsthaft zu reden – sie ist eindeutig in die Rubrik gefühltes Wissen einzusortieren. Und die Behandlungskosten wusste dann Frau Mikich auch nicht mehr so genau – hätte sie doch das gestern noch aktuelle Spiegel-Heft dabei gehabt – da hätte sie nachlesen können. Insofern schlitterte das Ganze schon in den ersten Minuten in oberflächliches Gebrubbel. Schade. Leider wird in der Politik diesbezüglich im Interresse weniger gehandelt und die Masse wird es in einigen Jahren ausbaden. Aber das wissen wir doch auch schon bei den Medikamentenkosten. Und bei der Rente. Und bei der Pflege. ...
3. Ladet Fachpersonal ein und keine Hilfsarbeiter.
spon-facebook-10000009156 13.05.2013
Ladet bitte keine Politiker mehr ein, Politiker müssen so reden wegen der Wahlen. Politiker reden viel und doch wenig.
4. Bankkaufmann als Gesundheitspolitiker
jocheno.b. 13.05.2013
Die CDU scheint am Wohl der Bevölkerung nicht mehr interessiert zu sein. Es geht ihr offensichtlich nur noch darum den Wohlhabenden Zucker in den Arsch zu blasen und sich bei den Einflussreichen beliebt zu machen. Dies scheint auf institutioneller Ebene so zu sein und auch bei den Individuen, wo ein überehrgeiziger Nachwuchspolitiker mehr seine eigene Karriere im Auge hat als das Gemeinwohl. Solche Leute gehören in die Wüste geschickt.
5.
joseluisrey 13.05.2013
Lieber Herr Grill, nicht nur bei Jauch lautet die Botschaft: "Empört Euch nicht". Das ist die Botschaft JEDES Beitrags in ALLEN Massenmedien, der die herrschende Zustände zum Thema hat.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Ärzte
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 207 Kommentare
  • Zur Startseite