Jauch-Talk zu Hoeneß Zwei Sorten "Sozialschmarotzer"

Mehrere Hoeneß-Spezis diskutierten bei Günther Jauch den Sturz des Bayern-Präsidenten. Einer hatte Erhellendes beizutragen, bei Waldemar Hartmann begrüßte man, dass die Wortbeiträge begrenzt waren. Gute Figur machte die Ex-Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin.

Uli Hoeneß: Jauch-Debatte über "Absturz mit Anstand?"
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Uli Hoeneß: Jauch-Debatte über "Absturz mit Anstand?"


Woran denkt Waldemar Hartmann, wenn er den Begriff "Sozialschmarotzer" hört? Richtig, es fallen ihm jene Leute ein, die unberechtigt staatliche Sozialleistungen beziehen. Dass es sich auch bei Uli Hoeneß, der den Staat und somit die Allgemeinheit um sehr viel Geld betrogen hat, um einen derartigen Schmarotzer handeln könnte, passt offenkundig nur schwerlich ins handgeschnitzte weißblaue Weißbier- und Fußball-Weltbild, wenn jemand obendrein auch noch ein Freund vom Uli ist. Als solcher saß Hartmann, bekannt auch als Waldi, bei Günther Jauch. Und damit ist das Günstigste über seine Anwesenheit im Prinzip schon gesagt - dass er die meiste Zeit einfach nur dort saß.

Zum Glück zählte zu den Gästen auch Hertha Däubler-Gmelin, die frühere sozialdemokratische Bundesjustizministerin. Sie rückte einiges gerade, vor allem mit ihrer Schlussbemerkung, dass es wohl doch einen gewissen Unterschied mache, ob ein Herr Hoeneß einzusitzen habe oder ein Hartz-IV-Schwindler.

Es war eine teilweise irrlichternde Diskussion mit merkwürdig gereizten Untertönen. Abermals wurde Befremden geäußert über den kurzen Prozess, der vieles ungeklärt lasse - nun also auch von der Ex-Ministerin; es könne ja immerhin sein, dass die Staatsanwaltschaft noch in Revision gehe, meinte sie. Und Hans-Ulrich Jörges vom "Stern" ließ verlauten, dass das Recherchieren weitergehe, speziell auch dazu, woher denn einst die dreistelligen Millionenbeträge des Spekulanten Hoeneß tatsächlich stammten.

Exkurs zu Gerechtigkeitsdefizit im Steuerrecht

Jörges reüssierte ansonsten in einer interessanten Doppelrolle: einerseits als Journalist jener Zeitschrift, deren Recherchen die Affäre ins Rollen brachten und andererseits als Freund des Delinquenten. Letztere Rolle nahm Jörges allerdings auf deutlich andere Weise als Spezi Hartmann wahr. Ja, Steuerhinterziehung sei asozial, wetterte Jörges, und er habe das Hoeneß auch klar zu verstehen gegeben. Er habe Hoeneß gesagt, dass dieser, entgegen seinem entsprechenden Dementi vor Gericht, eben doch ein "Sozialschmarotzer" und das Urteil "richtig und notwendig" sei.

"Absturz mit Anstand?" hatte Jauch seine Sendung betitelt, wohl um dem gefallenen Helden für seinen raschen, mannhaften Entschluss zum Gang hinter Gitter gleichsam frischen Lorbeer zu winden nach all den Schmähungen. Den vermochte Jakob Augstein, "Der Freitag"-Chef und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, nirgendwo zu erkennen. In schöner floristischer Metaphorik sah er vielmehr "Rosenbetten", auf denen der Verurteilte in den Knast geleitet werde, mokierte sich über "diese grauenhafte Überhöhung" und empfahl, den Blick von der "boulevardesken Individualisierung" auf das gesellschaftliche Strukturproblem der Umverteilung von unten nach oben zu richten.

Das geschah auch, und zwar in Form eines Exkurses in jene bereits in gefühlten tausend Debatten erkundeten Gefilde des Steuerrechts mitsamt all den damit verbundenen Gerechtigkeitsdefiziten. Augstein brachte es auf die Formel, dass es hierzulande ein "Reichen-Steuerrecht" gebe. Es nehme denen, die viel haben, wenig weg. Dass vieles im Argen liegt, war weitgehend Konsens, auch dass die strafbefreiende Selbstanzeige eigentlich abgeschafft gehöre.

