Halbzeit im Dschungelcamp Die Lehren der Kakerlake

Da sind wir uns ja wohl einig: Das RTL-Dschungelcamp ist zynisch und menschenverachtend, doof, kurz: eine Zumutung! Aber eine lehrreiche, meint Stefan Kuzmany. Denn die Sendung bildet beispielhaft aktuelle Zustände und Konflikte unserer Gesellschaft ab...hä?

RTL

Klar, wir haben uns alle fest vorgenommen, diesen Mist zu ignorieren. Die erste Folge konnte man sich ja noch ansehen, aus Neugierde, geschenkt. Dann ist aber praktisch nix passiert in der ersten Folge, also dann halt noch die zweite Folge, und, so schnell kann es gehen, jetzt hängen wir drin im australischen Sumpf, hineingezogen von den skrupellosen Privatfernsehmenschen des Senders RTL, die uns nun bereits seit einer Woche das zynische, menschenverachtende, vor allem aber herzerfrischend doofe Dschungelcamp servieren. Der Geist ist willig, doch der Fernbedienungsfinger ist schwach. Aber die Hälfte der Staffel ist ja schon rum. Bald haben wir es geschafft.

Sie sehen schon: Dies ist ein Rechtfertigungstext. Schon der zweite, was die Sache nicht einfacher macht. Die Spielregeln sollten mittlerweile bekannt sein: Hier ist der Notausgang, und hier schreiben Sie bitte hinein, wie überflüssig und wertlos die Sendung, dieser Text und der Autor dieses Textes sind. Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an. Ich bin hart im Nehmen. Das Dschungelcamp hat mich stark gemacht. Es kann auch Sie stark machen.

Ob Sie es glauben oder nicht: Die gruppendynamischen Prozesse, die Charakterstudien, die menschlichen Stärken und Schwächen der elf Kandidaten, die Abend für Abend in "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" einem Millionenpublikum präsentiert werden, sind durchaus lehrreich. Wenn Sie in eine Diskussion oder ein Handgemenge geraten mit jemandem, der Sie dafür kritisiert, verachtet oder gar hasst, weil Sie sich das Dschungelcamp ansehen, dann sagen Sie einfach Folgendes: Diese Sendung bildet beispielhaft aktuelle Zustände und Konflikte unserer Gesellschaft ab.

Sie können dann mit einer zwingend auf diesen Satz folgenden Gegenfrage rechnen. Sie lautet: "Hä?" Darauf kann ausführlich geantwortet werden.

1. Sarah Knappik und die verzerrte Selbstwahrnehmung

Die ehemalige Teilnehmerin der Sendung "Germany's Next Top Model" hat sich konsequent und mit Erfolg in die Rolle der größten Nervensäge des Dschungelcamps manövriert: Sarah Knappik agiert besserwisserisch, ist komplett beratungsresistent und gilt wegen ihres unkooperativen Verhaltens als "asozial" (Langhans), was sie jedoch überhaupt nicht nachvollziehen kann. Im Dschungelcamp hat sie keine Freunde, ihr ist vom eigenen Team sogar schon offen der Rückzug nahegelegt worden. Einmal sah es auch schon kurz so aus, als ob Sarah das Handtuch werfen und das Camp freiwillig verlassen würde, worüber bereits allgemeine Freude und Erleichterung herrschte. Dann hat sie es sich jedoch anders überlegt.

Ihre wiederholte Nominierung für die Dschungelprüfungen, eigentlich eine Strafe und Ausdruck des Sadismus der Zuschauer, missdeutet Knappik als Vertrauensbeweis ihrer Fans. Häufig spricht sie in die Kamera zu ihren Anhängern, wobei sie fest davon überzeugt zu sein scheint, dass es viele davon gibt und dass alle wollen, dass sie sich genau so weiter verhält wie bisher.

Die Parallelen zur Geschichte des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle liegen so offensichtlich auf der Hand, dass sie hier keiner weiteren Erläuterung bedürfen.

2. Rainer Langhans und die Krise des korrekten Lebens

Was darf, was kann man noch essen? Was besser nicht? Wohl nicht viele Menschen folgen in dieser Frage so hehren Idealen wie der Ex-Kommunarde Rainer Langhans: Er will Tiere weder quälen noch töten noch verzehren. Das auch im Dschungelcamp nicht tun zu müssen, hat er sich zusichern lassen, bevor er sich zur Teilnahme entschieden hat. Obschon auf niedrigerem Niveau, geht es vielen Menschen sehr ähnlich: jeden Tag im Supermarkt.

Als Langhans am zweiten Tag zur Dschungelprüfung gerufen wurde, reagierte er nach der Präsentation zunächst so skeptisch wie zurzeit die Kunden vor dem Eierregal. Er solle sich in einen Sarg legen mit Tausenden Kakerlaken, sagten ihm die Moderatoren. Das wolle er nicht tun, sagte Langhans: Die Abmachung schließe so etwas aus. Nicht der Ekel vor den Tieren war Langhans' Problem (den meditiert einer wie er problemlos weg), es war seine Sorge um die Tiere: Keine Kakerlake sollte zu Schaden kommen. Erst als der als medizinische Autorität dargestellte "Dr. Bob" dem Tierfreund ausführlich erläutert hatte, dass Kakerlaken eine Atomexplosion und also auch ihn überleben würden und weder über Wirbelsäule noch Schmerzempfinden verfügen, legte sich Langhans zu den Tieren in den Behälter - er, der noch kurz vorher gesagt hatte, dass er keinem Lebewesen zu nahe treten wolle.

