TV-Entertainer Harald Schmidt "Ich bin jetzt in der Helmut-Kohl-Phase"

dapd

2. Teil: "Da überfordern Sie mich"


SPIEGEL ONLINE: Alles andere ist Teil der Kunstfigur Harald Schmidt?

Schmidt: Ja, teilweise haue ich wieder einen Spruch raus, teilweise werden von befreundeten Mitarbeitern Sachen kolportiert, und das alles ergibt so ein Mosaik, das ich immer stehen lasse. Wenn Sie überlegen, was andere für einen Aufwand betreiben, um ein Image aufzubauen! Ich habe schon fünf Seiten im SPIEGEL, ohne überhaupt mit dem SPIEGEL zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen das SPIEGEL-Gespräch mit Manuel Andrack und Herbert Feuerstein vom April…

Schmidt: Ja, und da lese ich dann, dass meine beiden Freunde das Interview für mich stellvertretend führen. Die werden natürlich falsch interpretiert, als hätten sie mich beschimpft. Und jetzt bin ich dabei, die beiden in Schutz zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass Sie davon leben, dass die Feuilletons sich überlegen: Was ist echt, was nicht? Als Sie zum ersten Mal bei Sat.1 aufgehört haben, gab es einen medialen Aufschrei, diesmal nicht mehr. Ist die Kunstfigur Harald Schmidt auserzählt?

Schmidt: Nein, auserzählt heißt ja nicht, dass man den Monolog nicht für sich im stillen Kämmerchen weiterführt. Und dass man nach einer Weile nicht mehr so gestreichelt wird, wie es mal der Fall war… Nein, ich kann mich nicht beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Thomas Gottschalk setzt sich jetzt für RTL in die "Supertalent"-Jury. Eine richtige Entscheidung?

Schmidt: Das wird der liebe Tommy für sich selbst wissen. Dass der Vorabend nicht funktioniert, wusste jeder. Im Zweifelsfall auch Tommy, er hat nur gedacht, er schafft es. 621 Formate und Moderatoren sind auf diesem Termin gescheitert, aus banalen Gründen: Der eine Teil guckt die ZDF-Serie, der andere Teil die Soaps bei den Privaten und der dritte Teil das zu dem Zeitpunkt sehr erfolgreiche Regionalfernsehen. 'Streichelzoo von Schließung bedroht' - das sind die Topmeldungen, die eine Million in allen Bundesländern gucken. Das hat Tommy nicht geschafft. Aber es zeigt ja sein Standing, dass er die Sache unbeschadet überstanden hat. Und jetzt steigt er einfach in den Käfig von Dieter.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich das "Supertalent" ansehen?

Schmidt: Ich glaube ja, die Branche ein bisschen zu kennen, ich glaube zu wissen, was Alphatiere sind, und ich glaube auch zu wissen, was ein Bundes-Alphatier ist. Und da kann ich nur sagen: Als Kunde freue ich mich wahnsinnig auf das, was da kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich Bohlen und Gottschalk in die Haare kriegen…

Schmidt: Das hoffe ich doch! Ich will da ja nicht irgendwelche Talente gefördert sehen.

SPIEGEL ONLINE: Hätte es Sie gereizt, sich neben Bohlen zu setzen?

Schmidt: Nein. Ich habe schon 48 Fehler gemacht, ich habe Theaterrollen gespielt, die ich nicht geschafft habe, ich habe "Report Mainz" moderiert und so, ich kenne das Gefühl, mit den Löwen zu spielen. Ich bin jetzt aber in der Phase, in der ich sage: Wenn das mit Late Night noch eine Zeit lang geht - wunderbar! Und wenn nicht, ist eben Feierabend, alles andere ist nicht mein Ding. Dann sollen die Giganten aus den jüngeren Jahrgängen ran.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel Klaas Heufer-Umlauf?

Schmidt: Zum Beispiel. Sehr guter Mann.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den von Joko Winterscheidt?

