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Guttenberg-Talk bei Anne Will: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde

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Von Alice Schwarzer bemitleidet, von Monika Hohlmeier verteidigt, mit Thomas Gottschalk verglichen: Es steht schlimm um Karl-Theodor zu Guttenberg. Bei Anne Will tagte ein Fernsehgericht und befand über die Rücktrittsreife des Verteidigungsministers.

Guttenberg-Talk bei Anne Will: Plakative Plagiatsempörung Fotos
NDR

Nein, das hat selbst Karl-Theodor zu Guttenberg nicht verdient: dass sich in seiner Partei kein halbwegs Prominenter findet, der sich zu Anne Will setzt, um ihn zu verteidigen. Bis auf Monika Hohlmeier.

Die CSU-Europaabgeordnete gibt sich alle Mühe: Der Karl-Theodor habe erstens nur wissenschaftliche Fehler begangen, die zweitens bei einer solch umfangreichen Dissertation ("sieben Jahre Arbeit", "viele, viele Fußnoten") schon mal passieren könnten - und für die er sich drittens schon entschuldigt habe. "Welcher Mensch hat keine Fehler?" Außerdem gebe es Wichtigeres, etwa die drei toten Bundeswehrsoldaten.

Was Hohlmeier sagt, ist, wenn man so will, ein Guttenberg-Zitat ohne Quellenangabe. Es ist im Kern das, was der Verteidigungsminister am Freitag in einem kurzen Statement vor der Presse gesagt hat. Hohlmeier ist hier, um die Copy-Paste-Affäre als missgünstige Hetzjagd auf einen begabten und beliebten Politiker aussehen zu lassen, angezettelt von der rot-grünen Opposition. Mit so was kennt sie sich schließlich aus als Tochter von Franz Josef Strauß, mit sensationsgeilen Reportern und politischen Neidern.

Hohlmeiers Problem: die Tatsachen.

Es lässt sich nicht mehr bestreiten, dass es in Guttenbergs Doktorarbeit von abgeschriebenen Passagen wimmelt, ohne dass sie als Zitat gekennzeichnet wurden. Mittlerweile steht sogar der Verdacht im Raum, er habe sich Teile der Arbeit von einem Ghostwriter zuliefern lassen.

"Doktor Guttenberg - Alles nur geklaut?", lautete die Frage von Anne Will zu Beginn. Und man hätte die Sendung nach 60 Sekunden statt nach 60 Minuten beenden können, denn die richtige Antwort wäre gewesen: Nicht alles, aber wahrscheinlich ziemlich viel ist geklaut. Vielleicht verliert er deswegen sein Amt, vielleicht seinen Titel, vielleicht nur ein bisschen Glaubwürdigkeit. Niemand weiß es.

Weil eine Talkshow so aber nicht funktioniert, hatte die Redaktion neben Hohlmeier ein paar Gäste gesetzt, die sich professionell empören und plakativ formulieren können. Dabei verwendeten die Redakteure auf die Gästeliste so viel Kreativität wie Guttenberg auf die Einleitung seiner Dissertation. In der Sessel-Arena trafen aufeinander: "Emma"-Chefin Alice Schwarzer, "Stern"-Zwischenrufer Hans-Ulrich Jörges, SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Fernsehlieferant Dieter Wedel. Dieselbe Runde hätte ebenso gut über Hartz IV debattieren können, über den SPD-Wahlsieg in Hamburg oder das Töten von Robbenbabys. Ein Gipfeltreffen der Talk-Routiniers - nur Hans-Olaf Henkel fehlte.

Für Regisseur Wedel, den promovierten Theaterwissenschaftler, war der Abend aber weitaus größer. Von einem "Inquisitionsgericht" sprach er, das zusammengerufen worden sei, um den Verteidigungsminister wegen einer Lappalie abzuurteilen. Wedel übernahm dann auch gleich die Rolle des Zeugen, der nichts gesehen hat, aber trotzdem was sagen will: In Doktorarbeiten werde ja ohnehin viel zitiert; ansonsten könne er das alles auch nicht so richtig beurteilen. Seinem Gesichtsausdruck nach wünschte er sich ab Minute vier der Sendung, ganz weit weg zu sein.

