Letzte Schmidt-Sendung auf Sat.1: Der kleine Harald muss sein Fach räumen

Von Christoph Twickel

Der letzte Auftritt bei Sat.1: "Und wie war der Tag heute?" fragt Olli Dietrich zum Schluss der Abschiedssendung. "Schön, wir haben gespielt", sagt Harald Schmidt. Das war's. Das populärste Nischenprodukt des deutschen Fernsehens gibt es jetzt nur noch beim Bezahlsender Sky.

Harald Schmidts letzte Sat.1-Show: Kein Abschied für immer Fotos
SAT.1

Ach, es mag ja alles stimmen, was seine ehemaligen Sidekicks Feuerstein und Andrack im SPIEGEL-Interview behaupten: Dass Harald Schmidt sich für den Größten hält und am liebsten 20 Millionen vor seiner Late-Night-Show versammelt hätte. Aber diese Hybris muss eigentlich längst der Erkenntnis gewichen sein, dass er eben doch bloß das populärste Nischenprodukt des deutschen Fernsehen ist. Ein Nischenprodukt! Aber das populärste!

Dass er damit leben kann, diesen Eindruck erweckte Dirty Harry glaubhaft, als er Donnerstagnacht zur letzten Sendung auf Sat.1 antrat. In die Wüste geschickt, wegen mieser Quoten? Vom Volksbelustiger zum Sahnehäubchen im Bezahlfernsehen degradiert? Sagen wir's in Schmidt's Worten: "Sommerpause schon im Mai? Das ist die böse Klimaerwärmung!" Spricht's und salutiert in schneeweißer Kapitänsuniform auf dem Dach der Produktionsstudios in Köln-Mühlheim, während die Sat.1-Fahne eingeholt wird. "Es war eine schöne Zeit hier auf Sat.1, das sage ich hier ganz ehrlich und unverschlüsselt." So mögen wir ihn.

Aber woran liegt es nur, dass sein "legendärer Stand Up", wie sein neuer Sender Sky jubelt, in Wahrheit immer müder geworden ist? Fast scheint es so, als fände Schmidt in der aktuellen Politikergarde keine lohnenswerten Objekte des Spotts mehr. Merkel, Schavan, de Maizière oder Rösler - "klein, gelb und vorlaut" wie ein Kanarienvogel? Da flüchtet sich der Meister lieber in die Affären des Fritz Wepper. Vielleicht braucht er Alphatiere als Opfer, um zu großer Form aufzulaufen - also Gerhard statt Kristina Schröder. Eigentlich schade.

Mit welcher Sorte von senderinternen Krisengesprächen sich der quotenschwache Schmidt in den letzten Wochen und Monaten herumzuschlagen hatte, deutet er an: "Was bedeutet das: Es muss uns doch mehr gelingen, die Zuschauer abzuholen?", fragt sich der Moderator. "Das machen ja heute viele Moderatoren, andere machen jetzt nur noch das. Ich habe das Abend für Abend bei ausgewählten Zuschauern selbst gemacht." Und dann begleiten wir ihn zur Wohnung des Ehepaars Niemeyer, das Harald Schmidt höchstselbst per Limousine zum Aufnahmestudio kutschiert: "Hallo, hier ist der Sat.1-Abholservice." Das Bordgespräch mit beiden freundlichen, arglosen Pensionären verläuft weitgehend gagfrei und steckt doch voller kleiner Situationskomiken.

Die waren neben autokratischen Experimenten wie der komplett auf französisch moderierten Sendung schon immer das Beste an Harald Schmidt. Viel besser als die routinierten und gag-gespickten Schlagabtäusche mit TV-Kollegen und Comedy-Haudegen. Ohnehin steht seit der Mesalliance mit Oliver Pocher die Beschäftigung mit dem Medium und seinem Personal zunehmend im Zentrum seiner Late-Night-Show. Eigentlich ein Missverständnis: Sind Harald-Schmidt-Fans nicht gerade die Leute, die wenig Fernsehen schauen?

Womöglich ist das ein Vorurteil, das die Marktforschungsdaten seit zehn Jahren widerlegen. Trotzdem: Abholen? Nein, das ist nichts für Harald Schmidt. Auflaufen lassen! Bisweilen blitzt dieser Geist auf, wenn er etwa Olli Dittrich mit großen Augen fragt: "Veronica Ferres spielt deine Frau in einem Film, den der Sohn von Helmut Dietl dreht?" In der aufgesetzten Arglosigkeit seines Blicks enthüllt sich die ganze traurige Einfalt der deutschen TV-Drama-Konfektionsware. Eine "tragikomische Polit-Satire" werde das, erklärt Dittrich. "Ist das nicht ein bisschen wenig? Gab's das nicht schon dieses Jahr?" fragt Schmidt.

Eine Werbepause, eine halsbrecherische Pianoperformance einer flinken Asiatin und ein Geplänkel mit Sat.1-Kollege Ulrich Meyer später ist die letzte Harald Schmidt-Show im Free-TV dann vorbei. Olli Dittrich betritt im gelben Ganzkörperspaßgewand und mit gelbem Blütenkranzkäppchen die Bühne und sagt: "Ich bin die Sommerpause und ich komme dich zu holen." Der Moderator lässt sich willig abführen. Der Ausgang sieht aus wie die Garderobe einer Kindertagesstätte.

"Und wie war der Tag heute?"

"Schön, wir haben gespielt."

Der kleine Harald muss sein Fach leeren. "Du bist ja jetzt länger nicht da." Greift sich den bunten Sat.1-Ball, setzt sich in den Bollerwagen und lässt sich herauskarren. Tschüs Harald, gerne bliebe ich dir treu! Aber für 43,90 Euro im Monat? Das ist hart.

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insgesamt 85 Beiträge
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1.
meinmein 04.05.2012
Zitat von sysopSAT.1Der letzte Auftritt bei Sat1: "Und wie war der Tag heute?" fragt Olli Dietrich zum Schluss der Abschiedssendung. "Schön, wir haben gespielt", sagt Harald Schmidt. Das war's. Das populärste Nischenprodukt des deutschen Fernsehens gibt es jetzt nur noch beim Bezahlsender Sky. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831234,00.html
Es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Oder muss man immer ehrlich sein -so wie Guti, Koch-M., Vroni, Schavan und weitere CDUler?
2. Sky
pepito_sbazzeguti 04.05.2012
Zitat von sysopSAT.1Der letzte Auftritt bei Sat1: "Und wie war der Tag heute?" fragt Olli Dietrich zum Schluss der Abschiedssendung. "Schön, wir haben gespielt", sagt Harald Schmidt. Das war's. Das populärste Nischenprodukt des deutschen Fernsehens gibt es jetzt nur noch beim Bezahlsender Sky. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831234,00.html
Gut, dass ich kein "Sky" habe.
3.
ohitika33 04.05.2012
Schad is!
4.
Hank Hill 04.05.2012
Harald Schmidt hat das gleiche Problem wie Gottschalk. Eigentlich will ihn keiner mehr so richtig sehen, egal wann und egal wo. Seit Jahren merkt man ihm an, dass ihm alles am A..... vorbeigeht. Und das ist eben zu wenig. Er ist halt nicht professionell genug um das zu verbergen.
5.
fleppmo 04.05.2012
An Sonntag Wahl in Schleswig, Frankreich, Griechland u. natürlich nächste Woche in NRW - wie soll ich die Wahlberichterstattung nur ohne HS ertragen?
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