Ende von Günther Jauchs ARD-Talk Grundverdutzt am Sonntagabend

Bei ihm wechselten sich Totalausfälle und Sternstunden ab, er war Wegmoderierer und Nun-erzählen-Sie-mal-Gesicht: Nach vier Jahren leitet Günther Jauch am Sonntag zum letzten Mal seinen ARD-Polit-Talk. Unsere Kritiker blicken zurück.


Mittelfinger-Gate

Varoufakis und der Stinkefinger: Die umstrittene Jauch-Sendung vom 15. März
DPA

Varoufakis und der Stinkefinger: Die umstrittene Jauch-Sendung vom 15. März

Es fing mit einer Katastrophe an und wurde danach nur noch schlimmer: Manchen gelte er als "italienischer Bruce Willis" stellte Günther Jauch am 15. März dieses Jahres den damaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis vor. Halb Versprecher, halb misslungener Vergleich: Der erste Satz sollte symptomatisch werden für einen Abend, an dessen Ende Jauch als Polit-Moderator nicht mehr haltbar war.

Mit völlig deplatzierter Unbekümmertheit und augenscheinlichem Unwissen navigierte sich Jauch durch eine Sendung, die in einem beispiellosen Klima der Hysterie und Selbstgerechtigkeit gegenüber Griechenland stattfand. Doch anstatt mit Varoufakis die sachliche Auseinandersetzung zu versuchen, ließ sich Jauch von seiner Redaktion CSU-Hetzer Markus Söder und "Bild"-Trompete Ernst Elitz in die Runde setzen. Neben Gästen, die unverdächtig waren, das Niveau der Sendung zu heben, fühlte sich Jauch stets am wohlsten - schien er doch der erste ARD-Zuschauer zu sein, der sonntags nach dem "Tatort" nicht mit einer neuen Erkenntnis belästigt werden wollte.

Dass ihn seine Redaktion mit dem falsch kontextualisierten Video von Varoufakis' Stinkefinger in Bedrängnis brachte und ihn Jan Böhmermann wenig später mit einer Satire auf eben dieses Video vorführte, machte den Flurschaden komplett. Wer wohl am Montagmorgen der erste ARD-Intendant war, der zum Hörer griff, um mit den Kollegen über die Neuausrichtung des Sonntagabends zu sprechen? Hannah Pilarczyk


Ein Überbleibsel des alten Familienfernsehens

Hat ihn schon mal jemand vor laufender Kamera resolut werden sehen? Selbst wenn Günther Jauch es versucht: Es gelingt ihm nicht. Zum Beispiel am 19. April, als der hoch emotionale Seenotretter Harald Höppner ("Ich möcht jetzt einfach mal die Chance ergreifen...") Jauchs sonntagabendlichen Talk für eine Schweigeminute im Angedenken an ertrunkene Flüchtlinge hijackte. Jauch passte das offensichtlich gar nicht. Doch mehr als "Herr Höppner, ich würde trotzdem gerne... bei allem Gedenken..." brachte er nicht heraus. Wenn er gegenhalten wollte, sagt er: "Da möchte ich jetzt mal widersprechen." Auf dem heißen Stuhl saß man bei Günther Jauch eigentlich nie. Günther, der Sanfte. Kein Zuchtmeister wie Plasberg, kein komödiantischer Despot wie Harald Schmidt und nie so nüchtern-gestreng wie Anne Will - Jauch ist immer freundlich-erstaunt, immer vorsichtig. Und damit fast so etwas wie eine eine antizyklische Figur: ein Überbleibsel des alten Familienfernsehens, irgendwie in das große Polit-Theater des neudeutschen Talkshow-Wesens hineinbugsiert. Christoph Twickel


Die grundverdutzte Grimasse

Ich werde nicht seine Eloquenz, seine Intelligenz und seine Kompetenz vermissen. Sondern seinen Gesichtsausdruck. Keiner guckt, wie Jauch guckt. Keiner will das. Und doch wollen es alle sehen. Gemeint ist nicht die mimische Sau, die er als Moderator von "Wer wird Millionär?" bisweilen rauslässt. Hier gehen schauspielerisches und sadistisches Talent zwar Hand in Hand, hier kann der Mann nach Kräften seine Mundwinkel wippen lassen, die Wangen aufblasen oder spitzbübische Blicke aussenden. Gemeint ist das leergeräumte Normalgesicht, mit dem er in all seine politischen oder gesellschaftlichen Talkshows geht. Es ist sozusagen seine faziale Werkseinstellung. Ein weißes Blatt, auf dem schon eine sanft gehobene Augenbraue wie eine investigative Grimasse wirkt. Schlaffe Wangen, leerer Blick und offener Mund gewähren ihm eine fast schon bundespräsidiale Grundverdutztheit, mit der auf schlaffe Weise alles weggestaunt werden kann - die Fragen auf seinen Karteikarten, die Gäste, deren Antworten, Gott, die Welt. Schaut man nur lange genug in dieses Gesicht, schaut es einem selbst aus der Wäsche. Arno Frank

Günther Jauchs Fernsehkarriere begann im Öffentlich-Rechtlichen: Mit 29 Jahren wurde er Außenreporter in der Sendung "Rätselflug" (SDR). 1988 folgte ein erster Ritterschlag: Das ZDF betraute ihn mit der gelegentlichen Moderation des "Aktuellen Sportstudios". Obwohl er beim ZDF die verschiedensten Aufträge erhielt, wechselte der Moderator schon 1990 zur privaten Konkurrenz RTL.

