RTL-Jahresrückblick Momente, in denen man sich zum Scham-Shrimp krümmt

Terror, Flüchtlinge und - völlig überraschend - Helene Fischer: Günther Jauch präsentierte in "2015! Menschen, Bilder, Emotionen" die RTL-Sicht auf das ablaufende Jahr. Seine Moderation lustlos zu nennen, wäre noch nett.

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Wenn man Adele nur eine Frage stellen könnte, eine einzige, dem derzeit gefragtesten Weltstar, den man auch noch Deutschland-exklusiv in seiner Sendung hat, welche wäre es dann?

"Wie heißt Ihr Dackel?" ist die Variante, für die sich Günther Jauch entschied. Klingt für alle nur leidlich Wursthundinteressierten erst einmal komisch, bietet aber einen gewissen Erkenntnisgewinn: "Louis Armstrong" heißt das Tier, das Jauch in der Garderobe entdeckte. Man lernt etwas dazu, man erfährt etwas Neues. Ein seltener Moment bei "2015! Menschen, Bilder, Emotionen".

Denn der Informationsgehalt der vielen Schnipsel-Gespräche lässt sich meist auch innerhalb von zwei Minuten beim nachlässigen Googeln toppen, da passiert wenig, was über das hinausginge, was man als durchschnittlich interessierter Nachrichtenkonsument schon wusste. Und mitunter stellt Jauch auch Fragen, die schon im Einspieler unmittelbar davor beantwortet wurden - altväterlich wie die Tatsache, dass immer noch nur die weiblichen Gäste einen Blumenstrauß bekommen. Warum eigentlich?

Momente der Scham

Aber das ist nur langweilig, das kann man gut aushalten, ist ja schon spät am Sonntagabend und bald Schlafenszeit. Schlimmer sind die Momente, in denen man sich auf dem Sofa zu einem Scham-Shrimp krümmt. Wenn Jauch einer jungen Frau mit schweren Brandnarben im Gesicht, die bei einem fassungslos machenden Zündelstreich eines Mitschülers fast ums Leben kam und die sonst eine Kompressionsmaske tragen muss, sagt: "Vorsicht, wenn Sie damit bei der Sparkasse vorbeischauen."

Wenn er zwei Überlebenden des Terroranschlags im Pariser Konzertsaal Bataclan sagt, sie hätten nun ja ihre Eiffelturm-Tattoos, die sie sich hinterher stechen ließen, "damit Sie sich da auch immer dran erinnern" - als sei dieser Abend nicht ohnehin für immer eingebrannt. Und wenn er Flüchtlingsmädchen Reem, das durch ihre Streichelbegegnung mit Angela Merkel bekannt wurde, für ihr gutes Zeugnis lobt, das eifrig hergezeigt wird, die einzige Eins in Deutsch in ihrer Klasse, da muss man doch die Daumen drücken, dass sie bleiben darf - als müsse man sich das Recht aufs Bleiben erst verdienen.

Schweiger, Flecki, Lewandowski

Viele Gespräche erinnern an taktvollen, aber interesselosen Weihnachtsbesuchs-Smalltalk mit Verwandten, die gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe sind, man hakt da nicht so nach, man will niemanden aufregen.

Til Schweiger, der als Regisseur des erfolgreichsten Films "Honig im Kopf" geladen war, hätte man interessehalber auch noch fragen können, wie er aktuell zur ESC-Causa um Xavier Naidoo stehe - Schweiger hatte das Verhalten der Medien in diesem Fall als "Form des Terrorismus" bezeichnet - sieht er die öffentliche Kritik jetzt anders, da Naidoo gerade ein befremdliches neues Lied mit völlig entgleister Judenstern-Metaphorik veröffentlicht hat?

Oder, falls dieses Thema zu brisant ist: Lief Autobahnraststätten-Ausbüchserhund Flecki wirklich weg, weil ihn ein Knall erschreckte - oder wollte er doch einfach zurück zum kroatischen Tierheim, aus dem er gerade gerettet worden war, wie dessen Leiterin in der Presse behauptete?

