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Harald Schmidt bei Sat.1: Stand-up-Stenz mit Insolvenz-Kompetenz

Zurück beim Hausfrauensender: In seiner ersten neuen Show bei Sat.1 riss Harald Schmidt grandiose Witze über Gottschalk, die Welt und sich selbst. Was für ein Comeback! Daniela Zinser ging glücklich wie lange nicht mehr ins Bett - und träumte von einer dritten Show des Meisters am Donnerstag. 

Ach, der Euro, die Mehrheiten, der Weltfrieden, Thomas Gottschalk und das gute Leben - nichts ist mehr sicher, nichts hat mehr Bestand. Haltlos irrlichtert die arme Zuschauerseele durch die Kanäle auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich ausruhen kann, wo sie nicht allein ist mit ihrer Sehnsucht nach bürgerlichen Werten, nach ein bisschen Trost in der Kunst. Und nun gibt es ihn wieder, diesen Ort, und das ausgerechnet bei Sat.1, dem Sender für junge Hausfrauen.

Harald Schmidt hat recht mit alledem, was er schon Tage vor seiner Rückkehr zu seinem alten Sender, vor der Wiederbelebung der "Harald Schmidt Show", in seinen vielen Interviews versicherte: Es kann nur einen geben, der Late Night kann in Deutschland. Am Dienstagabend war er nach acht Jahren und dem ARD-Ausflug zurück im alten Studio.

Los ging es schon lange vor 23.15 Uhr. Schmidt gab den Pausenclown in der Werbeunterbrechung beim Sat.1-Film "Ausgerechnet Sex!", in dem eine Hausfrau plötzlich Porno-Produzentin wird und sich verliebt in Roy, das Rohr. Den Fortgang des Films kommentierte Schmidt aus der Maske und plädierte für "Markus, den Lanz". Das war alles schon etwas hochgedreht, und als dann selbst Mr. Akte Ulrich Meyer "Harald, den Großen" ankündigte, bekam man es mit der Angst zu tun.

Das ideale Auto fürs zündelfreudige Berlin

Doch dann kam Schmidt. Der Anzug, Dreiteiler, saß besser, das Studio war ein wenig glänzender, runder, roter - aber sonst: Stand-up-Einlage, Helmut Zerlett und Band, der Tisch, der Gast, Musik, viel Werbung. Am Schluss Hektik. Dazwischen gnadenlose Selbstbespiegelung der Branche. Genüsslich weidete sich Schmidt erst mal an Günther Jauch und dessen erster Talkshow bei der ARD: War das nun "Stern TV?" Wo war dann das Kochen, wo die Tiere - wo der Schäferhund, der 9/11 überlebt hat und jetzt miaut statt bellt?

Es gab Quotenseitenhiebe und "uneingeschränkte Solidarität mit Anne 'Ich bin am Mittwoch happy' Will", die in einem Einspieler dann grün vor Neid auf den Fernseher reihern darf. Großartig waren die "Gerichtszeichnungen" von Jauch und seinen Gästen - Struck mit nur ein paar Strichen perfekt charakterisiert. Schmidt präsentierte seinen bislang verschwiegenen unehelichen Sohn mit der Haushälterin und das ideale Auto fürs zündelfreudige Berlin. Guttenberg kam dran und nicht nur der alte, auch der neue/alte Arbeitgeber bekam eins drauf: Griechenland solle sich doch Rat bei Sat.1 holen, dem "Sender mit der größten Insolvenz-Kompetenz".

Wenn Zerlett den Einsatz verpasst, ein Gag nicht funktioniert oder das Timing nicht stimmt, ist Schmidt besonders gut. Die Mischung aus Selbstironie, Respektlosigkeit und Größenwahn hat jetzt wieder richtig schön Platz. "Es war nicht immer alles Gold, es waren Abende drunter, da habe ich mich geschämt. Kollegen sagten, die anderen sind doch noch viel schlechter, aber dazu ist der Anspruch an mich zu hoch", sagt Schmidt schamlos entwaffnend. Im Hintergrund wird ein Gaddafi-Double durchs Bild geführt, vorne wird Mubarak im Krankenbett vorbeigeschoben. "Wir bleiben politisch wach, das sind wir schuldig", sagt Schmidt. Und hat offensichtlich wieder Spaß bei der Arbeit.

Rudi Carrells Hühnerbrühe

Selbst als Schmidt sich eine Schlacht uralter Witze mit Studiogast Olli Dittrich liefert, ist das lustig. Das Wie macht's. Dittrich steht plötzlich auf der Bühne, weil "ein junger Drogensüchtiger" Schmidt in seinem Blog vorgeworfen habe, er würde sich mit Dittrich stets über den Hühnerbrüheautomaten von Rudi Carrell unterhalten. Also unterhielten sie sich über Rudis Brühe - und tauschten trübe Witze aus. Je sinnfreier, desto besser. "Wenn du Late Night machen würdest, würdest du das machen, mit einem Kollegen alte Witze zu erzählen?" fragt Schmidt Dittrich. Absolut. Erwartungen brechen, indem man sie erfüllt. Und der Zuschauer kann sich einkuscheln in all die Anspielungen, die er wieder mal verstanden hat.

Hape Kerkeling kündigt nach ein bisschen Plauderei über das "Traumschiff", China, Karl den Großen und den Brasilianer an sich eine große Überraschung, ja Enthüllung an. Hier und jetzt. Ui, sagt er jetzt, dass er es macht bei "Wetten dass..?" als neuer Gottschalk? Natürlich nicht. Bei der "NDR-Talkshow" wird er auftreten im Januar. Wow. Der Weg zur Auflösung ist ein äußerst vergnüglicher. Man hätte gerne länger zugehört, doch der Musikact muss ja auch noch rein. Am Ende ist das fast zu viel.

Und wie man den Guano Apes so lauschte, ging das Vermissen los. Manuel Andrack fehlt, aber kein bisschen Oliver Pocher. Noch mehr Improvisieren wäre schön und mehr Spielen, mehr Trauen, mehr Gemeindefeste, Playmobilgeschichten oder was Neues in der Art. Ganz wie Günther Jauch ist Harald Schmidt auf Nummer sicher gegangen. Da ist noch was drin. Aber fürs Erste lag man danach mit einem Lächeln im Bett. So darf es weitergehen, jeden Dienstag, jeden Mittwoch.

Und gern auch jeden Donnerstag.

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insgesamt 91 Beiträge
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1. Alles wird gut
metalslug 14.09.2011
Yeah Schmidt back in town, wie geil ist das denn!? Den Ausflug in die ARD hätte er sich sparen können, Pocher sowieso..
2. .
mephisto1997 14.09.2011
ja, auch ich bin glücklich ins bett gegangen. harald ist der größte...der alte anarcho...was hab' ich diese lockerheit vermisst...hoffentlich hört er nie auf!
3. Alles schön und gut...
nordmatiker 14.09.2011
aber mich dafür pausenlos mit Werbung berieseln zu lassen? Nein, Danke!
4. ....
M. Michaelis 14.09.2011
Man hatte Schmidt schon nicht mehr auf dem Plan, jetzt ist er zurück und man ist angenehm überrascht. Weiter so.
5. Das beste ist....
BerlinFan 14.09.2011
...wenn man so richtig lachen kann. Der beste Schmidt-Witz stand im SPON nicht drin: Sie droht: "Eines schönen Tages werde ich dich verlassen." Er: "Heute ist ein schöner Tag". Sowas ist einfach gekonnt. DESHALB geht man gutgelaunt schlafen, weil man - zum erstenmal seit wann? - wieder ablachen konnte.
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