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Guttenberg-Debatte bei Maischberger: Geliebter Schwindler

Deutschland steht vor einer neuen Kultur des Abwiegelns: Bei Maischberger hielten eine Prinzessin und ein CSU-Mann Lobreden auf den Abschreiber Guttenberg. Christoph Twickel staunt - und wird bei so viel Zuspruch für den Copy-&-Paste-Doktor selbst zum Plagiator.

Talk über den Verteidigungsminister: Karl-Theodor im Stahlgewitter? Fotos
WDR

Feste Wurzeln sind einer grundlegenden Unabhängigkeit zuträglich. Guttenberg bedarf der politischen Bühne nicht, um wahrgenommen zu werden und zu wirken. Er war schon vorher wer und wird es auch nachher wieder sein. Vielleicht schützt das ein wenig vor der Sucht nach Macht und der damit einhergehenden Panik, sie zu verlieren, wie sie bei manchem Politiker zu beobachten ist.

Wie bitte? Der erste Absatz dieses Artikels soll ein Plagiat sein? Ein abstruser Vorwurf! Na ja, okay, sagen wir es mal so: Zweifelsohne sind bei diesem von mir verfassten ersten Absatz Fehler gemacht worden. Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht. Sollte sich jemand durch inkorrektes Zitieren bei diesem ersten Absatz - in einem Artikel, der insgesamt ein rundes Dutzend Absätze enthält - verletzt fühlen, so tut mir dies aufrichtig leid. Er ist in mühevoller Kleinarbeit während meiner journalistischen Tätigkeit als (nicht mehr ganz) junger Familienvater entstanden.

Tolle Sache: Soll mir doch der Chefredakteur ruhig nachweisen, dass der Absatz ein nicht ausgewiesenes Zitat aus einer Guttenberg-Biografie der Journalistin und Prinzessin Anna von Bayern ist! Dann sag ich einfach: "Ich stehe zu dem Blödsinn, den ich in diesem ersten Absatz geschrieben habe. Aber haben wir in diesem Land nicht gravierendere Probleme?"

Ach, es brechen herrliche Zeiten an! Sollte Karl-Theodor zu Guttenberg um den Rücktritt herumkommen - und die Maischberger-Runde am Dienstag war sich einig, dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen - dürfen sich Studenten, Musiktauschbörsen-Nutzer sowie Copy-&-Paste-Journalisten in Sachen Urheberrechtspiraterie zukünftig auf Deutschlands populärsten Minister berufen. Eine ganz neue Kultur des Herauswindens ist im Entstehen begriffen - das führten die Guttenberg-Verteidiger in der ARD-Talkshow eindrucksvoll vor.

"Keiner ist hier für oder gegen Abschreiben"

Ob es ein Schuldeingeständnis war, wenn Guttenberg Fehler ohne Täuschungsabsicht zugebe, wollte Sandra Maischberger von der bereits zitier... äh, erwähnten Anna von Bayern wissen. "Wir sind uns da glaub' ich alle einig, keiner ist hier für oder gegen Abschreiben", radebrechte die Guttenberg-Biografin. "Er hat gesagt, es war schlimm, es war peinlich und er steht zu dem Blödsinn, er steht da voll dazu."

Ob der Zu-seinem-Blödsinn-Steher denn nun ein Lügner sei, hakte die Moderatorin nach. "Ich hab ihn ja erlebt, in der Zeit, wo er die Doktorarbeit geschrieben hat", so die Prinzessin, "und deswegen kann ich auch verstehen, dass es für ihn schwierig war zu sagen, die sieben Jahre, die trete ich jetzt in die Tonne." Geliebter Lügner - wie anders doch war der Ton vor anderthalb Jahren, als Guttenberg aus den Umfragen zum ersten Mal als Deutschlands beliebtester Politiker hervorging: "Die Bürger haben Guttenbergs Mut zur Wahrheit belohnt", hatte Frau von Bayern in der "Bild am Sonntag" gejubelt.

Noch bizarrer ist das Argumentationsgebäude von CSU-Hinterbänkler Norbert Geis: "Er geht durch ein Stahlgewitter durch", erklärte der 72-Jährige. "Er hat mit einem unwahrscheinlichen Gegenwind täglich zu tun. Aber nicht nur er, sondern seine ganze Familie, seine Kinder auch. Und wenn er das durchsteht, wenn er nicht kapituliert und davonläuft, dann hat er meiner Meinung nach eine hohe Qualifikation." Eine wunderbare Logik: Je sturer du die Konsequenzen deiner Schummeleien scheust, desto mehr qualifizierst du dich für Höheres.

"Was für ein Stahlgewitter?", rief die empörte Jutta Ditfurth. "Wie kommen Sie auf Ernst Jünger?" Fehlte nur noch, dass die Kanzlerin sich per Telefon in die TV-Runde schaltet, um über eine böswillige Unterstellung und eine Kampagne zu schimpfen. Das machte sie natürlich nicht. Wir sind ja nicht in Berlusconi-Land. Und außerdem, das bemerkte Moderatorin Maischberger treffend, hat Merkel beschlossen, sich nicht für den Fall zu interessieren, weil es ihr "ganz egal" sei, was der Minister als Doktorand gemacht habe. Der Dauer-Talkshow-Historiker Arnulf Baring fand weder ein gutes Wort für Guttenbergs Verhalten in dem Skandal noch für sein politisches Wirken und erklärte dennoch wortreich, für wie fähig er den Politiker Guttenberg hält ("großartiger Mann").

