RTL-Jahresrückblick mit Günther Jauch Von Unheilig bis unwitzig

2012? Für RTL war das offenbar eine willenlose Abfolge von Rührstücken, Rekorden, Pech und Pannen. Und weil es so schön schrecklich war, wird's bei Günther Jauch noch einmal "eventisiert". So willkürlich war Jahresrückblick selten.

Günther Jauch (Archivbild): Hauptsache "eventisierbar"
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Günther Jauch (Archivbild): Hauptsache "eventisierbar"


Bis in die achtziger Jahre ungefähr gehörten die TV-Jahresrückblicke zu den Fernsehereignissen, bei denen sich in meiner Familie mal alle vor dem Bildschirm versammelten, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Damals - die Älteren erinnern sich - waren diese Rückblicke eine Art jahresumspannende Tagesschau, die zumindest grob dem Relevanzprinzip folgte. Man zeigte Berichte von den wichtigsten politischen, kulturellen oder naturkatastrophalen Ereignissen. So einfach, so gut. Jährlich klagt meine Mutter seither zum Jahreswechsel, es gäbe "keine anständigen Rückblicke" mehr.

Sie hat natürlich recht. Aber was soll man machen? Längst ist das Eventisieren die herausragende Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts. Der kontroverse Friedensnobelpreis für die EU? Der Drogenkrieg in Mexiko? Wie soll man aus so was denn vier fluffige Minuten für die TV-Showbühne destillieren? Also weglassen! Was nicht eventisierbar ist, hat nicht stattgefunden.

Die Relevanz kann schauen, wo sie bleibt. Für Bürgerkriege, Krisen, politische Umstürze bleiben ein paar Halbsätze. Viel witziger: Der Student, dessen Hausrat der Sperrmüll geschreddert hat, als er nur mal kurz den Miettransporter für den Umzug holen wollte.

Oder die Merkel, haha! Das war was, als dieser Trottelkellner aus Meck-Pomm ihr ein Tablett voller Bier in den Nacken gekippt hat! Alle haben's auf YouTube gesehen. Günther Jauch hat den Kerl aufgetrieben, und der darf noch mal erzählen, wie das wirklich war: "Ich hatte das Tablett ja schon etwas schräg in der Hand gehabt, und dann gab's von hinten 'nen Schubser." Na klar, die Chefin war sauer: "Ich brauchte auch gar nicht wiederzukommen." Aber jetzt, so ein Glück, hat er wieder einen Job - in einem Hotel, und es ist einfach super. Jauch schenkt ihm ein Scherztablett mit vier Biergläsern, die nicht umkippbar sind.

"Es wäre toll, wenn wir für Griechenland Solarzellen bauen"

Die Euro-Krise darf in "Menschen Bilder Emotionen 2012" immerhin Anlass für eine Menschelei mit Hellenen geben: Günther Jauch präsentiert die elfjährige Livia, die der Kanzlerin aus Mitleid mit den Pleitegriechen einen Brief geschrieben hat: "Ich denke, es wäre toll, wenn wir für Griechenland Solarzellen bauen, denn Griechenland hat so viel Sonne." Süß! Politik ist ja so einfach! Und aber auch kompliziert, wie der freundliche Staatssekretär aus dem Kanzleramt in seinem Antwortbrief an Livia zu Bedenken gibt. Dann darf Livia Ballmädchen sein, als Jauch mit Hannelore Kraft Handball spielt, und bekommt als Abschiedsgeschenk den "Angie-Merkel-Bär".

Ernst wird's nach der Werbepause auch mal kurz: Malala Yousafzai - die elfjährige Schülerin, der die Taliban im pakistanischen Swat-Tal in den Kopf geschossen haben, weil sie sich für den Schulbesuch von Mädchen einsetzte - kann nicht selbst da sein. Ein Freund der Familie sitzt bei Jauch und bestellt herzliche Grüße. Via RTL.de dürfen die Zuschauer Genesungswünsche mailen. Und weiter zum Gangnam Style! Schlimme Zustände in Syrien! Abschied von Dirk Bach! James Bond springt mit der Queen ins Stadion! Costa-Concordia-Havarie! Felix "I bin a Risikomanager" Baumgartner!

"Du bist für uns die Pippi Langstrumpf der Meere"

Das musikalisch Bemerkenswerteste des Jahres? Die kanadische Carly Rae Jepsen trällert ihren überflüssigen "Superhit" (Jauch) "Call Me Maybe". Und der Pathos-Teutonenpop von "Unheilig" darf sich für "unglaubliche 600.000" verkaufte Alben feiern lassen.

