Jauch-Talk zur VW-Affäre Anja Kohl redet Blech

Günther Jauch stellt die Frage, ob der VW-Betrug dem Image deutscher Waren schadet - und wie dieser Schaden begrenzt werden kann. ARD-Börsenexpertin Anja Kohl witterte gar einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland.

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Börsenexpertin Kohl, FDP-Mann Kubicki: "Betrug in einem besonders schweren Fall"
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Börsenexpertin Kohl, FDP-Mann Kubicki: "Betrug in einem besonders schweren Fall"


Wolfgang Kubicki erzählt anlasslos, er sei neulich "einen Franzosen" mit Öko-Schalter gefahren. Der FDP-Politiker genervt: "Das war mir zu blöd". Ein Bekenntnis, das Umweltverträglichkeit als nette, im Zweifelsfall aber dann doch eher lästige Zugabe mitnimmt.

Näher als mit dieser launigen Einlassung eines FDP-Politikers sollte "Günther Jauch" dem eigentlichen Problem von Betrügereien um Abgaswerte an diesem Abend nicht kommen. Was vielleicht auch daran lag, dass Günther Jauch mit seiner ausgestellten Solidität und Treuherzigkeit selbst so etwas wie der VW unter den deutschen Moderatoren ist.

Der entsteigt zu Beginn einem wirtschaftswundergrauen VW Käfer und verliest mit gespieltem Staunen, wer ihm für die Sendung "Der VW-Betrug - steht 'Made in Germany' auf dem Spiel?" so alles abgesagt hat. Verkehrsminister Alexander Dobrindt, Großlobbyist Matthias Wissmann, der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil und selbstredend jeder, der bei Volkswagen etwas dazu hätte sagen können. Und so mussten eben Unbeteiligte seine einleitende Frage ("Haben wir alle geschlafen oder was ist da passiert?") beantworten - jeder auf seine Weise.

Hilfreich ist dabei vor allem der Verkehrsberater und Umweltexperte Axel Friedrich, der die vergangenen Jahre offenbar keineswegs "geschlafen" hat und bemängelt, dass speziell in Deutschland schlicht nicht richtig getestet werde. Konkret habe in diesem Fall der übliche Kostendruck in einem so autoritär geführten Konzern wie Volkswagen betrügerisches Handeln förmlich erzwungen - und VW sei damit nicht allein.

Steile These: Wirtschaftskrieg gegen Deutschland

Immer oder doch schon "seit Jahren" gewusst haben's die Grünen und Anton Hofreiter, der zum Beweis auf eine "wunderbare kleine Anfrage" seiner Partei zu den Abgaswerten hinweisen kann. Offenbar wollten die Entscheidungsträger nicht so genau hinschauen in einem Land, wo - je nach Rechenweise - jeder sechste bis zehnte Arbeitsplatz mindestens indirekt von einer brummenden Automobilindustrie abhängt. Seine Aufzählung von Unionspolitikern, die in die Industrie gewechselt sind, wird von Kubicki erfolgreich torpediert: "Joschka Fischer zu BMW!".

Ansonsten tritt Kubicki so gar nicht als wirtschaftsfreundliches FDP-Mitglied auf und ganz als Anwalt, der VW kühl "Betrug in einem besonders schweren Fall" attestiert und langjährige Haftstrafen für die Verantwortlichen durchaus für möglich hält. Schnöder Betrug würde die Leistungen deutscher Ingenieurskunst und damit den verkaufsfördernden Mythos "Made in Germany" keineswegs ankratzen. Hier widerspricht Hofreiter, es würde hierzulande immer nur "so getan, als ob", während das innovativste Produkt auf der IAA ein Wasserstoffmobil von VW-Mitbewerber Toyota gewesen sei.

Als Jauch die Frage stellt, warum "ausgerechnet wir", also die "braven und immer an ökologischen Lösungen tüftelnden deutschen Ingenieure" von ausgerechnet den dreckschleudernden Amerikanern erwischt worden seien, schlägt die große Stunde von Anja Kohl. Als ARD-Börsenexpertin mit globalem Überblick stellt sie die Gegenfrage: "Wer hat denn ein Interesse daran, den Diesel zu schwächen?" Kohl rechnet vor: Der Betrug werde seit 2009 verübt, damals habe sich krisenbedingt weltweit "der Wachstumsdruck verschärft", es seien "Märkte zusammengebrochen", Volkswagen habe China gebraucht und den US-Markt, kurz gesagt: Wirtschaftskrieg gegen Deutschland!

