Hamburger "Tatort": "Schweiger kann gerne bis 2068 ermitteln"

Warum hatte Mehmet Kurtulus als "Tatort"-Ermittler keine Chance? Weshalb wurde ausgerechnet Til Schweiger verpflichtet? Und gibt es eigentlich junge Menschen, die das Erste gucken? NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath spricht im Interview über Krimi-Experimente und den Kampf um die Kids.

NDR-Fernsehspielchef Granderath: Fernsehen als Kunst der Provokation Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Granderath, demnächst wird Til Schweiger in Hamburg als "Tatort"-Ermittler antreten. Dahinter kann nur die Idee stecken, die Quote hochzutreiben - oder?

Granderath: Sie täuschen sich. Als für den NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber und mich die Möglichkeit am Horizont auftauchte, dass Til Schweiger die Kommissar-Rolle übernehmen könnte, haben wir einen Moment innegehalten. Dann war uns klar, dass wir das machen müssen - gerade auch, weil es eine neue Farbe und in einem ganz anderen Sinn eben nicht die sichere Nummer ist, wie Sie und viele andere das meinen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Frauenschwarm Schweiger greifen Sie doch aber gekonnt die Leute ab, die sonst im ZDF Rosamunde Pilcher gucken und bei Sat.1 romantische Komödchen. Da kommen Sie auf zwölf Millionen Zuschauer - ARD-Quoten wie zu Zeiten, als es noch nicht die Konkurrenz der Privaten gab.

Granderath: Ihr Optimismus in Ehren, aber das ist nicht unsere Erwartung. Und es geht nicht nur um Quoten.

SPIEGEL ONLINE: Was dann? Die Schauspielkünste Schweigers können es nicht gewesen sein.

Granderath: Das ist Stuss. Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit. Er hat ein großes Gespür für seine Figuren und sein Publikum und ist bei Jüngeren sehr populär. Man muss nicht immer und überall den Hamlet geben, wenn man in einem deutschen Film spielt und gut und spannend unterhalten will.

SPIEGEL ONLINE: Mehmet Kurtulus, der bislang in Hamburg ermittelte, brachte eben gerade diese tragische Größe auf. An diesem Wochenende gibt es die vorletzte Episode mit ihm, im Frühjahr 2012 die letzte. Traurig.

Granderath: Es war Mehmets Wunsch. Er sieht seine Berufung woanders und will bei seiner Freundin in den USA sein und mehr an seiner internationalen Karriere arbeiten. Dann muss man das respektieren.

SPIEGEL ONLINE: Mit den Quoten hat der Ausstieg von Kurtulus nichts zu tun?

Granderath: Nein. Der NDR hätte mit ihm weitergemacht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wirkt die Begründung von Kurtulus ein bisschen fadenscheinig. 200.000 oder 300.000 Euro für zwei Monate Drehzeit im Jahr, da hätte er die restlichen zehn Monate ohne jeden Druck an seiner internationalen Karriere arbeiten können...

Granderath: Überschätzen Sie bitte nicht die Honorare der "Tatort"-Kommissare! Es geht eben nicht immer nur ums Geld. Durch die Konzeption mit dem verdeckten Ermittler war die dramaturgische Arbeit extrem komplex, jede einzelne Folge war hart erkämpft.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass Kurtulus' türkischer Hintergrund dem großen Erfolg im Weg stand?

Granderath: Davon bin ich persönlich überzeugt. Ich würde aber immer wieder - Quote hin, Quote her - einen türkischstämmigen Ermittler einsetzen, wenn es passt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dafür bekannt, provokante Projekte anzuschieben: Ihr Integrationsdrama "Wut" sorgte 2006 für heftige Debatten, und unlängst lief Ihr Cybermobbing-Film "Homevideo" mit großer Resonanz in der ARD...

Granderath: Große Resonanz? Naja. Es gab schon vor der Ausstrahlung im Ersten den deutschen Kamerapreis und den deutschen Fernsehpreis, es gab intensive Diskussionen, aber die Quoten bei der ARD-Ausstrahlung waren dann für mich enttäuschend. "Homevideo" musste allerdings auch gegen die Champions League und gegen "Die Borgias" antreten.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Film hat doch, wenn man sich bei Bekannten und deren Kindern umhört, Zuschauer erreicht, die das Erste sonst eher nicht so erreicht: junge Menschen.

