Jauch-Debatte: Mogelpackung mit Maschmeyer

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Maschmeyer bei Jauch: Umstrittener Raffke Fotos
DPA

Millionen-Boni und gigantische Abfindungen: Die Schweizer Anti-Abzock-Initiative befeuert die Debatte über Managergehälter. Bei Günther Jauch durften Liberale und Linke Floskeln austauschen. Würze verlieh der Sendung einzig ein Gast, der als Personifizierung des raffgierigen Unternehmers gilt.

Der NDR bezeichnete ihn als "Drückerkönig", sein Millionenvermögen hat er mit Finanzprodukten gemacht, die Tausende um ihr Erspartes brachten: Unter den Raffkes der Republik gilt Carsten Maschmeyer als einer der umstrittensten. Ausgerechnet dieser Manager war nun auserkoren, bei Günther Jauch Partei für die Top-Manager zu ergreifen - und die Millionengagen zu verteidigen.

Aus Jauchs Sicht ergab die Einladung Sinn. Anrüchiges weckt die Neugier und lockt Zuschauer an, davon kann man ausgehen. Als Experte in Sachen Gehälterexzesse dagegen war Maschmeyer natürlich eine glatte Fehlbesetzung. Er hat sein Vermögen als Gründer des Finanzberaters AWD gemacht und nicht als angestellter Manager. Auch in seiner Rolle als Anteilseigner mehrerer Firmen hatte er nichts beizutragen. Schließlich werden die zur Debatte stehenden Millionengehälter nur in der ersten Liga aufgerufen - in den Top-Etagen der Dax-Konzerne und in der Finanzindustrie.

Doch allein, dass sich Maschmeyer nach all den Querelen mit dem NDR in einer Live-Sendung Fragen stellen lässt, war für Günther Jauch Grund genug, dem Mann die Gelegenheit einzuräumen, das umstrittene Geschäftsgebaren von AWD wortreich zu rechtfertigen. Maschmeyers Argumentationslinie: Der Verkäufer eines Autos sei ja schließlich auch nicht für die Mängel verantwortlich, die der Hersteller verursacht habe. Im Übrigen hätten mehr als 98 Prozent seiner Kunden gutes Geld mit den Geldanlagen verdient.

Jauch stellte lediglich pflichtschuldig ein paar kritische Fragen - von denen aber keine Maschmeyer wirklich schockieren konnte. Dies hatten Kritiker im Sender befürchtet. Bis in die Spitze des NDR gab es nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen Kritik an der Einladung des AWD-Gründers. Jauch ließ seinen Gast nach dem Exkurs in Ruhe. Viel mehr zu sagen gab es für Maschmeyer nicht mehr.

Bekannte Stanzen von Wagenknecht und Brüderle

Für die anderen eigentlich auch nicht - doch die hatten noch Stanzen parat, die sie bei solchen Gelegenheit stets zum Besten geben. Allen voran die Linke Sahra Wagenknecht, die die Spaltung der Gesellschaft beklagte, die Ausbeutung der Arbeitnehmer anprangerte und raffgierige Manager für alle Missstände in der Gesellschaft verantwortlich machte. Nur eine gesetzliche Grenze für Managergehälter, so die stellvertretende Fraktionschefin der Linken, könne dem Übel ein Ende bereiten.

Rainer Brüderle gab den Gegenpart zu Wagenknecht. Der frisch gekürte Spitzenkandidat der FDP warnte davor, Gehälter zu deckeln, nur weil ganz wenige in den Dax-Konzernen die Gesetze des freien Marktes außer Kraft gesetzt hätten. In den meisten Unternehmen seien die Gehälter nach Maßstäben verteilt, die allgemein als wünschenswert formuliert würden. Die Auswüchse will Brüderle durch mehr Mitspracherechte der Aktionäre stoppen.

Das Vorbild dafür bietet der jüngste Volksentscheid in der Schweiz. Ihr Initiator, der Unternehmer Thomas Minder, genießt inzwischen den Ruf eines Wilhelm Tell der Neuzeit. Bei Jauch trat Minder allerdings keineswegs als Vorkämpfer für strenge gesetzliche Limits auf. Eine Obergrenze für Gehälter könne allenfalls in den Statuten der einzelnen Unternehmen niedergeschrieben, aber keineswegs im Rahmen eines Volksentscheids bestimmt werden, weil sie dann gleich Verfassungsrang erlange. So blieb Wagenknecht die einzige, die für eine strikte staatliche Regulierung stritt.

Insgesamt blieb die Sendung damit so simpel, wie Jauch-Sendungen es meist sind. Es blieb bei Behauptungen und diffusem Unbehagen darüber, ob es denn sein kann, dass einer mehrere Millionen Euro pro Jahr wirklich verdient. Und dass ein Mensch wie Bayern-München-Star Frank Ribéry mehr als 20-mal mehr kriegt als die habilitierte Chefärztin und Ehefrau von Marcel Reif, der in der Runde saß, weil er als Neuschweizer zum ersten Mal bei einem Volksentscheid abstimmen durfte.