Nun hatte aber der Gastgeber auch den sauerländischen Nadelfabrikanten Thomas Selter eingeladen, und damit kam eine Gesprächskomponente hinzu, mittels derer auch schon andere Talkmaster versucht haben, ihre Hoeneß-Sendungen aufzupeppen.

Der FC Bayern ohne Uli Hoeneß - schwer vorstellbar

Unternehmer Selter durfte also die Überlegung ins Spiel bringen, dass es außer der Steuerhinterziehung auch die Steuerverschwendung seitens der immer einnahmegierigeren Politik gebe. Er tat das im Duktus eines Mittelstandspopulismus, nach dessen Denkmuster alles Private generell besser ist als das, was von Staats wegen geschieht. Ohne allzu großen Widerspruch konnte er behaupten, Politiker hätten im Unterschied zu Unternehmern nicht für verfehlte Investitionen zu haften. Das war insofern ärgerlich, als man ihm - Stichworte Bankenkrise, Firmenpleiten und Boni - einiges hätte entgegenhalten können.

Irgendwie schaffte man es dann doch noch, die Kurve zurück zum Fußball und Hoeneß zu kriegen. Dass Freund Waldi sich mit der Vorstellung eines FC Bayern ohne den Uli ähnlich schwer tat wie das normale Fan-Volk - wen wundert's? Aber auch Jörges, der die Betrachtungsebenen zum gleichzeitig sozial engagierten wie sich asozial verhaltenden Hoeneß sonst so säuberlich zu trennen wusste, mochte letztendlich aus seinem Fan-Herzen keine Mördergrube machen und äußerte die Hoffnung, dass der Bayern-Boss a.D. nach vollbrachter Buße womöglich noch einmal zurückkehren könne.

Und dann hatte er noch eine besonders originelle Idee: Wenn es richtig gut laufe, werde aus dem geläuterten Straftäter eines Tages eine Art Kronzeuge gegen die Steuerhinterziehung. Das darf man dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben nennen.

Uli Hoeneß - Bilder einer Karriere
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Teamkollegen unter sich: Hoeneß (r.) und Gerd Müller 1973. Der heutige Bayern-Präsident wurde am 5. Januar 1952 in Ulm geboren. Als 18-Jähriger wechselte er zum FC Bayern. Dort gehörte er mit Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Co. zum Erfolgsteam, das in den Siebzigern Titel in Serie gewann.

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Damals entstanden in München und auch in der Nationalmannschaft Bande, die bis heute halten. Müller ist heute Co-Trainer der zweiten Mannschaft, Jupp Heynckes (r.) führte die Bayern vergangene Saison zum Triple aus Sieg in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League.

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Unter Bundestrainer Helmut Schön debütierte Hoeneß (2.v.r.) 1972 in der Nationalmannschaft und traf gleich im ersten Spiel gegen Ungarn. Bereits einen Monat später erzielte er die frühe Führung im EM-Viertelfinale gegen England und wurde kurz darauf mit dem DFB-Team Europameister. 1973 nahm die Nationalmannschaft den Ohrwurm-Song auf: "Fußball ist unser Leben".

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1974 das Turnier im eigenen Land: Hier musste sich unter anderem der Australier James Mackay der Dynamik des Außenstürmers Hoeneß geschlagen geben. Beim 4:2 gegen Schweden traf Hoeneß zum Endstand.

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Nach dem gewonnenen WM-Finale gegen die Niederlande (2:1) feierte Hoeneß mit Beckenbauer den Titel. Es war der Höhepunkt einer kurzen Karriere, in der Hoeneß nahezu alle wichtigen Titel des Weltfußballs gewinnen konnte. Mit dem FC Bayern wurde er jeweils dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister. Bereits im Alter von 27 Jahren musste er aber wegen eines Knorpelschadens im Knie seine Karriere beenden - und wechselte ins Management des FC Bayern.

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1982 überstand er nur knapp einen Flugzeugabsturz: Mit drei Freunden war Hoeneß zu einem Länderspiel nach Hannover geflogen, beim Anflug auf die Landeshauptstadt stürzte die Propellermaschine ab, der Bayern-Manager überlebte als Einziger. Als Hoeneß am nächsten Tag im Krankenhaus erwachte, fragte er: "Wie ist das Länderspiel ausgegangen?"

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Hoeneß professionalisierte den Verein und setzte auch bei seinen Trainern gern auf alte Freunde. Heynckes (3.v.r.) war erstmals von 1987 bis 1991 für die Mannschaft verantwortlich. Mit Kapitän Klaus Augenthaler (Mitte) feierten die Bayern-Bosse hier die Meisterschaft 1990.