Die Rolle des Anklägers teilten sich Lauterbach und Jörges. Mit zwei Doktor- und einem Professorentitel war Lauterbach zuständig für die akademische Empörung: "Es geht um die Integrität der Wissenschaft!" Seinen Titel könne Guttenberg nicht ruhen lassen. Aber er werde ihn verlieren, aller Voraussicht nach. Studenten werfe man bei Täuschungsversuchen von der Uni, fürs Kopieren gibt es keine Entschuldigung.

Nicht alles, was hinkt, taugt als Vergleich

Für das große Ganze und die persönliche Enttäuschung ist Jörges zuständig: "Frage der Ehre", "richtiger Skandal", "Hier geht's um Werte." Er habe Guttenberg schon früh für kanzlertauglich gehalten und fürchte jetzt, sich getäuscht zu haben. Von einer Medienkampagne gegen den Verteidigungsminister könne keine Rede sein. Immerhin habe der die "Bild"-Zeitung auf seiner Seite, sagt Jörges. Das laufe nach dem Motto: "Wir basteln uns einen Bundeskanzler."

Als verständnisvolle Laienrichterin präsentierte sich Alice Schwarzer. Guttenberg müsse unter einem enormen familiären Druck gestanden haben, warum sonst habe er den Doktortitel überhaupt angestrebt? Sie finde es unangenehm, wie der "fabelhafte Guttenberg" jetzt niedergemacht werde. Wie in jeder Talkshow, in der sie auf Jörges trifft, fallen sich die beiden gegenseitig ins Wort, so dass Anne Will schnell zur Zuschauerin ihrer eigenen Sendung wird.

Die Rolle des Sachverständigen in der Verhandlung übernimmt Eckhard Freise. Der ist Professor und gilt als showtauglich, seit er bei Günther Jauch die Million gewann. Er studierte einst Latein, Geschichte, Philosophie, Pädagogik, Geografie, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und nicht-numerische Informatik - und so redet er auch. Kompetent, aber umständlich zählt er die Vorschriften aus der Bayreuther Promotionsordnung auf, die es unter Umständen zulassen, dass Guttenberg seinen Titel vielleicht doch noch behalten darf. Wie er reagiere, wenn er Studenten beim Schummeln erwische, fragt Will. Stellvertretend für alle entrüsteten Akademiker sagt Freise: "Ich bin persönlich beleidigt, ich bin stinksauer, wenn ihr mich bescheißt."

Die gewagteste These des Abends kommt allerdings nicht von den Gästen, sondern von Anne Will und ihrer Redaktion. Ein Einspielfilm vergleicht die Karrieren von Guttenberg und Thomas Gottschalk: Beide seien erst hochgeschrieben worden, um sie dann fertigzumachen. Dieter Wedel ist es, der darauf aufmerksam macht, dass nicht alles, was hinkt, als Vergleich taugt: Guttenberg habe im Gegensatz zu Gottschalk einen Fehler gemacht.

Verteidigerin Hohlmeier versucht gegen Ende in einer Art Schlussplädoyer einen Unterschied zu konstruieren zwischen "wissenschaftlichen" Fehlern und "menschlichen" Fehlern. Und der Karl-Theodor sei für sie ein guter Politiker, ob mit oder ohne Titel. Zurücktreten müsse er jedenfalls nicht.

Und mit Rücktritten kennt sich die CSU-Politikerin aus. Nach einer Wahlfälschungsaffäre hatte sie vor wenigen Jahren ihr Amt als bayerische Kultusministerin niederlegen müssen.