Schmidt: Da überfordern Sie mich. Ich kann die beiden erst seit ungefähr vier Monaten auseinanderhalten. Beide haben Frisuren, die ich von 1938 kenne, die aber jetzt wieder hip sind - dieselbe Frisur, anderer gesellschaftlicher Zusammenhang. Und beide sind absolut am Puls der Zeit für ihre Generation. Ich halte beide für sehr angenehme Zeitgenossen. Die Welt gehört ihnen. Das müssen die jetzt selber stemmen.

SPIEGEL ONLINE: Helmut Kohl wurde ja früher immer als "Aussitzer" bezeichnet. Können Sie sich damit identifizieren?

Schmidt: Selbstverständlich. Der Aussitzer ist die wichtige Gegenfigur zum Ich-will-das-Amt-nicht-Beschädiger. Oder dem Hektisch-Zurücktreter-aus-politischer-Verantwortung. Genau so läuft ja auch Lokalpolitik: Irgendwo fällt eine Parkuhr um, und sofort tritt einer zurück, weil er die politische Verantwortung übernimmt. Man muss nur genügend Leute haben, die für einen zurücktreten. Kurt Beck könnte ganz groß werden, wenn er den Nürburgring aussitzt.

SPIEGEL ONLINE: Der bleibt ewig, oder?

Schmidt: Ich hoffe es! Ich bin wirklich ein großer Freund der Aussitzer. Ein weiteres Idol ist Bill Clinton: Live-Übertragung des Lewinski-Prozesses am Times Square auf der Großbildwand, gleichzeitig spricht er vor der Uno. Das ist ein Standing! Nicht diese Panik, diese 'Ich mache ein Exklusiv-Gespräch mit Was nun, Herr Piesepampel?'!

SPIEGEL ONLINE: Wir prüfen mal, ob Ihre Schlagfertigkeit in der Pause gelitten hat und werfen Ihnen ein paar aktuelle Stichworte zu: Gertrud Höhler, ein Gast für Sie?

Schmidt: Da schaue ich lieber ins Terrarium. Dafür krieg ich jetzt viel Beifall aus der Männerriege der CDU.

SPIEGEL ONLINE: Prinz Harrys Nacktfotos?

Schmidt: Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren schien die Monarchie am Ende, die Windsors hatten die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Und jetzt siegt die Menschlichkeit: Ansprache, Fahne Halbmast, "We will rock you". That's it! Man muss nur die Nerven behalten, schon löst sich alles wie von selbst. Sage ich meinen Leuten jeden Tag. Und wer regt sich in Zeiten von Strauss-Kahn noch über einen nackten Spät-Teenie in Las Vegas auf?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Themen, zu denen Ihnen nicht gleich eine Pointe einfällt? Die Nachricht zum Beispiel, dass das Eis der Arktis schneller als zuvor schmilzt?

Schmidt: Da habe ich sehr gelacht. Das hatte ich vor 131 Jahren im Kommödchen. Zusammen mit Robbenschlachten und Waldsterben. Was ist eigentlich aus dem guten alten Waldsterben geworden? Oder Vogelgrippe, BSE, Aids. Gammelfleisch. Tschernobyl? Klar, wurde ein bisschen abgeschwächt durch Fukushima, aber schon stellt sich heraus, das ist ja schlimmer als Pay-TV! Ich soll für sauberen Strom draufzahlen!

SPIEGEL ONLINE: Wir waren bei den Polkappen…

Schmidt: Ach, die Polkappen. Ich als Kreuzfahrer sehe das eher positiv.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten also die Position, es lohne nicht, sich zu sorgen?

Schmidt: Eindeutig. Das ist meine Erfahrung aus den letzten 55 Jahren. Zuerst: Dicke sind so gut wie tot. Dann: Der Schlanke mit Bauchfett ist noch toter als der ganz Fette. Dann die Meldung: Fette sind auch noch blöd. Das muss ich Ihnen doch nicht sagen. Bei SPIEGEL ONLINE brauchen Sie jede Viertelstunde ein neues Thema und alle 20 Minuten ein neues Bild. Ich lese das übrigens mit großer Begeisterung, weil ich ja sozusagen davon lebe: Kinder, es ist 14 Uhr, die haben noch keine Panik gemacht, was mach ich denn heute Abend? Da bin ich dann schon erleichtert, wenn ich lese 'Deutsche sind gegen Strommasten'. Aber so ein Wulff tut schon gut manchmal. Richtig was fürs Business.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja auch Familienvater, Ihre ältesten Kinder sind jetzt im Teenager-Alter. Die wollen ja auch eine Zukunft haben, da müssen Sie sich doch Gedanken machen als verantwortungsvoller Vater.