Granderath: Die jungen Zuschauer, die den Film gesehen haben, waren so bewegt und beeindruckt, wie es nur ganz selten der Fall ist, davon kann man sich bei den Tausenden von Facebook-Einträgen auf der "Homevideo"-Seite ein Bild machen. Das ist wunderbar, "Homevideo" ist wohl ein Film, der bleibt. Aber man muss auch den Tatsachen ins Auge sehen: Es ist sehr schwer, mit einem öffentlich-rechtlichen Drama, egal wie gut und wie jugend-affin es gemacht ist, jüngere Zuschauer zu erreichen. Es geht denen vor allem ums Entertainment. Relevanz haben für sie häufig eher erst mal Klum, Bohlen und Co. Auch lassen sich die Kids schwer über klassische Programmschemata erreichen. Die besorgen sich ihre Filme anders. Das sehe ich bei meinen eigenen Töchtern. Die haben begeistert viele Folgen der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" gesehen - allerdings nicht im Vorabendprogramm. Teens und Twens fliegen für öffentlich-rechtliche Fernsehmacher zu häufig unter dem Radar.

SPIEGEL ONLINE: So schlimm?

Granderath: Ja, so schlimm. Viele sind inzwischen ja mit RTL und Scripted Reality sozialisiert, aber soll ich deshalb etwa Scripted Reality produzieren?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn wirklich gar keine Möglichkeiten, die Jungen als Zuschauer zu gewinnen?

Granderath: Man muss nicht panisch werden - beim "Tatort" haben wir sie ja zum Beispiel häufig. Es war meines Wissens schon in den siebziger Jahren so, dass anspruchsvolle Produktionen für Jugendliche von allen möglichen Leuten geguckt werden - nur nicht von den Jugendlichen selbst. Vielleicht muss man sich stärker den Genres zuwenden, Komödien oder Thrillern. Und man muss auch mal die Wände wackeln lassen, keine Angst vor Relevanz und möglicherweise dann auch provozierenden Themen haben.

SPIEGEL ONLINE: Da steht sich die ARD ja oft selbst im Weg: Unlängst wurde der auch für Jugendliche sehr interessante Terror-"Polizeiruf" des BR aus Jugendschutzgründen im Spätprogramm verklappt, auch Ihr Film "Wut" lief damals später als ursprünglich geplant. Wie schwierig war es eigentlich, die Onanier-Szene in "Homevideo" durchzusetzen, die eine zentrale Bedeutung im Film hat?

Granderath: Die war gar nicht das Problem. Aber es wurde sehr lange darüber diskutiert, ob sich der jugendliche Held das Leben nehmen darf - oder ob das für 20.15 Uhr ein zu schockierendes, zu tragisches Ende ist. Man muss sich dann eben mit den richtigen Argumenten durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Um noch mal auf Til Schweiger zurückzukommen: Es soll ja nur eine "Tatort"-Folge pro Jahr mit ihm geben. Hat man sein Engagement eigentlich auf eine bestimmte Zeit begrenzt?

Granderath: Einen Gehirntumor, wie ihn Ulrich Tukur für seine Rolle im hessischen "Tatort" als Ausstiegsmöglichkeit mit sich herumträgt, werden wir Schweiger ganz bestimmt nicht andichten. Falls er ein biblisches Alter wie Jopie Heesters erreicht, kann er gerne auch noch im Jahr 2068 in Hamburg ermitteln.

