Hannover-Porträt in TV und Buch Möge die Macht am Maschsee sein

Schröder, Wulff, von der Leyen: Ist Hannover das geheime Machtzentrum der Republik? Autor Lutz Hachmeister versucht, mit Dokumentarfilm und Buch einer unterschätzten Stadt gerecht zu werden.

ARD/ DPA

Von Stephan Lohr


Was ist ein deutsches Machtzentrum? Berlin natürlich, die Hauptstadt des vereinten Deutschland. Das reiche Hamburg, mit seinem Hafen ein Tor zur Welt. Frankfurt am Main, Deutschlands einzige Stadt mit einer Wolkenkratzer-Skyline und europäische Finanzmetropole. München, die mondäne bayerische Metropole.

Aber Hannover? Ausgerechnet der niedersächsischen Landeshauptstadt widmet nun der erfahrene Dokumentarfilmer und einstige Chef des Grimme-Instituts, Lutz Hachmeister, mit einer TV-Produktion und einem Buch seine Aufmerksamkeit.

In der so oft als mittelmäßig geschmähten Leinestadt stößt er auf Albrecht, Schröder und Wulff, dazu Gabriel, Steinmeier, Trittin und von der Leyen, garniert von Wirtschaftsgrößen wie Carsten Maschmeyer, Dirk Roßmann oder Martin Kind, begleitet von Boulevard-Stars wie den Scorpions, Veronica Ferres, Lena Meyer-Landrut oder dem einstigen -Hells Angels-Chef Frank Hanebuth. Warum ausgerechnet in Hannover Prominenz und überraschende Karrieren gehäuft sind, wie genau diese illustre Schar da eine einflussreiche "Maschsee-Connection" bildet, dieses Rätsel kann der 90-minütige Film am Montag in der ARD allerdings nicht auflösen.

Es gibt auch eine unprätentiöse Wahrheit über Hannover

Lutz Hachmeister schildert die Karrieren und Skandale mit Interview-Ausschnitten, mit schönen und erinnerungsseligen Schnipseln aus den Archiven, doch er kommt dem Geheimnis hannoverscher Bedeutung nicht wirklich auf die Spur.

Zumal er ausgerechnet den Hanebuth-Anwalt (und einstigen Sozietätspartner von Schröder) Götz von Fromberg als Erklärer des gesellschaftlichen Netzwerkes wählt. Der war zwar Gastgeber legendärer Feten in seinem Partykeller. Der Eigentümer einiger Immobilien in Hannovers Rotlichtkiez Steintor bedauert die Abwesenheit seines Mandanten - wohl auch, weil der ehemalige Hells-Angels-Chef auf seine, später von der Polizei unterbundene Weise für Ordnung im Bezirk der Prostituierten, Freier und Zuhälter sorgte. Inzwischen geht auch Gerhard Schröder auf Distanz zu dem Anwalt.

Insgesamt leidet der TV-Film unter zu vielen Talking Heads, herauskommt bestenfalls bebildertes Radio. Einprägsam sind indes zwei Aussagen. Zum einen die des liberalkonservativen Dirk Roßmann, der gesteht, dass er seinerzeit auch für Schröder als Kanzler gewesen sei - allein, weil der aus Hannover und Niedersachsen stamme. Und dann die Beobachtung der einstigen Landesbischöfin und EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann, dass der Ex-Kanzler Schröder ziemlich unbehelligt durch die Straßen seiner Stadt laufen könne. Diese beiden Sätze kommen der unprätentiösen Wahrheit über Hannover schon nahe.

"Rom des Luthertums"

Das Buch "Hannover - ein deutsches Machtzentrum" dokumentiert den erheblichen Rechercheaufwand Hachmeisters, der keine auch noch so entlegene Fuge hannoverscher und niedersächsischer Nachkriegsgeschichte auslässt, um die Besonderheiten der Stadt zu erklären. Dabei arbeitet er die historischen Voraussetzungen der protestantisch-sozialdemokratischen Mehrheitsmentalität heraus. Die evangelische Kirche spielt mit dem Sitz der EKD ("Rom des Luthertums") noch immer eine wichtige Rolle, die Nachfahren des einst mächtigen Welfenhauses mit "Prügelprinz" Ernst August und seinem gleichnamigen Sohn indes kaum mehr.

Wichtiger für das Selbstbewusstsein der Stadt scheint ihm da schon eher das Wirken Kurt Schumachers, der von hier aus die SPD in den Westzonen und der jungen Bundesrepublik auf den Weg brachte. Das drückt sich bis heute etwa in der 25-Prozent-Beteiligung der SPD am regionalen Medienkonzern Madsack ("Hannoversche Allgemeine Zeitung") aus.

Medienhistorisch gerät Hachmeister das Kapitel über die frühen Jahre des Magazins DER SPIEGEL, der hier unter britischer Besatzungsmacht vom Hannoveraner Rudolf Augstein ebenso gegründet wurde wie Henri Nannens "Stern", allzu ausführlich. Denn diese Erinnerung spielt für die aktuelle Befindlichkeit Hannovers, im Ranking die Nummer 13 der deutschen Großstädte, wohl keine Rolle mehr.