Doch Jauch bestaunte stattdessen die Tatsache, dass Thomas Gottschalk es fertig brachte, ein Buch über sein eigenes Leben zu schreiben: "Für eine Biografie braucht man ja Daten!" Und lässt, während Fifa-Skandal und mutmaßlich gekauftes WM-Sommermärchen nur in Blitzbildern vorbeiziehen, noch einmal Robert Lewandowski erzählen, dass der während seines Fünf-Tore-In-Neun-Minuten-Rekords gar keine Zeit gehabt hätte, irgendwas zu denken.

Westerwelle muss Auftritt absagen

Dabei hat Jauch ja auch Gäste, die sprechen wollen, etwa einen Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes, der im Einspieler mit schmerzlicher Offenheit erzählt: Er sei, als er vom Tod seiner schwangeren Freundin erfahren habe, direkt in deren Wohnung gefahren, um noch ein Mal in ihrem Bett zu schlafen. Das berührt und tut weh.

Entwaffnend auch der Auftritt von Sarah Connor, die sympathisch handfest von ihrem Leben mit einer syrischen Mutter und deren fünf Kindern erzählt, die sie kurzentschlossen bei sich einquartierte. Connor bewegt, genau wie Michael Mronz, Ehemann von Guido Westerwelle. Eigentlich hatte der Politiker selbst im Studio von seinem Kampf gegen seine Leukämieerkrankung berichten wollen, kurz vor der Live-Sendung musste er absagen: Die Ärzte hatten abgeraten, da er wegen einer Medikamentenumstellung momentan zu schwach für solch einen anstrengenden Auftritt sei.

Natürlich blond?

Als Endpunkt aber bleibt die erratische Kostümwahl von Helene Fischer. Sie hatte die Show als erster Gast eröffnet, als ihr ein freudig weinendes Fanmädchen aus dem Publikum zugeführt wurde, sie hatte die Sendung als immerwährender Werbetrailerengel quasi co-moderiert, nun beschloss sie das Jahr 2015, wie RTL es erzählt, mit einem ihrer seltenen TV-Auftritte, zu dem sie sich schwarze Stulpenhandschuhe überstreifte, die extrem an tierärztlichen Untersuchungsbedarf erinnerten, wenn es hinten an die Kuh geht.

Dafür hatte Jauch im Gespräch mit ihr anhand eines frappant dunkelhaarigen Helene-Kinderfotos aufgedeckt, dass das Helene-Blond gar nicht natur sei. Zusammen mit dem Adele-Dackel immerhin eineinhalb echte Neuigkeiten.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
spiegelfrauchen 07.12.2015
1. Ich war gewillt , aber
dann kam SIE , labradorig golden ( Zitat Frau Rützel) und eröffnete die Show(se) ...... ich habe sofort kapituliert !
fleischzerleger 07.12.2015
2.
Danke an Frau Rützel, daß sie es geschaut hat: ich persönlich ertrage diese Jahresend-Schein-Rückblick-Sendungen überhaupt nicht. Noch grausamer wird es ja für Frau Rützel, wenn dann das ZDF laut in der Schmalzkiste rührt, um seine schwerhörigen linsengetrübten Zuschauer zu erreichen. Kein Spaß für Sie, Frau Rützel. Aber RTL war dafür sicher eine gute Erwärmung.
tomymind 07.12.2015
3.
Günther Jauch, Gottschalk, Schweiger. Ich verstehe nicht was Deutschland an denen findet. Absolut unterirdisch was von denen geliefert wird.
schgucke 07.12.2015
4. ha,
gut dass ich Tatort geguckt habe, denn jetzt hatte ich gestern zwei Sendungen gleichzeitig. ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum der Gottschalk in Rente gegangen ist und nicht der Jauch.
laurent1307 07.12.2015
5. Alles Gut - Alles OK
Ich bitt' nur um eines, Ihr Medienverantwortlichen: Bitte Bitte, erspart mir endlich die omnipräsente Steril - Langweilige Zahnpastaweiße Helene Fischer!!!
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