Da ist Langhans ganz wie der gemeine Verbraucher: Wir alle wollen uns vertraglich zusichern lassen, dass das, was wir kaufen und essen, korrekt hergestellt und zubereitet wurde. Kommt dann mal wieder ein Skandal, sei es nun Dioxinbelastung oder Gammelfleisch, der uns zeigt, dass die Abmachung gebrochen wurde, von der wir vor unserer Teilnahme am Supermarktcamp so fest ausgegangen waren, sind wir skeptisch wie Langhans vor dem Kakerlakensarg. Sobald uns dann aber ein Experte, und sei es auch nur einer von der zweifelhaften Kompetenz eines "Dr. Bob", erklärt, dass aus diesen und jenen Gründen doch alles wieder in Ordnung ist mit dem Essen, dann greifen wir zu.

Das Verbraucherproblem ist dem Langhans'schen Kakerlakendilemma recht ähnlich. Einziger Unterschied: Ein Lebensmittelskandal kann von der Aufdeckung über die Aufregung bis zum wohligen Desinteresse gut mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Im Dschungelcamp werden solche Ethikfragen unter Laborbedingungen zugespitzt und in Minuten zur Entscheidung gebracht.

3. Eva Jacob, Sozialstaatsdebatte und Steuervereinfachungen

Respekt. Wenn Sie sich bis zu diesem dritten Punkt durchgekämpft haben, um sich hanebüchene Rechtfertigungen für Ihren Dschungelcamp-Konsum anzulesen, dann ist wohl davon auszugehen, dass Sie sich diese Sendung tatsächlich täglich ansehen und wirklich alles wissen wollen, was damit auch nur entfernt in Zusammenhang stehen könnte. Seien Sie beruhigt: Die Sozialstaatsdebatte und etwaige Steuervereinfachungen tun es nicht. Unter dieser denkbar langweiligsten Tarn-Überschrift wollen wir nun aber endlich zu der Frage kommen, die Sie tatsächlich interessiert, geben Sie es nur zu, Sie müssen sich jetzt nicht mehr verstellen, wir sind unter uns. Also gut.

Läuft da wirklich was zwischen Indira und Jay? Schwer zu sagen. Kann schon sein. Ist aber vielleicht auch nur gespielt. Ich fürchte, das werden wir uns noch mal genauer ansehen müssen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 488 Beiträge
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Seite 1
zweiundzwei 21.01.2011
1. Bitte, bitte
Zitat von sysopDa sind wir uns ja wohl einig: Das RTL-Dschungelcamp ist zynisch und menschenverachtend, doof, kurz: eine Zumutung! Aber eine lehrreiche, meint Stefan Kuzmany. Denn die Sendung bildet beispielhaft aktuelle Zustände und Konflikte unserer Gesellschaft ab... hä? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,740704,00.html
Okay, ich schaue das Dschungelcamp nicht, aber das war mal wieder ein sehr charmanter Artikel. Ich warte natürlich schon gespannt wieder auf: 1) SPON = Bild bzw. was hat das auf SPON zu suchen 2) Das ist keine Kultur! 3) Privatfernsehen ist niveaulos 4) The end is near! Das Abendland steht kurz vor dem Untergang Brot und Spiele für alle!
critique 21.01.2011
2. klasse
Ich - als Dschungelgugger - fnde den Artikel ja sowas von geil - grins, lach, klatsch (und tratsch). Und für alle intellektuellen Gegner: Mir ist Eure Meinung völlig schnubbe. Ich freue mich auf heute Abend unter dem Motto: "Gruppenzwang. Wird Sarah Dingens brechen?"
lezel 21.01.2011
3. Sarah-Fan
Ich bin tatsächlich ein Fan von Sarah. Spätestens seit sie gestern die Aufgabe ablehnte. Fünfmal hatten die Zuschauer ihr die Prüfung angetragen, viermal nahm sie an, stets begleitet von den guten Wünschen der Mitbewohner und der Zusicherung, jeder habe Verständnis, wenn sie sich das einmal nicht zutraue. Beim fünften Mal nahm sie genau dies Verständnis in Anspruch, und da war es plötzlich verschwunden. Aus mitfühlenden Unterstützern wurden hungrige Nörgler, und das in beeindruckender Geschwindigkeit. Die Wandlung dauerte nur wenige Sekunden. Respekt. Sarah hat es genau richtig gemacht, und alle anderen haben gezeigt, wie ernst sie ihr Mitgefühl tatsächlich meinen.
Darla, 21.01.2011
4. Halbzeit im Dschungel
"(...)Der Geist ist willig, doch der Fernbedienungsfinger ist schwach." Jaaaa, genau das! Seit der allerersten Folge. Mein ganz persönliches dunkles Kapitel zum Thema Fernsehen. Natürlich ist es grauenhaft, debil, menschchenverachtet und niveaulos. Deswegen ist es ja so gut, weil es die bösesten, gemeinsten, hinterlistigsten und niederträchtigsten Regungen in uns hervorruft. Herrlich!
backtoblack 21.01.2011
5. Mist
Tja, warum lieber SPON-Autor, ignorieren Sie diesen Mist nicht tatsächlich, wie Sie es sich vorgenommen hatten? Niemand zwingt Presseorgane dazu, noch über den trivialsten Schwachsinn zu berichten.
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