Zum Tod von "Tatort"-Erfinder Gunther Witte Regeln sind da, um sie zu brechen

Er hatte keine Chance - und nutzte sie: Vor fast 50 Jahren rang Gunther Witte der ARD den "Tatort" ab und schuf eine international einmalige Krimireihe. Nachruf auf einen risikofreudigen Pragmatiker.

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Das ZDF nervte. War gerade mal gut fünf Jahre auf Sendung und drohte schon, der mächtigen ARD den Rang abzulaufen - mit einem Krimi! Das Zweite, das von den Verantwortlichen des Ersten in frühen Tagen des deutschen Fernsehens jovial als öffentlich-rechtliche Beigabe gesehen wurde, platzierte 1969 unerwartet mit der Serie "Der Kommissar" mit Erik Ode einen Hit und etablierte den Freitag als Krimi-Abend. Der Fernsehermittler war als feste Größe im deutschen Wohnzimmer angekommen.

Die Oberen in der ARD waren alarmiert. Auch sie wollten einen Krimi, auch sie wollten dafür einen festen Abend. Der junge WDR-Redakteur namens Gunther Witte sollte es richten. Witte war nach eigenen Aussagen kein großer Krimi-Fan. Er war eigentlich nicht mal ein großer Fernseh-Fan. In den Fünfzigerjahren hatte er an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin Theaterwissenschaften studiert und sich nach seiner Flucht in den Westen 1961 nur deshalb beim WDR beworben, weil er glaubte, als DDR-Dramaturg sowieso keine Chance an bundesdeutschen Bühnen zu haben.

Erfinder des Tatorts und ehemaliger WDR-Fernsehspielchef: Gunther Witte
ARD/ Thorsten Jander

Erfinder des Tatorts und ehemaliger WDR-Fernsehspielchef: Gunther Witte

Nun entwickelte Witte, der kleine Fernsehredakteur, im Auftrag ein Krimi-Konzept, dem eine schwierige Aufgabenstellung zugrunde lag: Die föderale Struktur der ARD musste Eingang finden, das als banal empfundene Genre des Krimis sollte mit Tiefe aufgefüllt werden, und die Quoten hatten natürlich Bombe zu sein. Witte hatte keine Chance. Und nutzte sie.

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Gunther Witte: Der Pate des Sonntagskrimis

Noch Jahrzehnte später sprach man in der ARD von einem "Witte-Papier", das angeblich existiert haben soll. Demnach hatten die aus allen ARD-Häusern zugelieferten Krimis, die sonntags unter der Dachmarke "Tatort" erscheinen sollten, drei Aufgaben zu erfüllen: Die Fälle sollten realistisch sein, die Kommissare im Mittelpunkt stehen und die Regionen der unterschiedlichen ARD-Anstalten jeweils repräsentiert sein.

Klare Regeln - die von Anbeginn des "Tatort" gebrochen wurden. Schon "Taxi nach Leipzig", die erste, vom NDR zugelieferte Episode mit Walter Richter als Kommissar Trimmel über von Westen nach Osten verlaufende Ermittlungen, brach 1970 mit dem Auftrag der klaren regionalen Verortung. Bereits "Kressin und der Tote im Fleet", 1971 selbst vom WDR hergestellt, unterwanderte das Realitätsgebot, da der von Sieghardt Rupp gespielte Zollinspektor als eine Art öffentlich-rechtlicher James Bond losgelöst von Behördenvorschriften durch Lagerhallen und Lotterbetten in ganz Deutschland ermittelte.

Innovation und Bespaßung geht beim "Tatort" zusammen

Das Bild des lokal eingezäunten, moralisch eingehegten Graubrotkrimis, das Gegner des "Tatort" noch immer heraufbeschwören, wenn sie sich über diesen echauffieren wollen, war also schon in den Anfangstagen schief. Umso unverständlicher, dass einige ARD-Manager letztes Jahr mit der leidigen Diskussion um sogenannte "Tatort"-Experimente die Innovationskraft und den Spaßfaktor der Reihe kleinreden wollten. Regeln sind dazu da, um sie zu brechen. Das Experiment ist Pflicht und nicht Kür, wenn der "Tatort" relevant sein soll und relevant bleiben soll.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Das wusste auch Witte, der als Fernsehredakteur und Produzent neben den "Tatorten" riskante Projekte wie Volker Schlöndorffs und Margarethe von Trottas "Bild"-Zeitungsabrechnung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) oder Wolfgang Petersens schwules Gefängnisdrama "Die Konsequenz" (1976) betreute. Projekte, die den gesellschaftskritischen Debattenraum weiteten.

Das Krimistück als Argument in der politischen Debatte

So verhielt es sich auch, als Witte 1981 - zwei Jahre zuvor war er zum Fernsehspielchef des WDR befördert worden - einen Ermittlertypus ganz neuen Schlages durchsetzte: den gefühligen, fluchenden, obrigkeitsfremdelnden Kommissar Horst Schimanski, gespielt vom empfindsamen Haudrauf Götz George. Schimi, ein Traum von Mann und immer dort zur Stelle, wo der aktuelle Verteilerkampf in der Gesellschaft ungerecht zu werden drohte, brachte einen ungeheuren Drive in die Reihe. Sozialdemokratie mit breiter Brust: Georges Schimanski vereinte Frauen und Männer, jung und alt vor dem Bildschirm und machte das Krimistück zum Argument in aktuellen politischen Debatten.

Damit hängte Witte die Latte für nachfolgende "Tatort"-Kreative hoch. Er selbst ging 1998 aus dem Posten des WDR-Fernsehspielchefs in Rente, besuchte aber noch bis ins hohe Alter Filmveranstaltungen, wo er immer zu einem heiteren Plausch aufgelegt war.

Wie der WDR am Montag mitteilte, ist Gunther Witte schon am Donnerstag im Alter von 82 Jahren verstorben. Der von ihm mit dem "Tatort" vorgelegte Beweis, dass Anspruch und Quote durchaus zusammengehen können, wenn man nur risikofreudig genug ist, darf Generationen von öffentlich-rechtlichen Fernsehredakteuren nach ihm bitte immer noch als Maßstab dienen.

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shalom-71 20.08.2018
1. Für Übersetzungen ...
... ist die folgende Regel bekannt: "Eine Übersetzung (in eine andere Sprache) verliert immer etwas. Eine gute Übersetzung gewinnt aber auch etwas." Für Übertragungen von einem Buch in einen Film gilt das auch.
TomRohwer 20.08.2018
2.
---Zitat--- Die Fälle sollten realistisch sein, die Kommissare im Mittelpunkt stehen und die Regionen der unterschiedlichen ARD-Anstalten jeweils repräsentiert sein. ---Zitatende--- Punkt zwei wird immer noch erfüllt, Punkt drei manchmal (manchmal ist der Ort der Handlung auch beliebig - was einen Krimi nicht zwangsläufig schlechter macht), und manchmal übererfüllt, dann ist der jeweilige TATORT ein Werbefilm des örtlichen Touristikbüros und besteht zu 30 Prozent aus Fahrten durch die Stadt. Punkt 1... In den ersten Jahren war zwar die Darstellung der Polizeiarbeit nicht realistisch, das ist bei einem TV-Krimi aber auch immer ein Problem, wird's zu realistisch, dauert es zu lange und wird langweilig. Was allerdings realistisch beim TATORT war: die Fälle. Die Motive, die Täter und die Verstrickung von Tätern, Opfern und Zeugen in die Tat. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Der typische TATORT behandelt als "Fall" nur noch einen an den Haaren herbeigezogenen Quark.
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