Erste Regel beim Eventisieren im RTL-Stil ist: Möglichst das Ereignis eins zu eins in der Kulisse nachempfinden. Also muss der Diskuswerfer Robert Harting im Diskusnetz zeigen, was er kann. Der russische Taxifahrer, der Joachim Gauck kutschiert hat, als Merkel ihn in Sachen Bundespräsident anrief, fährt im Taxi vor. Und für Laura Dekker hat RTL ein Segelboot hälftig aufgeschnitten, damit die 16-Jährige dort mit Jauch über ihre Weltumsegelung plaudern kann: "Du bist für uns die Pippi Langstrumpf der Meere."

Das Jahr 2012? Auf RTL eine willenlose Abfolge von Rührstücken, Rekorden, Pleiten, Pech und Pannen und TV-Ereignissen. Also eigentlich genau so wie 2011, 2010, 2009 und die Jahre davor. Tiefpunkt des mit drei Stunden und 15 Minute auch so schon überlangen Abends: Die Werbemaßnahme für die TV-Reality-Soap "Die Geissens", die auf RTL II läuft. Das blondierte Millionärspärchen Carmen und Robert Geiss absolviert an der Fleischfondue-Tafel einen Champagnertest und röhrt auf rheinisch unwitzig herum. Das "Medienphänomen des Jahres"? Also Günther, mal ehrlich!



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Seite 1
f.b. 10.12.2012
1.
Zitat von sysopDPA2012? Für RTL war das offenbar eine willenlose Abfolge von Rührstücken, Rekorden, Pech und Pannen. Und weil es so schön schrecklich war, wird's bei Günther Jauch noch einmal "eventisiert". So willkürlich war Jahresrückblick selten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-rtl-jahresrueckblick-in-der-tv-kritik-a-871872.html
Es ist mein Herzenswunsch für 2013 diesen aufgeblasenen, massiv überschätzten, offenbar im TV allgegenwärtigen Herrn Jauch nicht mehr sehen zu müssen, ist er doch ein ganz entscheidender Wegbereiter einer unfassbaren Banalisierung des Fernsehen.
Grestorn 10.12.2012
2. Auch typisch Deutsch...
... ist es immer nur etwas zu nörgeln zu haben, immer nur das negative zu sehen und Menschen die unangestrengte, anspruchslose Entspannung nicht zu gönnen. Unsere Welt ist stressig und kompiliziert genug. Da müssen die Niveau-Wächter uns nicht auch noch daran erinnern, dass wir gerade bewusst darauf verzichten, unsere Zeit mit etwas anspruchsvollem zu verbringen. Ich habe immer so den Eindruck, dass diese Leute vorallem deswegen immer wieder so laut auf das primitive "Unterschichten-TV" einprügeln, weil das ein wunderbares Mittel ist, das eigene Selbstbewusstsein aufzumöbeln. Denn man selbst ist ja soooo sehr darüber erhaben. Schade nur, dass diese Leute dabei nicht merken, dass sie sich damit ein Eigentor schießen. Erst recht, wenn man sich dann auf das Niveau begibt, über den Musik-GESCHMACK(!) anderer Leute zu lästern...
Peter_Lublewski 10.12.2012
3. Nichts erwartet
Tja, Herr Twickel, Sie haben doch schon vor dem Schreiben des Artikels einen ordentlichen Vorteil gegenüber den Fernsehmachern gehabt: Sie haben von RTL nichts erwartet und von RTL nichts bekommen. Somit erübrigt sich auch Ihr Artikel.
Inselbewohner, 10.12.2012
4. Jahresrückblick?
Meine Freundin hat es sich angetan und die ersten 20 Minuten ich auch, dann hab ich wieder meinem Lappi angemacht. So was Langweiliges und Zusammengestoppeltes als Jahresrückblick zu verkaufen ist schon eine Frecheit. Ich denke, viele werden zwischendurch umgeschaltet haben, weil es einfach nur Grottenschlecht war. Das hatte schon RTLII Niveau. Gruß HP
wutentbrannt 10.12.2012
5. Ach, das war ein Jahresrückblick?
Zitat von sysopDPA2012? Für RTL war das offenbar eine willenlose Abfolge von Rührstücken, Rekorden, Pech und Pannen. Und weil es so schön schrecklich war, wird's bei Günther Jauch noch einmal "eventisiert". So willkürlich war Jahresrückblick selten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-rtl-jahresrueckblick-in-der-tv-kritik-a-871872.html
Über weite Strecken dachte ich, es handele sich um Wahlwerbung von der SPD.
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