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Forum - Kann Karl-Theodor zu Guttenberg Verteidigungsminister bleiben?
insgesamt 12043 Beiträge
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1. Wie dreinst Uwe Barschel
mischli 19.02.2011
Guttenberg hat gelogen, was seine Augen in den entscheidenden Passagen gestern verraten haben. Ich fühlte mich sehr schnell an Uwe Barschel erinnert und gestern war das 'Ehrenwort' das einzige, was noch gefehlt hat. Und dies an einem Tag mit drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan! Jeder weitere Tag im Amt ist eine Schande!
2. Nein, er muss zurücktreten.
Wertkonservativliberaler 19.02.2011
Nein, Guttenberg muss zurücktreten. Er ist als Verteidigungsminister oberster Dienstherr aller Soldaten und Mitarbeiter der Bundeswehr und entscheidet über diese bei Dienstvergehen. Er selbst plagiiert seine Doktorarbeit, gibt bei der Abgabe seiner Doktorarbeit vor der Promotionskommission der Uni Bayreuth eine falsche ehrenwörtliche Erklärung ab, bezeichnet nach Bekanntwerden des Plagiats dies als "abstrus" (Mittwoch, 16.02.) und hält an seiner Version nicht getäuscht zu haben weiterhin fest (Freitag, 18.02.). Wie soll so ein Mann von seinen Dienstuntergebenen noch Ernst genommen werden? Und von CDU-Wählern wie mir, die es mit dem "Konservativ-Sein" tatsächlich genau nehmen. Ich will keine "Blender" in Regierungsverantwortung!
3. Natürlich nicht
gambio 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Wer klaut, lügt, betrügt, fälscht und unterschlägt hat keinen Anspruch auf ein öffentliches Amt.
4.
Gesine Ungefragt, 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Für mich ist da nur ein Aspekt ausschlaggebend: Guttenberg ist augenblicklich Chef zweier Bundeswehrhochschulen. Das darf er auf keinen Fall bleiben.
5. Deutsche wollen Guttenberg behalten
mike stevens 19.02.2011
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Der Focus ist sagt die Wahrheit voraus, lasst den armen KT im Amt, sonst muss er nen Psychiater, womöglich mit Doktortitel aus Beyreuth, aufsuchen, könnt ihr das vertreten, von was soll er dann Leben, von Luft und Sabine, Hatz4 zahlt bestimmt nicht das Gel zum gleiten auf dem Scheitel.
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Guttenbergs Schummelaffäre
Was wird ihm vorgeworfen?
Karl-Theodor zu Guttenberg soll an mehreren Stellen seiner 475 Seiten umfassenden Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag" fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Minister unter anderem Textpassagen aus einem Vortrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab und aus einer Rede des Verfassungsjuristen Gerhard Casper übernommen. Beide Autoren wurden nicht korrekt ausgewiesen. Es sieht sehr danach aus, dass er auch ganze Textpassagen aus mehreren Zeitungen nahezu wortgleich abgeschrieben hat.
Kann ihm der Doktor aberkannt werden?
Die Uni Bayreuth hat Verteidigungsminister Guttenberg zwei Wochen Zeit gegeben, sich zu den Plagiatsvorwürfen zu äußern. Ein Jura-Professor an seiner alten Uni, Diethelm Klippel, prüft als "Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft" die Anschuldigungen. Mit welchen Konsequenzen Guttenberg rechnen muss, ob er sogar den Dr. in seinem Namen streichen muss, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Allerdings ist es auf Doktoranden-Ebene so: Wer erst einmal seine Prüfung bestanden hat, behält seinen Titel meist.
Was sagt er selber?
Guttenberg selbst und sein Doktorvater, der emeritierte Verfassungsrechtler Peter Häberle, haben die Vorwürfe zurückgewiesen. "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", sagte der Minister. Er will jedoch prüfen, ob er bei den mehr als 1200 Fußnoten Fehler gemacht hat. An der Dissertation hätten keine Mitarbeiter mitgewirkt, beteuerte er. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."
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