Jauch-Talk über Fremdenhass Nicht zum Lachen - und trotzdem komisch

Bei Günther Jauch ging es um ein ernstes Thema, den Fremdenhass in Deutschland. Doch die Talkshow wurde nicht nur hitzig, sondern auch unfreiwillig satirisch. Schuld war vor allem ein AfD-Mann mit einer Flagge. Die Sendung im Check.

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Das Thema: "Pöbeln, hetzen, drohen - wird der Hass gesellschaftsfähig?", titelte Günther Jauch mit Blick auf die zunehmende Verrohung im Umgang mit der Flüchtlingskrise. Eine berechtigte Frage angesichts der Zustände im Netz wie auf der Straße. Zumal am Abend der Kölner Oberbürgermeisterwahl, deren Gewinnerin als Opfer eines wohl fremdenfeindlich motivierten Mordanschlags im Krankenhaus liegt. Zu erwarten gewesen wäre also eine sehr ernste Sendung. Gewisse Einspieler und O-Töne sorgten allerdings dafür, dass diese ARD-Talkshow immer wieder haarscharf an dem Format des politischen Kabaretts vorbeischrammte.

Die Runde: Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) brauchte staatsmännische Nervenstärke - und bewies diese auch. Beispielsweise, indem er nicht auf den Vorwurf einging, er verkörpere die Endphase der DDR und singe lieber die Internationale als das Deutschlandlied. Der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU), der samt Schreibtisch für einige Wochen in einen Flüchtlingscontainer umgezogen war, gewährte Einblick in die harte Realität des Alltags, um letzten Endes aber zu dem Schluss zu gelangen: "Wir werden es schaffen."

Anja Reschke, die standhafte "Panorama"-Moderatorin und ARD-Kommentatorin, machte deutlich, dass sie, obwohl deutsche Frau, keine Angst hat - auch nicht vor unkontrollierten Fluten von Hassmails. Ferner war eine Flagge in Schwarz-Rot-Gold anwesend, die über der rechten Armlehne jenes Sessels hing, in dem Björn Höcke von der AfD saß.

Die Atmosphäre: Es ging munter, bisweilen sogar hitzig zu. Maas benutzte als Kommentar für einen Einspieler aus Pegida-Land (Jauch: "Knapp am 'Tausendjährigen Reich' vorbei") das Wort "widerlich" und enthüllte, genau wie Sigmar Gabriel schon mal den Begriff "Pack" verwendet zu haben. Das brachte ihm aus dem beflaggten Sessel prompt den Vorwurf der Polarisierung ein. In eben diese Richtung äußerte sich einmal der Saarland-Minister so: "Wollen Sie mich verarschen?"

Emotionen: Diese zu artikulieren, blieb vor allem Höcke vorbehalten. Als er die Deutschland-Fahne über seine Sessellehne breitete, geschah dies nämlich einzig "aus tiefer Liebe zu Deutschland" und nicht etwa zum Zweck des Ärmelschonens. Vor allem aber drängte es ihn immer wieder, von Angst zu reden - seiner Angst vor Heimatverlust, seiner Angst um Deutschland, das nach tausend Jahren unterzugehen drohe sowie speziell der Angst des weiblichen Teils der Bevölkerung. Ach ja, und die CDU werde aufgrund der "Vermerkelisierung" sowieso untergehen, was ihr aber nur recht geschehe. (Mehr zu den Reaktionen auf Höckes Auftritt bei Jauch lesen Sie hier).

Klarstellung: Seinen vor dem deutschen Volk - oder genauer: vor einigen Tausend angstbeschwipsten Volksdeutschen - geäußerten Befund "Die Angsträume für blonde Frauen werden größer" mochte Höcke so nicht stehen lassen. Richtig sei vielmehr, dass auch rothaarige und brünette deutsche Frauen Angsträume zu haben hätten, und zwar wegen des "kulturellen Kontextes" der Flüchtlinge. Als Reschke wissen wollte, wie er zu der Behauptung komme, ausländische Männer vergewaltigten häufiger Frauen als deutsche Männer, kam allerdings keine Antwort.

Fragen: Weshalb eigentlich hat sich von den mehreren Tausend Mitläufern bei der Galgen-Demo niemand von dem Mordwerkzeug distanziert und den Bastler dingfest gemacht? Auch zu dieser Frage des Justizministers kam von Höcke nichts. Kurz danach behauptete er aber, bei Pegida handle es sich um den "Durchschnitt des Bürgertums". Inwiefern in Deutschland die Meinungsfreiheit eingeschränkt sei (Reschke: "Sie sitzen doch hier in der prominentesten Talkshow"), konnte er auch nicht so genau sagen.

Steilste These: Höcke behauptete: Die trotz minimalen Ausländeranteils so um ihre Heimat besorgten Thüringer und Sachsen wüssten um die drohenden Zustände - schließlich seien sie ja dauernd als Berufspendler in westdeutschen Großstädten unterwegs. Hoffentlich weiß das auch der Arbeitsmarkt.

Aufschlussreichster Moment: Das Mienenspiel Höckes, als die Rede auf die Integrationsbereitschaft kam, die sowohl von den Deutschen als auch von den Ausländern aufzubringen sei, und Maas erklärte: "Auch Neonazis und Rechtsradikale sind nicht integriert."

Knappste Sätze: "Es beginnt immer mit Worten." (Maas) --- "Sie sind so eingemauert." (Reschke zu Höcke) --- "Is egal, lassen Sie ihn!" (Maas zu Jauch, bezogen auf Höcke)

Erkenntnisgewinn des Abends: Ziemlich groß. Vor allem dank der Wirkungsmechanismen der unfreiwilligen Satire.

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