Abschied von Harald Schmidt: Sechs große Momente mit Dirty Harry

Harald Schmidt: Wohin mit Opa? Fotos
Sky/ Ralf Jürgens

Er verplemperte Sendezeit mit der Champagner-Arie. Er stutzte Pocher zurecht. Er scheiterte an Björk. Und er hatte Falco. Zum letzten Mal geht Harald Schmidt bei Sky auf Sendung. Erinnerungen an einen ganz Großen der TV-Geschichte.

Sendezeit zu verschenken

"Heute", sagte Harald Schmidt, "höre ich mal früher auf." Saß am Schreibtisch, rauchte und ließ die letzten Minuten seiner Champagner-Sondersendung 2001 einfach ausrinnen wie eine nachlässig umgekegelte Pulle. Zuvor hatte er länglich aus Ernst Jüngers Tagebüchern vorgelesen (wie der an der Westfront Sektbowle mit Ananas pichelte), die Champagner-Arie aus "Don Giovanni" in voller Länge abgespielt, von Thomas Bernhards viehhandelndem Nachbarn schwadroniert und plastisch geschildert, wie einem nach zu viel Champagnergenuss die Brühe oft nachts um zwei überraschend und unangenehm sauer wieder aus der Nase schießt. All das ohne Rücksicht auf störenden Humbug wie Zuschauerinteressen oder Dramaturgie - einfach, weil er es konnte. Eine Minute Sendezeit verschenken? Warum nicht. Schmidts beste Momente waren seine rücksichtslosesten - herrliche Zumutungen. Anja Rützel

Das alte Überlegenheitsgefühl

Da konnte die Weltlage noch so verworren sein: Mit Harald Schmidt stand man immer auf der richtigen Seite - auf keiner nämlich. Die Kunstfigur Schmidt war nie Partei im Diskurs, stand stattdessen spottend außerhalb des Ringes und machte sich gleichermaßen lustig über Sieger und Verlierer, Moralisten und Unmoralische, Rote, Schwarze, Grüne und Gelbe. Das war meist lustig, vor allem aber immer praktisch: Lachte man mit Harald Schmidt, dokumentierte man damit, die allgemeine Sinnlosigkeit durchschaut zu haben. Eine eigene Position war in dieser großen Zeit der Ironie nicht nötig, im Gegenteil: Sie wäre sogar schädlich gewesen für das eigene Gefühl der Überlegenheit. Schmidt machte sich nie die Finger schmutzig, und mit ihm konnte man die eigenen ebenso rein halten. Das war eine schöne Zeit. Sie ist lange vorbei. Stefan Kuzmany

Ende der Ironie

Als der alte Mann müde geworden war, engagierte er einen Show-Zivi, doch Oliver Pocher erwies sich für Harald Schmidt in der ARD als Klotz am Bein. Immerhin: Einen grandiosen Moment gab es in anderthalb Jahren "Schmidt & Pocher", in jener Sendung vom April 2008, in der die Rapperin Lady Bitch Ray dem Juniorgastgeber eine angebliche Kostprobe ihres Vaginasekrets schenkte. Pocher fiel dazu nicht viel ein. Stattdessen reichte er das Döschen am Ende der Sendung weiter an eine norwegische Sängerin. Er selbst fand's komisch. Schmidt jedoch kanzelte ihn vor laufender Kamera ab als "kleine miese Type", die erst "so klein ist mit Hut" und es dann "einem ausländischen Gast so reinsemmelt, der kein Deutsch versteht". Schwer zu sagen, was die größere Sensation war: Pochers schockgefrorenes Gesicht. Oder zu erleben, wie Schmidt einmal aus seiner Rolle des Alles-Ironisiers ausbrach. Alexander Kühn

Kapitulation vor dem Mutterwitz

Die Elfe Björk zu Gast bei Schmidt. Mit einem Korsett über dem Kleid. Schmidt: Trägst du das in der richtigen Reihenfolge? Björk: Ich hoffe nicht. Schmidts gewohnte Lässigkeit, gepaart mit einem Fake-US-Akzent, zerschellt unterhaltsam an Björks knarrend hartem Islandenglisch, ihrem ernsten Augenaufschlag und den grandios grotesken Geschichten vom Luftdruck im Flugzeug, der die Moleküle unbequem zusammendrückt, und vom zugfreien Island voller Gletscherspalten, in denen tote Isländer liegen, die betrunken mit ihrem Jeep unterwegs waren. Irgendwann gibt Schmidt mit einer nonchalanten Handbewegung zu: Seine Hochdampfintellektualität kann nicht gegen Björks surrealen Mutterwitz anstinken. Jenni Zylka

Auf dem Trip nach Indien

Irgendwann war er weg. 2004 nahm Harald Schmidt sich ein Jahr frei, um in Ruhe von den Früchten seines Erfolgs zu kosten. So prall diese Früchte, so psychedelisch ihre Wirkung. Nach seiner Rückkehr, was für ein Bild, zeigte er sich mit hippieskem Langhaar und gestutztem Vollbart, gerade so, als wäre er auf dem Landweg mit einer Enfield nach Indien geknattert und eben nicht als Passagier auf einem Dampfer um die Welt chauffiert worden. Für ein paar Wochen war er als luxusverwahrloster Bohemien kenntlich. Irgendwann fielen die Haare, und er war wieder ganz da. Arno Frank

