Lebensmittel-Talk bei Günther Jauch Bauer Willi im Billigland

Der Wutausbruch eines Landwirts bot Günther Jauch den Anlass, über die Deutschen und ihren Umgang mit Lebensmitteln zu debattieren. In der Talkshow wurden viele Fragen zwar angeschnitten, aber nicht ausdiskutiert.

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Talkshow-Moderator Günther Jauch: "Lauter Schuldzuweisungen"
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Talkshow-Moderator Günther Jauch: "Lauter Schuldzuweisungen"


Lange hatte Landwirt Willi Schillings geschwiegen. Doch eines Tages platzte ihm der Kragen. Da hatte er "endgültig die Schnauze voll", und zwar speziell, als er mitbekam, wie einem Kollegen umgerechnet nur ein einziger lächerlicher Cent für das Kilo Kartoffeln gezahlt wurde.

Auf seiner Webseite machte "Bauer Willi", wie er sich neuerdings als Blogger nennt, seinem Unmut Luft und holte zu einer veritablen Verbraucherschelte aus. Das brachte ihm nicht nur jede Menge Aufmerksamkeit im Netz ein, sondern auch eine Einladung zu Günther Jauch, der sich zu der Frage veranlasst sah: "Die Wut der Bauern - sind unsere Lebensmittel zu billig?"

Der Verdacht ist ja nicht ganz neu. Bekanntlich sind die Deutschen beim Lebensmittelkauf besonders knauserig und lassen sich ihre Ernährung weit weniger kosten als andere Völker. Grund genug also wieder mal für Ursachenforschung, auch damit der so heftig-deftig angeklagte bundesdeutsche Endverbraucher vielleicht mal etwas dazulernt.

Wer ist schizophren - der Bauer oder der Verbraucher?

Ob der nach dieser Sendung wesentlich klüger geworden ist, darf indes bezweifelt werden - und das nicht nur, weil ihm von Bauer Willi attestiert wurde, er sei schizophren, weil er einerseits als Bürger gewisse Produktionsmethoden - Stichwort Massentierhaltung - kritisiere, während er andererseits als Konsument hartnäckig Billigware bevorzuge.

Ohnehin klang das eher ratlos als richtig unfreundlich, zumal der genervte Agrarier im Grunde eher dem Typ rheinische Frohnatur entsprach. Per Einspieler schwärmte er inmitten seines malerisch blühenden Rapsfelds vom bäuerlichen Lebensgefühl, das einem "das Herz aufgehen" lassen könne, was den ehemaligen Aldi-Manager Thomas Roeb prompt zu der Replik veranlasste, schizophren seien, wenn schon, die Landwirte selbst, weil sie die Idylle von gestern romantisierten und den Fortschritt der Lebensmittelherstellung nicht wahrhaben wollten. Dass die Deutschen immer weniger für ihre Nahrung ausgeben, erklärte er schlichtweg als Folge wachsenden Wohlstands.

Damit waren die Fronten klar. Auf der einen Seite Roeb, heute Marketing-Professor und ebenso wie sein Mitstreiter Jürgen Abraham der felsenfesten Überzeugung, dass sich alles, ob Preise, Produktionsverhältnisse oder Verbraucheransprüche, "aus dem Markt heraus" regele - und auf der anderen die Kritiker eben dieser Sicht der Dinge, verkörpert durch Renate Künast, die frühere Landwirtschaftsministerin, sowie die sachkundige Autorin Tanja Busse. Als diese mit Adressierung an Abraham, der sich einen Namen als Schinkenhersteller gemacht hat und von dem unter anderem zu lernen war, dass Parma-Schinken nicht unbedingt aus Parma stammen muss, die Rede auf Preisabsprachen brachte, regierte der ein bisschen ungehalten.

Die Grünen-Politikerin echauffierte sich derweil darüber, dass Katzenfutter heutzutage teurer sei als Hackfleisch, und offenbarte, dass sie ihr Essen in Bioläden und auf dem Markt zu kaufen pflege, wegen Backpapier oder Dosentomaten aber durchaus auch schon mal einen Discounter aufsuche.

Jauch beklagt "lauter Schuldzuweisungen"

Abgesehen von diesem bisschen Privaten ging es aber natürlich in erster Linie um das große Ganze, das Politische, das System, an dem, so Künast und Busse, so vieles falsch ist ("überall Schieflage") - zum Nachteil der unter Druck stehenden Landwirte ebenso wie letztlich der Verbraucher, die für ihre vermeintlich billig erworbenen Produkte anderweitig zahlen müssten, etwa in Form von Umwelt- und Gesundheitsschäden.

Das Problem bestand allerdings darin, dass keiner der vielen Aspekte wirklich zu Ende diskutiert und über das weite Feld der Fragen wie mit einem Mähdrescher hinweggegangen wurde, noch dazu oft im Insider-Jargon sowie mit Thesen und Behauptungen, bei denen der ganz normale Talkshow-Konsument das Gütesiegel der Verifizierbarkeit vermissen musste.

