"Hart aber fair" zu Fremdenhass Ach ja, diese besorgten Bürger

Bei Frank Plasberg war rechte Gewalt gegen Flüchtlinge Thema - aber nicht sehr lange. Stattdessen dominierten Frauke Petry und ihr AfD-Pegida-Opfermythos die Talkshow. Am Ende bekam die Rechtspopulistin eine Einladung zur gemeinsamen Medienkritik.

Von

ARD

Zur Sendung: Flüchtlinge werden in Deutschland attackiert, Asylunterkünfte angezündet. Frank Plasberg nahm die fremdenfeindlichen Angriffe zum Anlass für seine Talkrunde am Montagabend. Titel der Sendung: "Vom Wutbürger zum Brandstifter - woher kommt der rechte Hass?"


Spät, erst in der letzte Viertelstunde, fand die Sendung ihre eigentliche Problemzone: Ein Einspieler zeigte ein Interview mit einer älteren Dame, die schon 1989 in Dresden auf die Straße gegangen war und sich nun mit einer Kerze auf die Pegida-Demo gestellt hatte. Nein, es ginge ihr nicht um die Flüchtlinge, beteuerte sie. Aber irgendwo müsse eine Grenze sein, das koste ja alles auch Geld. "Ich habe keine Lust, dass meine Rente gekürzt wird, deshalb stehe ich hier, für nichts anderes", so die Jubilarin.

Keine Nazibraut, kein alkoholisiertes Hartz-IV-Opfer, das gegen Museln und Kameltreiber pestet, kein Verdacht auf Hooliganismus, Pirinçciismus oder Reichsbürger-Verfolgungswahn, nichts mit "Lügenpresse - Auf die Fresse". Einfach eine ältere Dame, die sich Sorgen macht: Reicht die Rente, wenn wir all die Syrer auch noch durchbringen müssen?

Eine besorgte Bürgerin. Man hätte ihr natürlich mitteilen können: Machen Sie sich keine Sorgen, gnädige Frau, wir sind ein stinkreiches Land, das bisschen Rente, die Sie bekommen, ist kein Problem, das wuppen wir locker, selbst wenn anderthalb Millionen in diesem Jahr aus Bürgerkriegsländern in unsere schöne Republik kommen.

Hätte, hätte

Man hätte ihr all die schönen Grafiken zeigen können, die wohlmeinende Menschen dieser Tage auf Facebook und anderswo posten und die jedem gleich klar machen: Deutschland übernimmt im internationalen Vergleich noch immer bloß einen geringen Teil der Flüchtlingsströme.

Man hätte Sie auch auf einen Glühwein einladen können, um mit ihr zu besprechen, ob es wirklich eine gute Idee ist, flüchtende Syrer zum Objekt von Sozialneid zu machen und ob an den Rentenkassen nicht ganz andere Kräfte walten.

Und vielleicht hat ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, die die Rentnerin interviewt hat und als Gast in der Plasberg-Runde saß, genau das sogar gemacht. Doch in dieser Ausgabe von "Hart aber fair" kam es nicht zu politischer Erwachsenenbildung - auch wenn sie unter der Frage "Vom Wutbürger zum Brandstifter - woher kommt der rechte Hass?" stattfand.

Frauke Petry, die Hauptzeternde

Aber es war eben Frauke Petry zu Gast. Wo immer die AfD-Chefin im TV auftaucht, findet in der Hauptsache Gezeter statt. Die Hauptzeternde ist Petry selbst, die sich gar nichts vorwerfen lassen will: Weder, dass es in ihrer Partei vor notorischen Deutschtümlern und Panikmachern wie dem Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke wimmelt ("Wenn wir unser Deutschland verloren haben, dann haben wir keine Heimat mehr"), noch dass ihre Partei der Nährboden für rassistische Übergriffe ist ("Bei Gewalt ist für uns die Grenze") und schon gar nicht, dass ihre Klientel rechtsradikal sei.

Das beleidigte Auflachen, der immer erstaunt-spöttische Blick, die Zornesfalte bei angeblichen Verunglimpfungen: Petry verkörpert die Opfermythologie der AfD mit jeder Faser. Bloß weil wir, die besorgten Bürger, uns die ungeregelte Zuwanderung nicht bieten lassen wollen, werden wir mit der Nazikeule niedergestreckt, diffamiert, ausgegrenzt, unterdrückt, bedroht.

Eine Stunde Talk - und nicht einmal kam die AfD-Chefin in die Bredouille, erklären zu müssen, wie sie sich ihr geordnetes, rechtsstaatlich-durchgreifendes Abschiebedeutschland denn vorstellt und was ihre Klientel denn eigentlich davon haben könnte - außer dem Gefühl völkischer Genugtuung.

Ein bisschen Menschlichkeit

Immerhin gelang es Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", sie dann und wann mit der traurigen Geschichte vom Niedergang der rechtspopulistischen Parteien im Nachkriegsdeutschland zu piesacken. SPD-Mann Boris Pistorius, Innenminister von Niedersachsen, versuchte es mit ein bisschen Menschlichkeit ("Man darf die Menschen nicht gegeneinander ausspielen") und ein bisschen Einlenken ("Wir brauchen wohl Kontingente").

Warum Hamburgs Polizeigewerkschaftschef Joachim Lenders in der Runde saß, war nicht ersichtlich. Als Hayali - Tochter irakischer Einwanderer - davon berichtete, wie sie im Netz von rassistischen Trolls beschimpft wird, fiel Lenders nichts Besseres ein, als gegenzuhalten, er würde auch ständig von Linksradikalen schlimme Mails bekommen.

Erschreckend war die 15-minütige Reportage zu Beginn, die anlässlich eines Brandanschlags in Niedersachsen die mutmaßlichen Täter und deren Umfeld ins Visier nahm. Das Selbstbild, zusammengefasst: Bloß weil man rechtsradikale Bands wie Sturmwehr oder Kategorie C hört und Molotowcocktails auf ein bewohntes Flüchtlingsheim wirft, ist man doch kein Nazi.

Einladung zur Medienkritik

Auch nicht schön: die in gewohnt distanzierter Freundlichkeit von Brigitte Büscher vorgetragenen Lesermails und -posts: "Ich möchte nicht inmitten von Kopftüchern leben" oder "Wann nimmt man uns besorgte Bürger endlich ernst?".

Ach ja, die besorgten Bürger. Man möchte die Kriegsflüchtlinge - "Da sind auch viele Wirtschaftsflüchtlinge darunter und das wissen Sie!" zetert Petry sofort - wahrlich nicht mit Ihnen allein lassen. Am Ende lud Hayali die AfD-Frau ein, gemeinsam ihre Beiträge zu Pegida, AfD und Co. zu sichten, um den "Lügenpresse"-Vorwurf am Material zu überprüfen.

Es sah nicht danach aus, als also ob es dazu kommen würde.

Übergriffe in Deutschland 2015
Mehrere Vorkommnisse
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Weitere Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte
Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016

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