Dort parlierte er sich durch 891 Folgen des Fernsehmagazins stern TV. Zu einem Eklat kam es, als aufflog, dass in Jauchs Zeit als Moderator des Magazins gefälschte Beiträge des Fernsehjournalisten Michael Born gesendet worden waren.

Bereits 2007 war Günther Jauch als Nachfolger von Sabine Christiansen für den Sonntagabend-Talk der ARD im Gespräch. Die Gespräche scheiterten aber. Jauch bezeichnete die Öffentlich-Rechtlichen damals als "Gremien voller Gremlins".

Seit 1999 moderierte Jauch die RTL-Sendung "Wer wird Millionär". Mit der Show stieg er zum "Schwiegersohn der Nation" auf. Sie katapultierte ihn im Jahr 2005 bei der Wahl zum beliebtesten Deutschen auf Platz 1.

2011 übernahm Günther Jauch den Sonntagabend-Talk der ARD schließlich doch. Nach vier Jahren voller Katastrophen, aber auch Sternstunden tritt Jauch am Sonntag als Talkmaster ab und übergibt an Anne Will. Die Sendung Günther Jauch ist damit Geschichte.


Von der Rolle

Es gab Sendungen, in denen Günther Jauch anzumerken war, dass er litt - nicht aus Desinteresse, sondern gerade weil ihm der Gesprächsstoff selbst zusetzte. Die dunklen, kritikwürdigen Seiten seiner katholischen Kirche beispielsweise waren solch ein Thema, das ihn regelrecht fuchsig werden lassen konnte. Als es am 3. Februar 2013 um die Rolle des "Konzerns Kirche" als gnadenloser Arbeitgeber ging, was dem Blick in ein wahrhaft erschütternd anmutendes Paralleluniversum gleichkam, machte er keinen Hehl daraus, dass er die scharfe Kritik an derlei Zuständen teilte, und verließ immer wieder die Rolle des neutralen Moderators. Das wirkte nicht nur spontan und echt, sondern verstärkte auch den aufklärerischen Effekt der Sendung. Es war diese demonstrative Ungehaltenheit, in der sich Haltung offenbarte, was ja ansonsten nicht immer der Fall war. Mathias Zschaler


"Schwiegersohn der Nation"

Das Gequetschte, das leicht Gequälte, das Unterdrückte, das war die Form des Fernsehmannes Günther Jauch. Warum er das alles machte? Man ahnte es nicht mal. Ab und zu tauchte er mit seinem Freund Gottschalk noch in Spaßsendungen auf, was einen besonderen Spieltrieb suggerierte, den man ihm sonst nicht anmerkte. Er war der "Schwiegersohn der Nation", das war die Charakterisierung, und man vergaß dabei oft, was das bedeutete: ein unfreier Bursche eben, nicht ganz Herr der Lage, Spielball der Frauen, der Kräfte, der Interviewpartner, eine Weichheit im Wesen, die andere, in diesem Fall die Deutschen, irgendwie zu beruhigen schien. Sie hatten nichts zu befürchten von ihm, die Zuschauer, die Gäste, niemand, das war sein Versprechen, das war sein Scheitern. Denn, das wurde immer deutlicher, je politischer die Zeiten wurden: Im Grunde verstellte er sich, im Grunde ist er womöglich vor allem kontrolliert und hart. Und so wurden auch seine Sendungen immer alarmistischer und der Islam nur noch im Modus des Ausrufezeichens diskutiert. Was bleibt also? Die Erinnerung an eine erst stille, dann panische Zeit. Und eine gequetschte Stimme. Georg Diez


Nun erzählen Sie mal

Jauch mit Holocaust-Überlebenden: Wach, klug, mit grimmigem Witz
imago/ Müller-Stauffenberg

Jauch mit Holocaust-Überlebenden: Wach, klug, mit grimmigem Witz

Es sollte um Auschwitz gehen. Man sah der Sendung mit Bangen entgegen. Geleitet von einem Alleswegmoderierer, in einem Umfeld, in dem sonst Parteisoldaten Sprüche aufsagen, an einem Ort, der ausgerechnet auch noch Gasometer heißt. Und doch: Der Talk, den Günther Jauch Ende Januar zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung moderierte, war eine Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Erinnerungsfernsehens. Und zwar eben deshalb, weil Jauch seine Talk-Routine abspulte. Unbefangen oder einfach nur gleichgültig? Egal, die Sache funktionierte: Wo in anderen Sendungen zum Thema so salbungsvoll, so staatstragend, so vorsichtig gesprochen wurde, dass vom grausamsten Auswuchs des grausamsten Menschheitsverbrechens nur noch Gedenkfolklore übrig blieb, da setzte Jauch sein Nun-erzählen-sie-mal-Gesicht auf. Und brachte genau dadurch die beiden Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer und Eva Erben dazu, wach, klug, mit unauslöschbarem grimmigen Witz von ihrem Leben zu erzählen. Eine richtig gute Jauch-Sendung. In meiner Erinnerung ist es die einzige richtig gute Jauch-Sendung. Christian Buß

Vote
Das Ende von Günther Jauchs Polit-Talk

Was halten Sie vom Ende des Polit-Talks von Günther Jauch?



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.