Cyberthriller-Serie "Hackerville" Das gefährlichste Kind des Internets

Ganz Europa ist ein Schaltkreis: Die deutsch-rumänische Produktion "Hackerville" über junge Gamer und organisierte Cyberkriminalität zeigt, wie länderübergreifendes Serienerzählen geht.

HBO/ TNT

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Der Vorspann dieser Serie ist eine Sensation für sich: Katzenpfoten tapsen auf einer Tastatur entlang, ein Programmiercode rast über den Bildschirm, in den Wohnungen einer rumänischen Plattenbausiedlung gehen nach und nach die Lichter an. Aus der Vogelperspektive sehen die Wohnsilos auf einmal aus wie die elektronischen Bauteile eines Rechners, die leuchtende und blinkende Stadt wird von oben betrachtet zur Computerplatine. Keine Minute, dann ist die Idee von "Hackerville" klar: Die ganze Welt ist ein einziger Schaltkreis.

Die Handlung dazu geht so: Eine Bank in Frankfurt wird gehackt, 9.99 Euro werden geklaut. Ein Gag? Eine Warnung? Ein Warm-up für einen größeren Angriff? Der Hack ging von Computern im rumänischen Timisoara aus, die Abteilung für Cyberkriminalität des Bundeskriminalamts schickt Lisa Metz (Anna Schumacher) zur Quelle der Bedrohung. Die Ermittlerin ist Deutschrumänin, ihre Untersuchungen werden auch zur Recherche der eigenen Familiengeschichte.

Vor Ort bekommt Metz Hilfe vom Polizisten Adam Sandor (Andi Vasluianu), die beiden stoßen auf den 14-jährigen Gamer Cipi (Voicu Dumitras), der eigene Spiele programmiert und mit Leichtigkeit hinter jede Firewall gelangt. Dem Jungen ist auch eine Organisation auf den Fersen, die an internationalen Internetverbrechen verdient. Cipi, das Cyber-Wunderkind, soll hochgesicherte Computersysteme für sie knacken.

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Hackerserie: Das Leben ist kein Game

So zugespitzt die Handlung klingt, sie hat einen realen Hintergrund: Seit ein paar Jahren gilt die rumänische Stadt Râmnicu Vâlcea als Zentrum der Cyberkriminalität, in Berichten wird sie immer wieder als "gefährlichste Stadt des Internets" bezeichnet. Von hier aus starten junge Hacker ihre Angriffe auf der ganzen Welt.

Achtklässler hacken das Ampelsystem

Die Serie verlegt jenes "Hackerville" nun ins etwas größere Timisoara und zeigt, wie hier schon Achtklässler in High-End-Internetcafés das örtliche Ampelsystem hacken, um die Rot- und Grünphasen zu manipulieren und so etliche Zusammenstöße zu provozieren. Später müssen die Ermittler zur Lösung des Falls ein Egoshooter-Spiel spielen, das von Cipi, dem gefährlichsten Kind des Internets, mit Bezug auf die Topografie von Timisoara programmiert wurde. Einer sitzt am Rechner, der andere muss durch die reale Stadt rennen.

Dass "Hackerville" bei aller Lust am Gamer-Budenzauber (und trotz leichter Hänger beim digitalen Katz-und-Maus-Spiel im Mittelteil) nicht zur Cyberpistole verkommt, liegt auch daran, wie sorgfältig die Lebenswelten verzahnt werden - die virtuelle mit der realen, die rumänische mit der deutschen.

In "Hackerville" wird auch die Geschichte der Rumäniendeutschen verhandelt, jener Volksgruppe, die über die Siebziger- und Achtzigerjahre von der Bundesregierung aus der Ceausescu-Diktatur freigekauft wurde. So tritt vor dem Hintergrund der hochtourigen Digitalisierung der rumänischen Gesellschaft auch eine der großen, aber fast vergessenen Migrationsbewegungen auf dem Kontinent hervor. Hauptdarstellerin Anna Schumacher ist Deutschrumänin, Anca Miruna Lazarescu ("Die Reise mit Vater"), eine der Regisseurinnen, ist eine in Deutschland aufgewachsene Rumänin. Für sie bedeutete der Dreh in Timisoara eine Rückkehr in ihren Geburtsort nach Jahrzehnten der Abwesenheit.

"Hackerville" zeigt beispielhaft, wie modernes europäisches Serienfernsehen auf einem boomenden Fernsehmarkt aussehen kann. Entwickelt wurde der Stoff von Jörg Winger und Ralph Martin, die schon für die Spionageserie "Deutschland86" zusammengearbeitet haben, als Produzenten fungierten Cristian Mungiu und Tudor Reu, die mit dem preisgekrönten Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, zwei Tage" einen neuen rumänischen Kinorealismus in die Welt getragen haben.

Auf der Suche nach dem "new shit"

In "Hackerville" gibt es eine Szene, in der sich einer der Cyberkriminellen als Gesandter einer Plattenfirma ausgibt, die angeblich im ehemaligen Ostblock nach interessanten Hip-Hop-Acts Ausschau hält. Er sei auf der Suche nach dem "New Shit". Das könnte auch über den US-Sender HBO gesagt werden, der mit "Sopranos" und "Game of Thrones" Seriengeschichte schrieb und nun über seine Dependance HBO Europe nach Stoffen und Kooperationspartnern für den hungrigen Serienmarkt dies- und jenseits des Atlantiks sucht.

HBO Europe hat bereits die düstere rumänische Detektivserie "Umbre" herausgebracht. Für "Hackerville" kooperiert der Fernsehanbieter nun mit dem kleinen Sender TNT Serie, der mit Eigenproduktionen wie dem Fantasy-Thriller "Weinberg" und der ersten Staffel der Gangster-Saga "4 Blocks" als einer der Ersten bewiesen hat, dass deutsches Genrefernsehen funktionieren kann.

Die Cyberthriller-Serie geht jetzt noch einen Schritt weiter. Nach dem Telekom-Desaster "Deutsch-Les-Landes", das deutsch-französische Klischees in Reihe auffährt, öffnet hier die länderübergreifende Erzählung neue Facetten der vielleicht gar nicht so fremden Lebenswelten. Ganz Europa ist ein Schaltkreis, er muss nur unter Strom gesetzt werden.


"Hackerville", ab Donnerstag bei TNT Serie, abrufbar unter anderem bei Sky Ticket, Vodafone und Telekom

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