Diskussion über Winterkorns Gehalt

Natürlich wäre es spannend gewesen, die Fragestellung der Sendung auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Etwa, ob es wirklich, wie Wagenknecht sagt, die Arbeiter und Angestellten sind, die die Leistung erbringen, und welchen Anteil Manager am Erfolg des Unternehmens haben. Oder wieso man nicht verhindern konnte, dass Bankenbosse Millionen-Boni kassierten, obwohl ihre Institute gerade erst mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Interessant wäre auch gewesen zu erfahren, was ein Manager alles aufgeben muss, um Karriere zu machen. Ob die Bilder von den Kindern auf dem Schreibtisch wirklich ein Ersatz sind für die verlorenen gemeinsamen Stunden. Und was es heißt, mit dem immensen Druck zu leben, den die Verantwortung mit sich bringt.

Doch dazu hätte es Experten gebraucht, die möglicherweise einmal etwas ausholen müssen, um ihre Erkenntnisse zu erklären. Womöglich wäre danach nicht mehr so klar gewesen, dass das alles Abzocker sind. Oder dass wir eigentlich nur über ein paar hundert Figuren reden, von denen jeder für sich auch noch sehr unterschiedlich abschneidet.

Man hätte zum Beispiel ganz konkret darüber reden können, ob VW-Chef Martin Winterkorn sein Geld wert ist, der im vergangenen Jahr immerhin 14,5 Millionen Euro kassiert hat. Gerecht wäre wahrscheinlich eine wesentlich niedrigere Summe, aber welche? Knapp 300.000 Euro, wie Wagenknecht ihm zubilligt, oder doch ein bis zwei Millionen Euro, wie der VW-Mitarbeiter Gerhard Wulff glaubt, der zu Beginn der Sendung auftrat. Beurteilen kann man das eigentlich nur, wenn man Winterkorns Arbeit genauer kennt. Was die da oben tun, wissen aber nur die wenigsten von denen, die so energisch darüber debattieren.

Die klügste Frage der Sendung ließ ausgerechnet Brüderle anklingen, aber nur am Rande, und nahezu ungehört: Was käme wohl dabei heraus, wenn die Zuschauer über die Gage von Moderator Jauch entscheiden würden? Am gestrigen Abend wäre sie wohl eher schmal ausgefallen.

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1. verdient
Mertrager 11.03.2013
Das Volk bekommt das Fernsehen, was es will. Oder ? Wer so was anschaut ist selber schuld. Bezahlen muss man das sowieso - egal ob man guckt oder überhaupt einen Fernseher hat.
2. Geld wert?
mimigernaford 11.03.2013
Herr Winterkorn bekommt als Konzernchef knapp € 30 pro Konzernmitarbeiter. Wenn er seinen Job sehr gut macht, gibt es im strukturschwachen Emden Arbeitsplätze wie den von Herrn Wulff, auf dem man knapp € 50.000 im Jahr verdienen kann. Wenn er sich anstellt wie der GM-Opelvorstand, dann nicht. Zwar benötigt der Konzern auch die vielen Herr 8und Frau) Wulffs, dass das Unternehmen "richtig gut" oder "richtig schlecht" läuft, hängt aber an den Winterkorns. Was sollten die dann den Aktionären (und Mitarbeitern) wert sein?
3.
Walter Sobchak 11.03.2013
Ich kann Herr Bruederles Frage beantworten: Keinen cent von mir an Jauch und Co. Mit Bildungsauftrag hat das GEZahlte TV naemlich schon lange nichts mehr am Hut. Ansonsten ist es natuerlich der Arbeiter, ohne den die Manager dumm dastehen wuerden. Wer kann das denn ueberhaupt in Frage stellen?
4. Bitte
mafischer 11.03.2013
"Etwa, ob es wirklich, wie Wagenknecht sagt, die Arbeiter und Angestellten sind, die die Leistung erbringen" ? Habe ich mich etwa verlesen, oder ist das wirklich ihr Ernst, dies in Frage zu stellen?
5. Gerechtigkeit?
adam68161 11.03.2013
Die seit Monaten, ja Jahren, medienträchtig geführte "Gerechtigkeits"debatte ist doch letztlich nichts anderes als ein Umverteilungsvehikel: Wählt mich, denn bei mir kriegt ihr das, was die andern unanständigerweise bekommen haben! Mit Gerechtigkeit hat das allerdings wenig zu tun. In der Diskussion fehlte nur noch der unsägliche Herr Schneider vom paritätischen Wohlfahrtsverband.
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