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15. Dezember 2009, 10:30 Uhr

Guttenberg bei "Beckmann"

Scheinfrager trifft Kriegserklärer

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Ich bin aufrecht, die Soldaten sind es auch, den Rest überlassen wir dem Untersuchungsausschuss - diese Botschaft versuchte Verteidigungsminister Guttenberg bei "Beckmann" unters Volk zu bringen. Der Moderator half kräftig mit, indem er jede wichtige Frage ungestellt ließ.

Man muss sich langsam wirklich Sorgen machen um den Mann, das kann doch nicht gesund sein: am Donnerstag zu Illner, dann schnell nach Afghanistan zu den deutschen Soldaten und wieder zurück nach Deutschland, dann zu Jauchs Jahresrückblicks-Show, zwischendurch sich filmen lassen vor der CSU-Zentrale, dann wieder nach Berlin, ein wenig regieren - und am Montag auch noch zu "Beckmann". Wann soll Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eigentlich Weihnachtsgeschenke einkaufen gehen?

Es liegt in diesen Tagen so nahe, sich über den Selbstverteidungungsminister zu mokieren, der sich offenbar für keinen Auftritt zu schade ist, stets perfekt gegelt, die Brille sitzt, der Anzug auch, die Krawatte geschmackvoll, die Umgangsformen geschliffen, die Botschaft stets dieselbe: Ich bin aufrecht, die Soldaten sind aufrecht, den Rest überlassen wir bitte dem Untersuchungsausschuss.

Aber wer Karl-Theodor zu Guttenberg bei "Beckmann" sitzen sah und verfolgte, wie er ohne zu Blinzeln und stets aufs Neue - "gebetsmühlenhaft" nannte er es selbst - immer wieder seine Botschaft wiederholte, der lacht nicht mehr, sondern stellt sich Fragen. Die hypnotischen Worte Guttenbergs fressen sich ins Gehirn, mit jedem Auftritt ein wenig mehr, jede Impfung versagt, Guttenberg wirkt langsam auch bei bisher resistenten Zuschauern. Hat er also doch in allem Recht?

Aha, Mhm, kein Widerspruch

Reinhold Beckmann beherrscht die hohe Kunst, Scheinfragen zu stellen, die sich kaum von echten Fragen unterscheiden lassen, beim flüchtigen Zuhören sowieso nicht. Erst am Ende merkt man, dass es eigentlich nur Stichworte waren. Er fängt an mit der großen Ankündigung, "nicht scheibchenweise, sondern richtig Aufklärung zu betreiben", und tatsächlich sieht es zunächst nach kritischem Journalismus aus, was Beckmann da betreibt: Es werden wörtliche Zitate aus vertraulichen Berichten eingeblendet, Experten zugeschaltet; er nimmt den Minister scheinbar in die Zange.

Aber es bleibt stets beim ersten Anlauf: Wenn Beckmann den Vorwurf anführt, Guttenberg habe die wahren Motive des Kunduz-Angriffs verschleiert, da weiß er schon, wie der Minister reagieren wird, weil der schon den ganzen Tag lang so auf diesen Vorwurf reagiert hat: Diejenigen, die ihm das vorwerfen, Sigmar Gabriel (SPD) und Jürgen Trittin (Grüne), seien selbst doch schon längst von ihm informiert worden. Hier wäre die Nachfrage doch recht interessant gewesen, ob eine Täuschung der Öffentlichkeit dadurch besser wird, dass nicht nur die Regierung getäuscht hat, sondern auch die Opposition.

Oder wenn später der ebenfalls geladene Richard von Weizsäcker von seinen Kriegserfahrungen als junger Soldat spricht und sagt: "Wir hatten doch von Polen keine Ahnung", man sei da ja nur hingegangen, weil einem die Oberen gesagt haben, dass das nötig war, da wäre das doch eine schöne Gelegenheit gewesen, danach zu fragen, wieviel Ahnung die heutigen deutschen Soldaten eigentlich von Afghanistan haben. Aber Beckmann fragt nicht nach. Er nickt, er sagt oft "Aha" und "Mhm", er stimmt seinem Gegenüber stets zu, fragt höchstens mal danach, wie man sich etwas vorstellen kann, etwa wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr einen Bericht vorträgt, wie läuft so etwas ab, aha, der interessierte Laie lässt sich vom Fachmann die Welt erklären. Unwidersprochen.

Schluss mit dem "Eiertanz"

Die Welt, wie sie Karl-Theodor zu Guttenberg sieht, offenbart sich zum Beispiel in einem kleinen Dialog, der sich mit Richard von Weizsäcker ergibt: "Wir leisten uns eine immense Schüchternheit, wenn es an den Einsatz von Waffen geht, um auch möglicherweise Frieden herzustellen", sagt Guttenberg. Und von Weizsäcker wirft nur ein einziges Wort ein: "Erbe." Der bald neunzigjährige Alt-Bundespräsident meint den Nationalsozialismus, die deutschen Angriffskriege, die Lehren aus der Geschichte, aber er sagt nur ein Wort: "Erbe." Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht halb so alt, wischt dieses Wort mit einer abwehrenden Geste weg, er fährt fort: "Das mag so sein. Und trotzdem glaube ich, dass die Bevölkerung in unserem Lande es bei Weitem mehr verstehen würde, würde man es ihr endlich auch anständig erklären."

Das ist Guttenbergs eigentliche Botschaft: Er will einen Bewusstseinswandel in diesem Land. Er muss sich nicht für ein Bombardement rechtfertigen, das vor seiner Amtszeit stattgefunden hat, er muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass sämtliche Regierungen seit 2001 sich geschämt haben, den Einsatz in Afghanistan einen Krieg zu nennen. Er würde sich nicht schämen, von einem Krieg zu sprechen.

Schluss mit dem "Eiertanz", Schluss mit der "Schüchternheit" beim Waffeneinsatz, es muss nur endlich mal einer kommen, der das der Bevölkerung "anständig erklärt".

Guttenberg will das sein, und gehen will er nicht.

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