Der Party-Glamour barg den Keim des späteren Verrufs

Richtig und wichtig: Das, was Hachmeister "ein deutsches Machtzentrum" nennt, profitiert stark vom Status als Sitz der niedersächsischen Landesregierung. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Society-Faktoren der Stadt ihre Bedeutung: präzise analysiert am Beispiel des Finanzmanagers und AWD-Gründers Carsten Maschmeyer. 1998 diente der sich - zunächst anonym - mit der Anzeigenkampagne "Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein" als Lobbyist an.

Maschmeyer freundete sich mit Schröder und später mit Wulff an, sein Konzern profitierte erheblich von der unter der Regierung Schröder eingeführten Riester-Rente und stieg nicht zuletzt zum begehrten Gastgeber geschickt arrangierter Partys in seiner pompösen Villa auf.

Eben diese Art Glamour barg, so Hachmeister, den Keim des Skandalösen in sich, der die eigentlich für ihre Gelassenheit bekannte Stadt bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Dieses Image schadete - wie man heute weiß - dem mit der Bundespräsidentenwürde doch überforderten Christian Wulff erheblich mehr als dem charismatischen Kanzler Gerhard Schröder.

Diese beiden aus Hannover zu bundespolitischer Bedeutung aufgestiegenen Politiker trifft man heute ebenso wie den aktuellen niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und Hannovers OB Stefan Schostok bei 96-Heimspielen im Stadion, dem zentralen Ort der Verschränkung gesellschaftlicher Milieus.

Schloss Herrenhausen als Kulisse für Regierungschefs

In Hannover selbst hat man die Eskapaden vergangener Jahre längst abgebucht. Der Reiz der Stadt erschließt sich mehr über identitätsstiftende Nachbarschaften in den Stadtteilen wie Linden, List, Nordstadt oder Kleefeld und Kirchrode. Ihre Bedeutung gewinnt die Kommune über namhafte Unternehmen (VW-Nutzfahrzeuge, Continental, Bahlsen, Sennheiser) oder die Hochschulen.

Bei der Präsentation der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit Kunstverein, Kestnergesellschaft und Sprengelmuseum gebührt der Stadt ein international bedeutender Rang im Spitzenfeld der Museumslandschaft. Es sind die Mitglieder und Förderer dieser Institutionen, die die Stadtgesellschaft parteiübergreifend ausmachen.

Das Schloss zum Beispiel, das in Hannover-Herrenhausen die elegante Kulisse für Merkels Stelldichein mit US-Präsident Obama und den europäischen Spitzenpolitikern Hollande, Cameron und Renzi abgab, gehört der größten europäischen Einrichtung für Wissenschaftsförderung, der konzernunabhängigen Volkswagenstiftung, die seit 1961 ihren Sitz in der Stadt hat und ihre Bedeutung vielen Faktoren verdankt - aber kaum den Party-Königen.

Längst hat Hannover gelernt, gelassen zu registrieren, dass es unterschätzt wird. Für überraschende Aufstiege ist das schließlich die beste Voraussetzung.


"Der Hannover-Komplex", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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insgesamt 37 Beiträge
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olaf_b. 02.05.2016
1. Kein Zweifel
Jetzt, nachdem Christian Wulff die schier unüberbrückbare Hürde vom Bundespräsidenten zum Spargelbotschafter genommen hat, dürfte am wahren Machtzentrum in diesem Land gar kein Zweifel mehr aufkommen.
ausgetretenes_mitglied 02.05.2016
2. Die Niedersachsen-Connection in der SPD
Die Niedersachsen-Connection in der SPD (Schröder, Gabriel, Oppermann, Steinmeier) ist doch in Wirklichkeit für den desolaten Zustand der SPD hauptverantwortlich. Südlich des Mains spielt diese Partei doch gar keine Rolle mehr, weil schlicht und ergreifend nicht mehr wählbar.
observerlbg 02.05.2016
3. Ja, die Hauptstadt meines Bundeslandes....
...ist die Hauptstadt des Grauens. Spiegel und Stern haben sich deshalb auch schon früh verabschiedet. Wenn nun noch Vadder Albrechts Tochter Bundeskanzlerin wird, muss ich wohl auswandern.
sir_stevie 02.05.2016
4. Warum kommt dieses Buch erst jetzt?
wenn sich machtgeile Polit-Komiker wie u.a. Schröder mit diesem Subjekt Maschmeyer Arm-in-Arm zeigen, hat das schon einen gewissen "Charme". Man sollte aber Hannover nicht isoliert betrachten, sondern die Linie über Braunschweig bis nach Wolfsburg an der ehemaligen SBZ Grenze ziehen.
willywurm 02.05.2016
5. Bin begeistert...
...eindlich kommt der Spiegel mal ohne Hannover-bashing aus. Ja, Rothenburg ob der Tauber hat mehr Fachwerk, Berlin ist größer und Hamburgs Hafen hat auch mehr zu bieten als der Lindener Hafen. Aber vielleicht fragt sich mal jemand, warum es dann doch viele "Promis" hier hält? Könnte es ja vielleicht doch sein, dass die Stadt in der Realität nicht dem geliebten Klischee von öde und langweilig entspricht? Aber egal: Solange ich nicht die Mieten anderer Großstädte habe, schnell in die Stadt rein und raus komme und nicht jedes Wochenende Obama-Ausnahmezustand habe, kanns mir ja eigentlich egal sein, was die sog. "Metropolen-Presse" schreibt. Gebe aber zu, dass ich mich über jeden vorurteilsfreien Besucher freue...
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