"Günther Jauch" zum Thema Terror "Der Traum des IS ist es, gegen die USA am Boden zu kämpfen"

Günther Jauch ließ seine Gäste über das "Terrorziel Deutschland" diskutieren - dabei ging es nur selten kontrovers zu. Dass die Sendung trotzdem lehrreich wurde, ist vor allem einem Gast zu verdanken. Der Schnellcheck.

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Zur Sendung: Nach der Terrorserie von Paris herrscht in Frankreich Ausnahmezustand, in Brüssel gilt die höchste Terrorwarnstufe, in Deutschland tagte das Sicherheitskabinett. Am Sonntagabend ließ Günther Jauch seine Gäste über die Angst vor islamistischen Anschlägen diskutierten. Titel der Sendung: "Terrorziel Deutschland - wie groß ist die Gefahr?"


Wahrscheinlich muss man Günther Jauch sein, um so tun zu können, als habe es die ganze Woche über weder Talkshows noch Sondersendungen zum Thema Terrorismus gegeben. Über weite Strecken führte das zu einem verbalen Déjà-vu-Effekt, der dem TV-Zuschauer immer wieder das Gefühl vermittelte, all das so oder ähnlich bereits sehr oft gehört zu haben - wenn auch bei anderer Besetzung. Dass es dennoch nicht allzu eintönig und letzten Endes sogar ganz lehrreich wurde, war vor allem einem Gast zu verdanken.

Die Runde: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, eben noch beim CSU-Parteitag, Sonia Seymour Mikich, WDR-Chefredakteurin mit Moskau-Paris-Erfahrung, Stefan Aust, Ex-SPIEGEL-Chef, inzwischen "Welt"-Herausgeber und einst als Autor mit dem RAF-Terror befasst, sowie Jürgen Todenhöfer, früher CDU-Abgeordneter und Burda-Manager, heute publizistisch tätiger Nahost-Reisender und in Zeiten erhöhten Aufkommens an einschlägigen Experten jemand, der tatsächlich weiß, wovon er redet, wenn es um den "Islamischen Staat" (IS) geht.

Aufgewärmtes: Offenbar hielt es Jauch für eine gute Idee, nochmals die Absage des Fußballländerspiels in Hannover und das Sprüchlein des Bundesinnenministers zu thematisieren. Das führte allerdings ebenso wenig zu wirklich neuen Einsichten wie Todenhöfers Kurzseminar über die zeitgeschichtlichen Ursachen dafür, dass Frankreich, England und die USA besonders und mehr als Deutschland vom Terror bedroht sind. Erwartungsgemäß wollte Herrmann, aber auch Aust, das so nicht stehen lassen. Mikich steuerte die gleichfalls nicht sonderlich originelle Erkenntnis bei, dass der Terror in vielen Ländern zum Alltag gehört. Eine abschließende Antwort auf die Titelfrage, wie groß die Gefahr für das "Terrorziel Deutschland" denn nun sei, hatte man aber wohl ohnehin nicht erwarten dürfen.

Fragwürdiges: Es nützte nichts, dass die WDR-Journalistin warnte, man möge "nicht alles vermanschen" - "Springer"-Kollege Aust tat es dann doch sogleich, als der Moderator ihm die Gelegenheit bot: Er plädierte für scharfe Grenzkontrollen angesichts der Flüchtlingskrise und schlug Alarm wegen angeblicher Destabilisierung. Das hinderte ihn aber nicht, später darauf hinzuweisen, dass seinerzeit eben nicht polizeiliche Maßnahmen das Ende der RAF bewirkten, sondern das Austrocknen des Sympathisantenumfelds. CSU-Politiker Herrmann hielt sich beim Flüchtlingsthema eher zurück.

Wichtiges: Todenhöfer mag nicht immer unumstritten sein, aber an diesem Abend sorgte er mit seinen Innenansichten des IS, bei dem er sich im vergangenen Jahr zehn Tage lang aufgehalten hatte, für die zugleich spektakulärsten wie bedrückendsten Beiträge ("Mit denen kann man nicht reden"). Außerdem lieferte er die fundiertesten Denkanstöße. Eindringlich riet er dem Westen davon ab, nur aufs Militärische zu setzen und damit dem IS in die Falle zu tappen. "Der Traum des IS ist es, gegen die USA am Boden zu kämpfen."

Schon die Bilder von den Opfern der Luftschläge dienten als willkommenes Propagandamaterial. Todenhöfers Drei-Punkte-Plan: Waffenexporte aus Saudi-Arabien unterbinden, Grenze der Türkei zum Kampfgebiet dicht machen, durch Unterstützung der Sunniten für innerislamischen Frieden sorgen.

Auffälliges: Es war interessant zu beobachten, wie aufmerksam Herrmann zuhörte, wenn Todenhöfer sprach. Manchmal fragte er auch nach, und als die Sendung vorbei war, sah man, wie beide sich weiterunterhielten. Im Übrigen schien der Bayer bemüht zu sein, bloß nichts zu äußern, was über pflichtgemäße Statements hinausging. Vergeblich versuchte Mikich mehrmals, den Blick auf die Probleme der Prävention zu lenken.

Statistisches: Zahlen gab's auch wieder mal. Fünf Millionen friedliche Muslime (Todenhöfer: "Die stehen auf unserer Seite"), 9000 Salafisten, von denen 3000 als gewaltbereit gelten, und schließlich 426 sogenannte Gefährder, die aber leider nicht rund um die Uhr bewacht werden können.

Peinliches: Ein offenkundig auf ein Pseudo-Tabu fixierter Günther Jauch musste sich vom bayerischen Innenminister darüber aufklären lassen, dass es zum akzeptierten Standard der deutschen Außenpolitik gehört, auch mit unerfreulichen Machthabern wie Putin, Erdogan und Co. zu reden.

Polemisches: "Die Kanzlerin hat weder die Regierung noch die Lage im Griff", meinte Aust unbedingt loswerden zu müssen.

Bayerisches: "Wir schauen jetzt nach vorn", ließ Herrmann zum Schluss auf die Frage wissen, wie es mit der CSU und der Kanzlerin weitergehe. Er pries schon mal die künftige gute Zusammenarbeit - vergaß aber nicht zu erwähnen, dass Merkel das Flüchtlingsproblem zu lösen habe.

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