Großer Pop im kleinen Format

In den neunziger Jahren gab es ein paar Augenblicke, da konnte man deutsches Fernsehen glatt mit amerikanischem verwechseln. Da gab es in der Glotze auf einmal großen Pop. Schuld war die "Harald Schmidt Show" bei Sat.1. In ihren besten Momenten war sie krank, glamourös und größenwahnsinnig, mithin: extrem unterhaltsam. Etwa 1996, als Falco, der einzige deutschsprachige internationale Popstar, nach langer Abwesenheit aus der dominikanischen Republik zurück im hiesigen TV war und mit großer Geste über Schulden, Kokssucht und weibliche Genitalien sprach. Während Harald Schmidt sich in Lettermann-Pose über den Tresen wanzte, berichtete Falco aus seinem desaströsen Leben und hatte für jeden Tiefschlag eine astreine Pointe auf Lager. Zwei Jahre später war er tot, wenig später starb auch die "Harald Schmidt Show" bei Sat.1. Mit dem Pop im deutschen Fernsehen war es vorbei. Christian Buß


Parallel zur Sky-Ausstrahlung am Donnerstag um 22.15 Uhr wird die letzte Show von Harald Schmidt auch über YouTube gezeigt.

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1. sein Fehler
bär-lusconi 13.03.2014
Schmidt war immer der Star in einem Ensemble. Er war aber nichts ohne dieses Ensemble. Er hätte seine Mitstreiter mehr wertschätzen sollen, und den Erfolg eher als Erfolg des Teams betrachten sollen denn als Beweis für seine Genialiät. Ohne gutes Team hinter den Kulissen und auch davor hat Schmidt nicht mehr gut funktioniert. Feuerstein, Zerlett, Andrak, der zickige Erotikfaktor Suzanna. Sie alle machten die Schmidt Show erst sehenswert.
2.
christian simons 13.03.2014
Zitat von sysopSky/ Ralf JürgensEr verplemperte Sendezeit mit der Champagner-Arie. Er stutzte Pocher zurecht. Er scheiterte an Björk. Und er hatte Falco. Zum letzten Mal geht Harald Schmidt bei Sky auf Sendung. Erinnerungen an einen ganz großen der TV-Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/harald-schmidt-letzte-show-bei-sky-a-958244.html
Das Gute an Schmidt war: Er hat sein humoristisches Handwerk zwar einerseits beim politischen Kabarett (Kommödchen-Düsseldorf) gelernt, sich aber andererseits erfolgreich von dem Oberlehrermief dieses Biotops emanzipiert. Wenn sich in diesem Forumsstrang gleich eingefleischte Volker-Pispers-Fans zu Wort melden und Schmidt ihre tiefste Verachtung aussprechen, dann werde ich mich mit Wonne daran erinnern, wie er in seinen besten Zeiten (die leider schon lange vorbei sind) die Dogmatiker des moralinsauren Politkabaretts düpiert hat....
3.
mr.andersson 13.03.2014
Zitat von sysopSky/ Ralf JürgensEr verplemperte Sendezeit mit der Champagner-Arie. Er stutzte Pocher zurecht. Er scheiterte an Björk. Und er hatte Falco. Zum letzten Mal geht Harald Schmidt bei Sky auf Sendung. Erinnerungen an einen ganz großen der TV-Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/harald-schmidt-letzte-show-bei-sky-a-958244.html
So sehr ich ihn mochte, natürlich war das Konzept endlich. Das Konzept war der brutalst mögliche Bruch mit jeder Erwartungshaltung. Und irgendwann erwartet man halt auch das. Ein weiterer "Todesstoss" war, dass die von Schmidt zelebrierte Repektlosigkeit vor allem "wichtigen" längst Mainstream ist. Vor 30 Jahren hätte ein Schmitt gegen einen Christian Wullf gewettert, der seinerseits niemals hätte zurücktreten müssen. Heutzutage schlachtet wir unsere Oberhäupter selbst und die Rolle des "Hoffnarren" ist überflüssig geworden. Personen wie Schmidt leben davon auszusprechen und zu tun, was sich sonst aus Respekt keiner traut. Wir haben aber längst vor nichts mehr Respekt.
4.
spon-facebook-10000184500 13.03.2014
Zitat von sysopSky/ Ralf JürgensEr verplemperte Sendezeit mit der Champagner-Arie. Er stutzte Pocher zurecht. Er scheiterte an Björk. Und er hatte Falco. Zum letzten Mal geht Harald Schmidt bei Sky auf Sendung. Erinnerungen an einen ganz großen der TV-Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/harald-schmidt-letzte-show-bei-sky-a-958244.html
die ganz großen momente sind aus meiner sicht noch viel länger her: schmidteinander. er und herbert feuerstein waren ein perfektes paar. dann noch ein helge schneider als gast dazu und man sah absurden humor, wie er in deutschland einmalig war: https://www.youtube.com/watch?v=PdZz9hU_Pr4
5. Sprachlos bei Krömer
e-biker 13.03.2014
in der obigen Auflistung fehlt eigentlich die Sendung mit dem damals noch nahezu unbekannten Kurt Krömer als Gast. Ich kann mich kaum daran erinnern, Harald Schmidt davor oder danach dermaßen sprachlos und der Kapitulation nahe erlebt zu haben.
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