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US-Krimiserie "Hannibal" auf Sat.1: Der Kannibale, dein Freund und Helfer

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Eine ganze Staffel am Stück schauen? Das lassen Sie mal lieber. Die Krimiserie "Hannibal" garniert einen Psychokrieg mit scheußlichsten Morden. Kannibalenlegende Hannibal Lecter tritt hier als Seelenklempner für einen angeknacksten FBI-Profiler auf. Und hat außerdem mächtig Hunger.

Er schlafwandelt. Er leidet unter Nachtschweiß. Er hat Alpträume. Wenn er wach ist, meidet er menschliche Gesellschaft, sein Gesichtsausdruck wechselt zwischen gequält, verzweifelt und resigniert. Will Graham (Hugh Dancy) ist ein getriebener Mann. Seine Fähigkeiten machen ihm schwer zu schaffen: Graham ist Profiler, Falltheoretiker. Er hat seine Ausbildung als FBI-Spezialagent wegen psychischer Probleme nicht abgeschlossen, wird aber immer wieder konsultiert. Denn Will Graham kann sich in den Kopf eines Mörders hineinversetzen.

Die NBC-Serie "Hannibal", die Donnerstag bei Sat.1 startet, hat dafür eine spezielle Ästhetik gefunden: Immer, wenn Will von seinem FBI-Vorgesetzten, dem Leiter der Verhaltensanalyse-Sektion, Jack Crawford (Laurence Fishburne), an einen Tatort gerufen wird, und das oder die Opfer anschaut, Blutlachen betrachtet, Wunden, groteske Verrenkungen, schwingen Pendel durch das Bild - und die Tat läuft rückwärts vor den Augen Grahams ab. In seiner eigenartigen Phantasie nimmt er die Stelle des Mörders ein. Doch nach ein paar Fällen macht sich seine angeknackste Psyche bemerkbar. Der Profiler kommt den seelischen Abgründen der Täter zu nahe. Bald scheint er nicht mehr zwischen sich und den Killern unterscheiden zu können. Er braucht psychologische Hilfe.

Er war, ist und bleibt böse

Dass der Seelenklempner, dem das FBI ihm zur Seite stellt, ausgerechnet jenes Monster ist, das die größte und brutalste aller Mordserien selbst ausführte, Dr. Hannibal Lecter, der Gentleman unter den psychopathischen Serienmördern, macht nicht nur den Reiz der Serie aus. Sondern ist ein notwendiger Kunstgriff, um das Publikum nicht zu verschrecken: Obwohl der Titel "Hannibal" lautet, geht es eigentlich um Will, der auf die blutigen Taten um ihn herum immer verstörter reagiert und sich immer weniger erklären kann, wieso ihm der Verbrecher anscheinend bald noch mehr als nur einen Schritt voraus ist.

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Durchweg "gute" Helden sind in der modernen Serie rar, weil sie sich nicht entwickeln und deswegen langweilen: Wenn einer gut ist, gut bleibt und Gutes tut, schreit das nach Fallstruktur, also nach einem Serienaufbau, der pro Folge eine abgeschlossene Geschichte bietet, und bei dem der Protagonist unangetastet zurückbleibt. "Hannibal" bedient sich, wie viele andere moderne Serien auch, beider Varianten: Graham fasst in annähernd jeder Folge einen spinnerten Killer, aber entwickelt sich nebenbei vom labilen zum komplett kaputten Mann. Hannibal dagegen, dem Mads Mikkelsen mit seiner eindrucksvollen Statur und einem unbewegt-beherrschten Gesicht gruseliges Leben einhaucht, ist der Ruhepol in der Erzählung. Er war, ist und bleibt abgrundtief böse - ein dem Publikum Vertrauter, denn die Serie ist chronologisch als "Prequel" zu "Roter Drache" und "Das Schweigen der Lämmer" angelegt. Und aus beiden Thomas-Harris-Büchern (und den jeweiligen Verfilmungen) kennt man Hannibal ja als eleganten "Eat the rude"-Kannibalen.

Neben der wachsenden Vertrautheit zwischen Will und Hannibal, die mit gemeinsam aufgeklärten (oder gar von Hannibal heimlich verbrochenen) Straftaten wächst, gewinnen auch die Nebenfiguren von Folge zu Folge Kontur: etwa Crawfords Frau, die eine tödliche Erkrankung geheimhält, oder die Boulevard-Bloggerin Freddie Lounds, die durch ihre Unverblümtheit die Ermittlungen stört.

Nichts für schwache Nerven

Serienentwickler Bryan Fuller, der außer diverser "Star Trek"-Nachfolgeformate auch die Serien "Heroes" und "Pushing Daisies" verantwortete, hat als Showrunner und Produzent von "Hannibal" unter anderem den "Twilight: Eclipse"- und "Breaking Bad"-Regisseur David Slade sowie den renommierten Madonna-Regisseur James Foley gewinnen können. Ihr "Hannibal" ist nichts für schwache Nerven. Die vierte Folge der ersten Staffel, in der eine psychologisch einnehmende Übermutter ihre Adoptivkinder dazu bringt, ihre ehemaligen Familien umzubringen, wurde in den USA nicht zur Ausstrahlung freigegeben.

Neben der düsteren Ästhetik von Grahams schmerzhaften Pseudo-Erinnerungen bedrängen einen - typisch Crime-Serie - jedoch vor allem die perfide ausgedachten und so scheußlich wie möglich ausgeführten Morde, die zwischen dem Benutzen eines menschlichen Körpers als Ökosystem für Pilze und dem Herausschneiden und Drapieren der Lunge als Engelsflügel kaum Splatterwünsche unerfüllt lassen.

Das permanente Dräuen des Wahnsinns, die fehlende Entspannung und die kaum vorhandenen Glücks- oder Humormomente machen die Serie zu einer fast körperlichen Belastung: Sie staffelweise wegzugucken, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Da nützt es auch nichts, wenn Mads Mikkelsen immer wieder in perfekt maßgeschneiderten Anzügen unter wertvollen Gemälden sitzt und zu Klassikgeklimper seine "Foies gras d'Alsace avec sauce myrtille" genießt. Schließlich hat man nicht vergessen, wem die Leber einst gehörte.


"Hannibal", donnerstags, 22.15 Uhr, Sat.1

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Anthony Hopkins war nicht DER Ur-Lecter
Koda 09.10.2013
Das war Brian Cox in "Blutmond" (alternativ: Manhunter – Roter Drache) von 1986
2.
Walter Sobchak 09.10.2013
Wahrscheinlich geschnitten und mit mieser Syncro.
3. Eine wirklich...
Somethinglost 09.10.2013
...gelungene Serie. Dramaturgisch bisher einmalig im Sumpf ermittelnder Behörden-Serien. Schön düster, relativ wenig direkte Gewalt und grnadiose Kameraarbeit. Ein Augen- und Ohrenschmaus.
4. sehr zu empfehlen!
ravager 09.10.2013
habe bereits die erste Staffel auf Englisch geschaut ubd war begeistert! dss konzept und die darsteller sind absolut spitze, denn gerade mikkelson spielt hannibal perfide boese und sympatisch zugleich. ,5/5 sternen!
5. Geniale Serie
mknbmsp 09.10.2013
Konnte sie auf Maxdome sehen. Brutal und Schonungslos geht's in den tiefen Abgründen der Menschlichen Seele. Rechne aber das Sat1 an den Folgen herum schnippeln musste. Freue mich auf die Bluray im Dezember. Was ich nicht verstehen kann ist das ohne Jugendschutz die im Portal My Video zu sehen ist.
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