Das Interview führte Christian Buß


"Tatort: Der Weg ins Paradies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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1. Versorgungsanstalt des öffentlichen Rechts
Brand-Redner 17.12.2011
Zitat von sysopEinen Gehirntumor, wie ihn Ulrich Tukur für seine Rolle im hessischen "Tatort" als Ausstiegsmöglichkeit mit sich herumträgt, werden wir Schweiger ganz bestimmt nicht andichten. Falls er ein biblisches Alter wie Jopie Heesters erreicht, kann er gerne auch noch im Jahr 2068 in Hamburg ermitteln. Hamburger "Tatort": "Schweiger kann gerne bis 2068 ermitteln" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803544,00.html)
Nun hat er sich in letzter Minute doch noch verraten, der gute Mann von der ARD: Das gebührenfinanzierte Fernsehen als Insel der Seligen für alle, die es verdient haben! Wer dazu gehört, bestimmt allerdings nicht der Zuschauer, der darf nur zahlen, wie es sich gehört! Letzterem kann ich mich leider - Demokratie hin oder her - nicht entziehen. Doch wenigstens kann mich (noch) keiner zwingen, derart untalentierten Darstellern, die sich für richtige Schauspieler halten, auch noch zuschauen zu müssen: Wieder 1-2 Stunden Freizeit mehr!
2.
TomRohwer 17.12.2011
Til Schweiger als TATORT-Kommissar ist ein würdiger Nachfolger des Hamburger "Ur-TATORT-Kommissars" Paul Trimmel, gespielt von Walter Richters. Der hatte auch nur einen Gesichtsausdruck, genau wie Til Schweiger. Allerdings konnte Walter Richters seinen Gesichtsausdruck "zerknautscht" äußerst vielfältig anlegen, während Til Schweiger - bei allem Respekt - in seiner bisherigen schauspielerischen Laufbahn in dieser Hinsicht bis heute eigentlich nichts anderes fertigbekommen hat als ein einfältiges Grinsen.
3. ...
kimba2010 17.12.2011
Zitat von sysopWarum hatte Mehmet Kurtulus als "Tatort"-Ermittler keine Chance? Weshalb wurde ausgerechnet*Til Schweiger verpflichtet? Und gibt es eigentlich junge Menschen, die das Erste gucken? NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath spricht im Interview über Krimi-Experimente und den Kampf um die Kids. Hamburger "Tatort": "Schweiger kann gerne bis 2068 ermitteln" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803544,00.html)
Was findet die ARD nur an Herrn Schweiger? Als Schauspieler ist er traditionell eher schwach, hat eine piepsige Stimme und sein größtes Plus, das Aussehen, lässt auch immer mehr nach. Wie will jemand wie er den "Tatort" jahrzehntelang tragen? Das könnte ein großes Eigentor für die ARD werden.
4. ohje
heuwender 17.12.2011
Zitat von Brand-RednerNun hat er sich in letzter Minute doch noch verraten, der gute Mann von der ARD: Das gebührenfinanzierte Fernsehen als Insel der Seligen für alle, die es verdient haben! Wer dazu gehört, bestimmt allerdings nicht der Zuschauer, der darf nur zahlen, wie es sich gehört! Letzterem kann ich mich leider - Demokratie hin oder her - nicht entziehen. Doch wenigstens kann mich (noch) keiner zwingen, derart untalentierten Darstellern, die sich für richtige Schauspieler halten, auch noch zuschauen zu müssen: Wieder 1-2 Stunden Freizeit mehr!
Schweiger als Tatortkommisar mit seiner Fiepsstimme ist einUnding.Bei ARD ist alles möglich wie bei Toyota
5. "Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler"
maybee 17.12.2011
Zitat von sysopWarum hatte Mehmet Kurtulus als "Tatort"-Ermittler keine Chance? Weshalb wurde ausgerechnet*Til Schweiger verpflichtet? Und gibt es eigentlich junge Menschen, die das Erste gucken? NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath spricht im Interview über Krimi-Experimente und den Kampf um die Kids. Hamburger "Tatort": "Schweiger kann gerne bis 2068 ermitteln" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803544,00.html)
Wenn Sie es sagen, Herr Granderath. Was mich betrifft, werde ich den Hamburger Tatort nach Kurtulus` Abgang meiden.
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  • NDR/Teamworx
    Christian Granderath, Jahrgang 1959, ist einer der einflussreichsten Produzenten und Fernsehmanager des Landes. Er arbeitete unter anderem für die Colonia Media und für TeamWorx. In dieser Zeit schob er wichtige Fernsehfilme an, etwa Andreas Dresens "Die Polizistin" (2000), Sabine Derflingers "Kleine Schwester" (2005), Züli Aladags "Wut" (2006) und Peter Keglevic' "Kongo" (2010). Während der Produktion zu Kilian Riedhofs "Homevideo" im Jahr 2010 wurde ihm vom NDR der Posten des Fernsehspielchefs angeboten - auf dem er jetzt den Umbau des Hamburger "Tatort" vorantreibt.