Verkehrsexperte Friedrich kommt aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Derlei Verschwörungstheorien seien "eindeutig falsch", sogar der Chef der entsprechenden US-Umweltbehörde fahre privat einen Selbstzünder aus Wolfsburg, es gebe keine "Dieselfeinde" in den USA. Und Hofreiter betont den "entscheidenden Punkt, dass die Menschen in den Städten das einatmen".

"Ach Schmarrn, Herr Kubicki!"

Als Jauch wissen will, was wohl den zurückgetretenen Konzernchef Martin Winterkorn "geritten" hat, tippt Hofreiter auf "Größenwahn" und "Rausch". Dietmar Hawranek, Mitautor der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte, sieht Probleme eher bei der Führungskultur "oder Unkultur" bei VW, wo sehr straff von oben kontrolliert werde. Dem Winterkorn-Nachfolger Matthias Müller bescheinigt Hawranek immerhin "Rückgrat".

Entscheidend sei aber auch, dass sich die Verbraucher mal an die eigene Nase fassten. Mit Blick auf die Zulassungszahlen von Geländewagen merkt Hawranek an: "Man müsste ja glauben, wir wären ein Volk von Förstern geworden." Kubicki nonchalant: "Das liegt an den schlechten Straßen!" Hofreiter, von der Seite: "Ach Schmarrn, Herr Kubicki!"

VW, da sind sich alle einig, könnte angesichts der zu erwartenden Kosten ein Umbau im Stile von Siemens oder der Deutschen Bank bevorstehen, inklusive dem scheibchenweisen Verlust von Arbeitsplätzen. Friedrich unkt überraschend, der Skandal werde Volkswagen höchstens "zwei Jahre" verfolgen - bis dahin würden wir nämlich längst auch von anderen Herstellern reden.

Strengere Kontrollen bestehender Gesetze also? Die heilige Kuh der Deutschen muss nicht unbedingt vom Eis. Es genügt vielleicht, wenn das Eis dicker wird. Damit wir "als Deutsche" wieder "an etwas glauben können", wie Anja Kohl sagt.

Apropos Glauben. In einem Einspieler wird ernsthaft empfohlen, dass sich die Abgasprüfungen des Kraftfahrtbundesamts mehr an den praxisnahen und damit realistischeren Tests des ADAC orientieren sollten. ADAC, ADAC … war da nicht auch mal was? Mag sein. Ist aber auch schon fast zwei Jahre her.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 270 Beiträge
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Seite 1
exHotelmanager 28.09.2015
1.
Her Kubicki steht ja nun nicht im Verdacht, ein Freund ökölogisch motivierten Verzichts zu sein. Dafür spricht alleine schon sein bemekenswertes Powerboot, das man gelegentlich in der Kieler Förde bewundern. Frau Kohl sieht allerdings die Zeichen richtig. Jeder Weltkonzern und jedes Wirtschaftsland wird eine solche Schwäche, wie sie die VW AG nunmal zeigt, ausnutzen. Fehlverhalten dieser Form gibt den USA in der Tat die beste Gelegenheit, auf die Notwendigkeit von vertraglichen Vereinbarungen mit Sanktionsanteilen, wie z.B. TTIP hinzuweisen. Sie wären doch dumm, wenn sie das nicht nutzen würden.
unimatrix 28.09.2015
2.
Vielleicht sollten sämtliche Prüfverfahren für KFZ mal verschärft werden. Sprich in der Realität getestet und nicht unter was auch immer für gearteten Laborbedingungen. Allerdings bekommt man ja auch nur dort, im Lobbyland Deutschland, diese utopischen Verbrauchszahlen.
Sabi 28.09.2015
3. Blech
Arno Frank schreibt Blech ! Hat er eine Stunde Ökonomie-Vorlesung besucht ????
Dette 28.09.2015
4. Zwar hat VW der Konkurenz...
...durch Spargier und absoluter Träg-und Blödheit die ersehnte Steilvorlage gegeben, dennoch weitet sich dies nun ohne Zweifel zu Marktanteilkämpfen aus. Wirtschaftskriegspropaganda. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass ein erhöhter Stickstoffausstoss die Konkurenz sonst interessiert?
eisbaerchen 28.09.2015
5. Was für ein Gruselkabinett
da waren sie wieder alle beisammen, die Universalexperten die das Thema so richtig sachgerecht aufarbeiten konnten (bis auf vielleicht den Herrn Friedrich). Bekommt Jauch nur noch die B-Promis/Experten in seine Show oder was ist da los?
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