Anschaulicher und konkreter wurde es allenfalls, wenn Willi Schillings und dann auch noch Timo Wessels aus dem Brandenburgischen zu Wort kamen. Milchbauer Wessels berichtete, wie er angesichts eines Preises von 27,5 Cent pro Liter bei eigentlich benötigten 40 Cent seinen Viehbestand wider Willen immer mehr vergrößern müsse. Wessels forderte analog zum Mindestlohn einen Mindestmilchpreis und gelangte zu dem Schluss, dass es in seinem Metier eigentlich gar keine Marktwirtschaft gebe.

Während die Handels-Vertreter Roeb und Abraham das selbstverständlich völlig anders sahen, gab es von Ex-Ministerin Künast wenigstens gutgemeinte Ratschläge. Mehr und bessere Gegen-Organisation sei gefragt. "Sie müssen als Bauern Druck machen." Und dem bloggenden "Bauer Willi" empfahl sie, sich doch lieber mit den Verbrauchern zu verbünden, statt sie zu attackieren.

Der sah am Ende einer Stunde voll von "lauter Schuldzuweisungen" (Jauch), jedoch wenig Anlass für Optimismus. Seine Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse sei "nach diesem Abend relativ gering".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
Harald Schmitt 11.05.2015
1. Marktwirtschaft
Wenn ich das schon lese wird mir anders:"Milchbauer Wessels berichtete, wie er angesichts eines Preises von 27,5 Cent pro Liter bei eigentlich benötigten 40 Cent seinen Viehbestand wider Willen immer mehr vergrößern müsse.". Das Angebot ist zu groß deswegen sinken die Preise und dann wird noch mehr produziert? Haben die den Markt nicht verstanden? Festgelegte Mindestpreise bringen auch nichts, was soll dann mit der Überproduktion geschehen, die wird dann wieder mit Subventionen ins Ausland verkauft um dort die Märkte zu ruinieren. Wenn sie mehr Geld wollen müssen sie ihre Sachen selbst vermarkten und mal überdenken niedrige Preise mit noch mehr Angebot bekämpfen zu wollen.
frenchie3 11.05.2015
2. Klar, alles ganz einfach
Würden die Bauern mal zusammenstehen und einfach mal verabreden nicht mehr unter Einstandspreis zu verkaufen hätten sie schnell den Preis da wo er hingehört. Der Kunde würde maulen und zahlen. Aber man kann auch nicht verlangen daß ein Fremder den eigenen Lebensstil subventioniert. NUR: dann käme sofort ein Idiot daher und würde die wegen Preisabsprache verklagen und die Presse über das Milchkartell herziehen.
freespeech1 11.05.2015
3.
Wird der Tierschutz durch Gesetze verbessert, ist das gut für die Tiere und positiv, verteuert aber die Produkte, am Gewinn der Bauern ändert sich dadurch nichts, da wir Marktwirtschaft haben. Erhöht man nur den Preis (z.B. Mindestpreis), steigen die Gewinne der Landwirte, die Tiere haben nichts davon, da auch Landwirte Gewinnmaximierung anstreben und den Zusatzprofit ganz sicher nicht in den Tierschutz stecken werden
hschmitter 11.05.2015
4.
Die wenigen Minuten, die ich während eine Werbepause reinzappte, erinnerten an Christiane Sabinsens Zeiten: alles sprach durcheinander und der Zuschauer verstand nichts. Außerdem fragt man sich, warum die immerselben Gesichter zu dem Thema auftreten müssen: Abraham und Künast. Das macht es auch nicht interessanter, da man deren Meinung ja inzwischen schon mitpsrechen kann.
philosophex 11.05.2015
5. Ich bezahle gern mehr
Und die Wahl für Bioprodukte und Fair Trade Produkte ist in der Regel immer die teurere. Ich bin keine Grossverdienerin, im Gegenteil, aber mir würde nicht einfallen, beim Essen knausrig zu sein. Ich lebe in der Schweiz und in den USA, und finde es beiderorts sehr wichtig, als Verbraucher eine Entscheidung zu fällen, sich über Produktionsmethoden zu informieren, und dann gezielt einzukaufen. Verbraucher haben Macht. Ich sehe das in beiden Ländern, es hat sich viel verändert in Sachen Angebot, und vor allem in der Schweiz ist es inzwischen sehr einfach, nachhaltig produzierte Lebensmittel und Kleider zu kaufen. Auch werden mit verschiedenen Kampagnen kleine Bergbauernbetriebe im Saisonbetrieb unterstützt. In den USA muss sich noch viel verändern, und ein grösseres Bewusstsein gegen die Knausrigkeit beim Einkaufen entwickeln, aber unter den wohlhabenderen Leuten gilt der Einkauf bei Wholefoods u.ä. zum Hipster-Lifestyle, während Walmart und andere Discounter-Ketten sehr out sind.
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