Von Ole Reißmann
Aufzeichnungen auf Papier? Nie wieder, sagt Steffen Wernéry, einer der Urgesteine des Chaos Computer Clubs (CCC). Nachdem die Hacker in den achtziger Jahren nur mit Hilfe ihrer Computer die Hamburger Sparkasse über das BTX-System ausrauben konnten, durchsuchten Ermittler seine Wohnung. Dabei fanden sie belastendes Material, er musste für 66 Tage ins Gefängnis. Damit all das nicht noch einmal passiert, macht er nun keine Notizen mehr. Auch im Internet ist er nicht präsent - alles ansatzweise Heikle macht er nur noch persönlich.
Wernéry hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. In Hamburg betreut der Alt-Hacker nun Bunker für den Zivilschutz, der Zugang zu den riesigen Anlagen aus dem Kalten Krieg bringt schließlich Vorteile: Hier kann er massenhaft Schlüssel lagern. Seit einem Hacker-Treffen in New York hat er eine Leidenschaft fürs Knacken von Schlössern, möglichst ohne Einbruchsspuren. Für sein Hobby, das Lockpicking, hat er 1997 einen Verein gegründet, die Sportsfreunde der Sperrtechnik. Wie er so durch seine Bunker zieht, wirkt er seltsam aus Raum und Zeit gefallen - ein Motiv, das sich durch den Film zieht.
Fünf Hacker zeigt Alexander Biedermann in seinem Dokumentarfilm, der ein Jahr nach dem Kinostart am Sonntagabend auf 3sat gezeigt wird. Es ist ein kleiner Einblick in eine ansonsten verschlossene Szene, die aus guten Gründen zum Verfolgungswahn neigt. Die Hacker des CCC wurden in den achtziger Jahren observiert und verfolgt, sie brachen in fremde Computersysteme ein. Nach der Haspa nahmen sie sich unter anderem Nasa-Systeme vor. Später hackten einige von ihnen gegen Geld für den russischen Geheimdienst KGB.
Fünf Hacker, fünf unterschiedliche Geschichten
Ein klarer Verstoß gegen die Hacker-Ethik, die Regeln des CCC. Eigentlich wollten die an Technik interessierten Bastler ihr Wissen nicht verkaufen. Reinhard Schrutzki, früher Vorstandsmitglied im CCC, lacht milde über den Anspruch von damals. Sie wollten "liebe Hacker" sein. "Aber daran gehalten hat sich eigentlich kaum einer", sagt er. Heute arbeitet er an einem Tsunami-Frühwarnsystem einer kleinen Hamburger Firma. Schrutzki holt für den Filmemacher einen Commodore 64 hervor, den meistverkauften Computer aller Zeiten. Eine Art Brotkasten, den man an den Fernseher anschließen musste.
Dann ist da noch Marko Rogge, Mitte dreißig, der die Netzwerke und Server von Unternehmen auf Sicherheitslücken abklopft. Penetrationstest nennt sich diese Dienstleistung. Außerdem reist er durch die Republik, um IT-Mitarbeiter zu schulen. Biedermann interessiert sich nicht für die Schreckensszenarien, für aufgeregte Scharfmacher oder flackernde Bildschirme voller Codezeilen, die für den Laien unverständlich und damit potentiell bedrohlich scheinen. Stattdessen konzentriert sich "Hacker" auf seine Protagonisten. Was sind das für Menschen? Über Rogge erfahren wir, dass er gerne Nietzsche liest, abgesehen davon lieber nicht so viel, weil das nur ablenkt. Ist er bei Kunden, legt er wert auf Hemden - die er aber nur zur Hälfte bügelt. Den Rest sieht man ja ohnehin nicht.
Es sind Nerds, die uns Biedermann zeigt, Menschen, die sich mit bestimmten Sachen wahnsinnig gut auskennen - und die tragische Erfahrungen gemacht haben, was sie mitunter etwas eigen werden lässt. Wernéry mit seinem großen schwarzen Hut, Rogge mit seiner Igelfrisur und Schrutzki in seinem Pullover wirken in dem Film vor allem einsam. Jedenfalls stellt Biedermann sie uns so dar, platziert sie mal alleine vor ihrem Rechner, dann wieder in weiter Landschaft oder betont anonymer Umgebung.
Hessische Provinz und Sonnenbrille
Rogge soll das erzählerische Bindeglied zu Paul Ziegler und Marcell Dietl, dem Hacker-Nachwuchs, sein. Die beiden haben in jungen Jahren in der Szene für Aufsehen gesorgt. Ziegler programmierte einen Virus, der auf verschiedenen Betriebssystemen lief, "Akikaze", so heißt auch ein japanischer Zerstörer. Das Filmteam besucht ihn in Tokio, wohin er mit 19 Jahren abgehauen ist. Nun ist er Anfang zwanzig und arbeitet für Firmen als "guter" Hacker, im Jargon ein "white hat". Er hackt nicht nur am Computer, sondern auch in seinem sozialen Leben. So flirtet er Frauen auf der Straße an, variiert immer wieder seine Taktik, um sich schließlich mit einer verabreden zu können.
In der hessischen Provinz schließlich zeigt Biedermann den Viren-Programmierer Marcell Dietl, wie er auf einer Eisenbahnbrücke herumturnt. Er erzählt davon, wie er Anschluss an die Gothic-Szene und die Piratenpartei gefunden hat. Was genau er nun für wen macht - es bleibt wie bei den anderen im Dunkeln. Biedermann hält sich zurück mit Analyse und Einschätzung, lässt die fünf Hacker ihre Geschichte erzählen, nur die alten CCC-Hacks werden von Fernsehnachrichten von damals flankiert. Um die juristische, politische und kulturelle Bedeutung der illegalen Streifzüge bemessen zu können, ist das viel zu wenig.
Nur kein Wort über den Netz-Untergrund
Was völlig fehlt, ist eine Bestandsaufnahme der aktuellen Hacker-Szene und all dem, was im Internet seit ein paar Jahren passiert. So schwelgt "Hacker" lieber von den CCC-Helden, als sich mit der schillernden Halbwelt der "Hobbyisten", Kriminellen, IT-Berater und Regierungshacker auseinanderzusetzen, mit den engagierten Vertretern selbstbestimmten Datenreisens und den Apologeten von Cyberkriegen, mit den Internet-Rowdies von Anonymous oder der hackenden Freiheitskämpfer-Truppe Telecomix, die dem staatlichen Sicherheitsapparat Syriens mehrere Gigabyte Überwachungsprotokolle klaute.
Statt noch einmal Markus Rogge zu zeigen, wie er sich alleine am Rande einer Veranstaltung unter einem Heizpilz eine Zigarette anzündet, hätte er mehr erzählen können. Denn die Hacker-Beobachtung hat durchaus ihre interessanten Momente - und die ruhigen Einstellungen, die sorgfältig eingerichteten Bilder heben sich wohltuend von der Film- und Fernseh-Durchschnittsware mit ihrer künstlichen Dramatik und ihrer absichtlich amateurhaften Ästhetik ab. Nur genießt der Film diese sorgsam hergestellte Perfektion, die Kühle und Distanz zu sehr.
Letztlich erzählt "Hacker" deshalb nicht von einer interessanten und vielfältigen Subkultur, sondern von fünf versehrten Menschen.
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