Schmidt: Das hätten Sie auch die Väter in Stalingrad fragen können. Das können Sie alle Väter fragen. Meine Kinder bekommen die bestmögliche Ausbildung, die sie schaffen, der Rest ist Eigeninitiative. Jetzt rede ich wie ein FDP-Vorsitzender, aber es ist so.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind sogar besser als jeder Politiker, weil es so unglaublich beruhigend ist, Ihnen zuzuhören.

Schmidt: Ich streite nichts ab, ich verharmlose nichts. Ich sage nur: Klar, Polkappen. Ich bin auch bereit, für Ökostrom zu bezahlen, wenn er toll ist. Aber ich bin nicht überrascht, wenn die Leute sagen: Ich will sauberen Strom, aber keine Strommasten. Ich habe großen Spaß an diesen Aufregern. Immer mehr Rentner arbeiten. Warum? Haben sie Spaß daran? Nein, es ist Armut. Holen wir zwei Experten.


"Die Harald Schmidt Show", ab 4. September 2012 dienstags, mittwochs und donnerstags auf Sky Hits/HD (22.15 Uhr), Sky Atlantic HD (22 Uhr) sowie flexibel auf Sky Go und Sky Anytime zu sehen.

Das Interview führten Andreas Borcholte und Stefan Kuzmany

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
sanctum.praeputium 04.09.2012
1. Sky probiert Harald Schmidt aus
Sky probiert Harald Schmidt aus und vice versa. Sky hat das nötige Geld, Schmidt die routinierte, postmoderne Indifferenz, und auch seine trockenen Schäfchen. H. Schmidt ist seit langem jenseits des Anspruches, ein Zielpublikum haben zu wollen.
KTRoadkill 04.09.2012
2.
Das hier liest Harald Schmidt? - Huhu ...
chico 76 04.09.2012
3. Zumindest
schon einer, der wegen Harald ein Sky - Abo abgeschlossen hat. Seine Geradlinigkeit und seine Art, Intellekt in Satire zu wandeln, heben ihn über Letterman. Das ist schon ein paar Groschen wert.
Kontroversius 04.09.2012
4. Wieso eigentlich immer noch
Da sieht man mal wieder, dass auch die SPON-Schreiberlinge immer in den gleichen Terminus fallen, statt es zu überdenken! "Dirty Harry" - dieser schlecht plazierte Vergleich einer Filmfigur aus dem US-Kino, wurde Schmidt angediehen, als er noch legendär bei SAT.1 war. Dort wurde im Einspieler die Szene mit der Butter und dem Kamm gezeigt, mit welchen er sich genüßlich, als Pomadeersatz, das Haar kämmte. Selbst seine mitunter guten und zotigen Witze - die Zeitgeistpest der "political correctness" - mit Absicht außer acht lassend, war übehaupt nicht "dirty" Aber so ist das nunmal mit dem heutigen "Qualitätsjournalismus", man trennt sich eben ungern von eingespielten Begriffen á la Deutsche Bundesbahn, Daimler-Benz, Deutsche Bundespost und auch "Dirty Harry"!
franko_potente 04.09.2012
5.
Zitat von sysopdapdDirty Harry ist zurück! Harald Schmidt startet mit seiner Show auf dem Bezahlsender Sky. Will er etwas ändern? Im Interview spricht der Entertainer über Verlässlichkeit in der Krise, sein Image als mieser Chef - und verrät, wer die künftigen Giganten der deutschen TV-Unterhaltung sind. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,853562,00.html
:-) Danke Harald!
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