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17. März 2014, 07:11 Uhr

Jauch-Talk zu Hoeneß

Zwei Sorten "Sozialschmarotzer"

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Mehrere Hoeneß-Spezis diskutierten bei Günther Jauch den Sturz des Bayern-Präsidenten. Einer hatte Erhellendes beizutragen, bei Waldemar Hartmann begrüßte man, dass die Wortbeiträge begrenzt waren. Gute Figur machte die Ex-Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin.

Woran denkt Waldemar Hartmann, wenn er den Begriff "Sozialschmarotzer" hört? Richtig, es fallen ihm jene Leute ein, die unberechtigt staatliche Sozialleistungen beziehen. Dass es sich auch bei Uli Hoeneß, der den Staat und somit die Allgemeinheit um sehr viel Geld betrogen hat, um einen derartigen Schmarotzer handeln könnte, passt offenkundig nur schwerlich ins handgeschnitzte weißblaue Weißbier- und Fußball-Weltbild, wenn jemand obendrein auch noch ein Freund vom Uli ist. Als solcher saß Hartmann, bekannt auch als Waldi, bei Günther Jauch. Und damit ist das Günstigste über seine Anwesenheit im Prinzip schon gesagt - dass er die meiste Zeit einfach nur dort saß.

Zum Glück zählte zu den Gästen auch Hertha Däubler-Gmelin, die frühere sozialdemokratische Bundesjustizministerin. Sie rückte einiges gerade, vor allem mit ihrer Schlussbemerkung, dass es wohl doch einen gewissen Unterschied mache, ob ein Herr Hoeneß einzusitzen habe oder ein Hartz-IV-Schwindler.

Es war eine teilweise irrlichternde Diskussion mit merkwürdig gereizten Untertönen. Abermals wurde Befremden geäußert über den kurzen Prozess, der vieles ungeklärt lasse - nun also auch von der Ex-Ministerin; es könne ja immerhin sein, dass die Staatsanwaltschaft noch in Revision gehe, meinte sie. Und Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" ließ verlauten, dass das Recherchieren weitergehe, speziell auch dazu, woher denn einst die dreistelligen Millionenbeträge des Spekulanten Hoeneß tatsächlich stammten.

Exkurs zu Gerechtigkeitsdefizit im Steuerrecht

Jörges reüssierte ansonsten in einer interessanten Doppelrolle: einerseits als Journalist jener Zeitschrift, deren Recherchen die Affäre ins Rollen brachten und andererseits als Freund des Delinquenten. Letztere Rolle nahm Jörges allerdings auf deutlich andere Weise als Spezi Hartmann wahr. Ja, Steuerhinterziehung sei asozial, wetterte Jörges, und er habe das Hoeneß auch klar zu verstehen gegeben. Er habe Hoeneß gesagt, dass dieser, entgegen seinem entsprechenden Dementi vor Gericht, eben doch ein "Sozialschmarotzer" und das Urteil "richtig und notwendig" sei.

"Absturz mit Anstand?" hatte Jauch seine Sendung betitelt, wohl um dem gefallenen Helden für seinen raschen, mannhaften Entschluss zum Gang hinter Gitter gleichsam frischen Lorbeer zu winden nach all den Schmähungen. Den vermochte Jakob Augstein, "Der Freitag"-Chef und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, nirgendwo zu erkennen. In schöner floristischer Metaphorik sah er vielmehr "Rosenbetten", auf denen der Verurteilte in den Knast geleitet werde, mokierte sich über "diese grauenhafte Überhöhung" und empfahl, den Blick von der "boulevardesken Individualisierung" auf das gesellschaftliche Strukturproblem der Umverteilung von unten nach oben zu richten.

Das geschah auch, und zwar in Form eines Exkurses in jene bereits in gefühlten tausend Debatten erkundeten Gefilde des Steuerrechts mitsamt all den damit verbundenen Gerechtigkeitsdefiziten. Augstein brachte es auf die Formel, dass es hierzulande ein "Reichen-Steuerrecht" gebe. Es nehme denen, die viel haben, wenig weg. Dass vieles im Argen liegt, war weitgehend Konsens, auch dass die strafbefreiende Selbstanzeige eigentlich abgeschafft gehöre.

Nun hatte aber der Gastgeber auch den sauerländischen Nadelfabrikanten Thomas Selter eingeladen, und damit kam eine Gesprächskomponente hinzu, mittels derer auch schon andere Talkmaster versucht haben, ihre Hoeneß-Sendungen aufzupeppen.

Der FC Bayern ohne Uli Hoeneß - schwer vorstellbar

Unternehmer Selter durfte also die Überlegung ins Spiel bringen, dass es außer der Steuerhinterziehung auch die Steuerverschwendung seitens der immer einnahmegierigeren Politik gebe. Er tat das im Duktus eines Mittelstandspopulismus, nach dessen Denkmuster alles Private generell besser ist als das, was von Staats wegen geschieht. Ohne allzu großen Widerspruch konnte er behaupten, Politiker hätten im Unterschied zu Unternehmern nicht für verfehlte Investitionen zu haften. Das war insofern ärgerlich, als man ihm - Stichworte Bankenkrise, Firmenpleiten und Boni - einiges hätte entgegenhalten können.

Irgendwie schaffte man es dann doch noch, die Kurve zurück zum Fußball und Hoeneß zu kriegen. Dass Freund Waldi sich mit der Vorstellung eines FC Bayern ohne den Uli ähnlich schwer tat wie das normale Fan-Volk - wen wundert's? Aber auch Jörges, der die Betrachtungsebenen zum gleichzeitig sozial engagierten wie sich asozial verhaltenden Hoeneß sonst so säuberlich zu trennen wusste, mochte letztendlich aus seinem Fan-Herzen keine Mördergrube machen und äußerte die Hoffnung, dass der Bayern-Boss a.D. nach vollbrachter Buße womöglich noch einmal zurückkehren könne.

Und dann hatte er noch eine besonders originelle Idee: Wenn es richtig gut laufe, werde aus dem geläuterten Straftäter eines Tages eine Art Kronzeuge gegen die Steuerhinterziehung. Das darf man dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben nennen.

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