Nibelungentreue zum Übeltäter

Seltsam. Im letzten Viertel der Sendung kam das wirklich Erstaunliche am Fall Guttenberg auch noch zur Sprache: dass die deutsche Bevölkerung diesen Skandal offensichtlich mehrheitlich nicht mit dem für solche Fälle üblichen Verdruss über das politische Personal begleitet, dem man ja eh nur Lug und Trug zutraut. Sondern mit einer Nibelungentreue zum Übeltäter. Ein Rätsel, für das der österreichische Kabarettist Werner Schneyder eine Erklärung fand: "Weil er quasi der gebildeten Schicht, die ja verachtet wird, vor den Koffer... ich verwende das Verbum jetzt nicht. Die sagen: Der gibt's diesen Obergescheiten und lässt sich von denen nicht ins Bockshorn jagen."

Das ist bedenkenswert. Denn der Standesdünkel, den Ditfurth in der Talkrunde dem Adel attestiert, ist in Deutschland keinesfalls ein Widerspruch dazu, dass der Freiherr zu Guttenberg volksnah ist. Es sind ja gerade nicht die intellektuellen oder fachlichen Fähigkeiten, die ihn beliebt machen, sondern der scheinbar mühelose Führungshabitus, dem kleinlicher Karriereopportunismus fremd zu sein scheint.

Und womöglich verfängt das Gute-Hirten-Gehabe gerade dann besonders, wenn der gute Hirte von denen angegriffen wird, denen man im Volk ohnehin zumeist misstrauisch gegenübersteht: Von den missgünstigen Medien, den auf seinen "Glamour" neidischen Politikern und von den Intellektuellen sowieso. "Auf dem Weg wird man versuchen, die persönliche Integrität zu zerstören, und da weht ein unheimlich rauer Wind, und da muss man durch", so formuliert die Prinzessin von Bayern die volksnahe Verschwörungstheorie.

"Wir sind gespannt, ob die Debatte die Dinge in der Republik etwas verschiebt," resümiert Maischberger zum Ende der Sendung und verweist auf Frank Plasbergs "Hart aber Fair"-Talk, wo am Mittwoch die Schlacht weitergeführt wird. Noch mehr Stahlgewitter für den Freiherrn. Noch mehr Gelegenheit für seine Verteidiger, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Wie lange das noch so weitergeht? Bis er Kanzler ist. Oder bis er zurücktritt.

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1. ...
soissesimmernoch 23.02.2011
Zitat von sysopDeutschland steht vor einer neuen Kultur des Abwiegelns: Bei Maischberger hielten eine Prinzessin und ein CSU-Mann Lobreden auf den Abschreiber. Christoph Twickel staunt - und wird*bei so viel Zuspruch für den Copy-&-Paste-Doktor selbst zum Plagiatoren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,747169,00.html
Vor allem die Prinzessin war nun wirklich arm. Totaler Realitätsverlust. Ich denke, gerade Menschen mit einem moralischen Wertekodex wie diese Dame des deutsch-konservativen Adels legt bei anderen Menschen – und ähnlichen Vergehen - ganz ganz andere Maßstäbe an. So sieht also der wertebasierte Klassenkampf von oben aus...
2. o
Wilmalein 23.02.2011
warum bekommt dieser bedauerliche, kranke mensch nur so viel aufmerksamkeit. es wäre besser ihn zu ignorieren, dann löst sich der mann irgendwann in luft auf.
3. Nun ist aber ma gutt ...
buetow 23.02.2011
so langsam wird das zu einem Berlusconi-Syndrom Der italianische Ministerpräsident kann sich ja auch offenbar alles erlauben.
4. Talkrunde
GerwinZwo 23.02.2011
Naja, Stahlgewitter ist ja nun doch arg übertrieben. Aber Medienkampagne dann doch, jedenfalls ein bißchen. Denke mal, Guttenberg wird aus der ganzen Sache sogar gestärkt hervorgehen. Denn seien wir ehrlich: wer hat im Leben nie gespickt, geschummelt oder abgeschrieben? Er hat eben gezeigt, daß ihm nichts Menschliches fremd ist. Das kommt an, natürlich nicht bei allen, aber bei vielen.
5. Showstar
Brand-Redner 23.02.2011
Zitat von sysopDeutschland steht vor einer neuen Kultur des Abwiegelns: Bei Maischberger hielten eine Prinzessin und ein CSU-Mann Lobreden auf den Abschreiber. Christoph Twickel staunt - und wird*bei so viel Zuspruch für den Copy-&-Paste-Doktor selbst zum Plagiatoren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,747169,00.html
Köstlich, diese Einleitung! Wann habe ich letztmalig über einen politischen Artikel so gelacht? Mehr noch: Es bewahrheitet sich einmal mehr, was ich seit Tagen vermute: Guttenberg wird - je länger er durch den Ring taumelt - immer mehr seiner wahren Bestimmung gerecht, ein Showstar zu sein. Der Unterhaltungswert könnte gar nicht größer sein... Dennoch muss ich vor übersteigerten Erwartungen warnen, z.B. solchen hier: Dem wird die deutsche Justiz, berühmt für ihr Traditionsberwusstsein, einen standesgemäßen Riegel vorzuschieben wissen: Begründen wird man das dann mit "nicht vergleichbaren Umständen des konkreten Einzelfalls" u.a. juristischen Worthülsen - egal, ob letztere abgeschrieben sind oder nicht. ;-)
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Die Plagiats-Affäre

Sollte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktreten?




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