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Heynckes und Augenthaler gehörten zum Bayern-Kosmos, den Hoeneß zusammenhielt. Neben aller Professionalität zeigte sich aber auch immer wieder das soziale Engagement des früheren Managers und heutigen Präsidenten. Als etwa Gerd Müller unter Alkoholsucht litt, war es Hoeneß, der dem ehemaligen Mitspieler wieder auf die Beine half und ihm einen Job beim Rekordmeister gab.

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Hoeneß gefiel sich auch in der Rolle des Gönners. So bot er dem FC St. Pauli ein Freundschaftsspiel an, um so den damals finanziell heftig angeschlagenen Hamburgern zu helfen. Dafür gab es vom damaligen St.-Pauli-Präsidenten Corny Littmann ein Retter-T-Shirt.

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Christoph Daum war über Jahre Hoeneߑ Intimfeind. Daum sollte 2000 deutscher Nationaltrainer werden. Doch Hoeneß machte Daums Kokainkonsum öffentlich, was zu heftigen Anfeindungen gegen den Bayern-Manager führte. Daum unterzog sich freiwillig einer Haarprobe mit den Worten: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe." Dummerweise bewies diese Haarprobe seinen Drogenmissbrauch, Hoeneß lag richtig.

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Ein inniger Freund von Hoeneß wurde der langjährige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld. Von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008 war er Trainer in München, verlor 1999 im denkwürdigen Champions-League-Finale gegen Manchester United - und gewann den Titel zwei Jahre später gegen den FC Valencia.

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Auf Hitzfeld folgte Felix Magath, der beim VfB Stuttgart sein Händchen für talentierte Jungprofis unter Beweis gestellt hatte. Bei den Bayern gelangen Magath zwei Doubles aus Meisterschaft und Pokal in Folge. Doch der Trainer und Hoeneß rieben sich aneinander. Nach einem schlechten Rückrundenauftakt 2007 hatte der damalige Manager genug von seinem Coach, Magath musste gehen.

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Hitzfeld gab sein Comeback in München. Er sprang ein und blieb länger als ein Jahr. Im Mai 2008 verabschiedete sich Hitzfeld endgültig vom FC Bayern - mit der Meisterschaft und vielen Tränen. Da musste auch Hoeneß weinen.

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Nach dem emotionalen Abschied folgte Hoeneߑ wohl größtes Experiment: die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Der als Modernisierer und Reformer geholte Ex-Stürmer scheiterte und wurde im April 2009 nach nicht einmal einem Jahr gefeuert. "Bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt", sagte Hoeneß später. Für den Rest der Saison übernahm Heynckes, der noch die Qualifikation für die Champions League schaffte.

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Es folgte der Neustart mit einem Niederländer: Louis van Gaal. Der führte die Bayern zum Sieg in Pokal und Meisterschaft sowie ins Finale der Champions League. Aber es prallten zwei gewaltige Egos aufeinander, van Gaals Zeit war bald abgelaufen. "Fachlich war er top. Dass er menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt", urteilte Hoeneß.

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Auf das holländische "Feierbiest" folgte wieder ein Mitglied der Bayern-Familie. Zum dritten Mal trat Heynckes die Trainerstelle beim FCB an - und stellte Hoeneß zufrieden. Heynckes habe die "kranke Seele" des Rekordmeisters geheilt, so der Präsident. Heynckes holte in seiner Abschiedssaison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Im Sommer ging er in den Ruhestand.

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Die Steueraffäre wurde ausgerechnet im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte öffentlich. 2013 holte der FC Bayern nämlich nicht nur das Triple, sondern zudem noch den europäischen Supercup und den Weltpokal. Hoeneߑ Auftritt bei der Jahreshauptversammlung im November wurde mit großer Spannung erwartet, die Affäre war seit einem halbem Jahr publik.

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Der Präsident hielt eine flammende Rede und wurde anschließend lautstark von den Mitgliedern gefeiert. Die "Uli, Uli"-Sprechchöre wollten kein Ende nehmen, was Hoeneß zu Tränen rührte. Wir, der FC Bayern München, sind eine Familie - das war die Botschaft an diesem Abend.

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Die Bayern-Familie wird Hoeneß vor Gericht nicht helfen können. Die Justiz entscheidet, ob der 62-Jährige wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird und ob er womöglich ins Gefängnis muss.

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