"Hart aber fair" zu Übergriffen in Köln Eine grenzwertige Diskussion

Welche Konsequenzen drohen Deutschland nach den Angriffen in der Silvesternacht? Darüber wollte Frank Plasberg mit seinen Gästen sprechen. Am Ende blieb man als Zuschauer fassungslos zurück - was vor allem an Kristina Schröder lag.

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WDR/ Oliver Ziebe

Zur Sendung: Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln haben in Deutschland - und weltweit - für große Aufregung gesorgt. In der Talkshow von Frank Plasberg ging es am Montagabend unter anderem darum, wie ehrlich die Aufarbeitung wird und welche Folgen der Vorfall für die Asylpolitik in Deutschland haben wird. Thema der Sendung: "Die Schande von Köln - was sind die Konsequenzen?"


Konkurrierende Fassungslosigkeiten. Man weiß nicht so richtig, worüber man sich mehr aufregen soll. Darüber, dass in Köln und anderen deutschen Großstädten in der Silvesternacht Dutzende Männer in bislang ungekannter Massivität Frauen bedrängt haben? Oder darüber, wie der Umstand, dass diese Männer wohl 'nordafrikanisch' oder 'arabisch' ausgesehen haben und dass unter ihnen Asylbewerber gewesen sind, in eine bislang ungeahnte Pegidaisierung der Republik mündet?

Alice Schwarzer erklärt das "Unbehagen" der Pegida-Anhänger für berechtigt, Ex-Ministerin Kristina Schröder (CDU) taucht mit ihrem Tweet über die "gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in der muslimischen Kultur" aus der Versenkung auf. Einen riesigen Schwall triumphal-rassistischer Gewaltphantasien gegenüber Flüchtlingen kübeln Deutsche dieser Tage über die sozialen Netzwerke und in die Kommentarspalten der Onlinemedien.

Zu ersterem - der sexualisierten Gewalt in der Silvesternacht - hatte "Hart aber fair" keine wesentlich neuen Erkenntnisse beizutragen. Eine junge Frau mit dem Pseudonym "Anja Meier" berichtete nüchtern und gefasst von den Grabschereien, den Beleidigungen und von der Ausweglosigkeit, in der sie und andere Frauen sich am Kölner Hauptbahnhof befanden. Auch weigerte sie sich, die Taten mit der Herkunft der Männer in Verbindung zu bringen. "Ist mir egal, woher die kommen", sagte sie.

Die Hysterie ist ausgebrochen

Ein ehrenwerter Vorsatz. Doch die Herkunft der Männer ist dieser Tage eben der Fetisch, um den seit Neujahr nicht mehr nur die Pegida- und AfD-Gefolgschaft herumtanzt. Die Hysterie ist ausgebrochen, weil man in den Ereignissen der Silvesternacht endlich den unwiderlegbaren Beweis dafür in den Händen zu halten glaubt, dass Männer aus mehrheitlich muslimischen Ländern tendenziell einer "Vorstellung von Männlichkeit" anhängen "die mit Gewalt verknüpft ist", wie es Ex-Familienministerin Schröder in der Plasberg-Runde ausdrückte.

Richtig Fahrt nimmt diese Hysterie auf, wenn sie mit der Verschwörungstheorie gepaart ist, es gebe in Deutschland ein politisch-mediales Gutmenschen-Kartell, welches die Wahrheit durch Verschleierung und Beschönigung unterdrückt.

"Schwieriger als die deutsche Einheit"

Kronzeuge für diese These war bei Plasberg der Polizeigewerkschafts-Chef Rainer Wendt. Pauschal erklärte er die Tatsache, dass in Polizeiberichten Ethnien und Migrationshintergrund oftmals nicht erwähnt werden, zur Kuscherei vor politischer Korrektheit. In "Erfüllung einer politischen Erwartungshaltung, die gezüchtet wird" hätte die deutsche Polizei ihre Sprachregelungen abgemildert. "Man darf nach Köln immerhin sagen: Da sind auch ein paar Ganoven dabei", so der Polizeigewerkschafter.

Wendt und Kraft im "Hart aber fair"-Studio: Debatte um die "Schande von Köln"
DPA

Wendt und Kraft im "Hart aber fair"-Studio: Debatte um die "Schande von Köln"

Heribert Prantl entgegnete, Kriminalarbeit habe strafrechtlich relevantes Vokabular zu benutzen und Taten nicht zu interpretieren. "Ehrenmord ist kein juristischer Begriff", so der Innenpolitik-Chef der "Süddeutschen Zeitung". Ein korrektes Argument, aber für die aufgeheizte Debatte fast ein bisschen zu rechtsstaatlich-trocken.

Die anwesenden SPD- und Grünen-Politikerinnen begegneten dem Verschleierungs- und Beschönigungs-Vorwurf wahlweise mit Dementi oder mit dem Bekenntnis zur Härte des Rechtsstaats. "Bei uns wird ja erfasst, wenn Straftaten von Ausländern begangen werden", beteuerte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Grünen-Politikern Renate Künast forderte besser vorbereitete Polizeieinsätze und größere Anstrengungen bei Integrationsmaßnahmen. Die Herausforderung der Flüchtlingskrise sei "schwieriger als die deutsche Einheit".

Woher kommen diese Fantasien?

"Kein seriöses Medium verschweigt, was hier passiert ist", warf Prantl ein. Man hätte sich gewünscht, dass jemand in der Runde die Verschleierungsthese des neuen Rechtspopulismus als das auseinandernimmt, was sie ist: eine wahnhafte Konstruktion. Die deutsche Öffentlichkeit verschweigt und beschönigt Integrationsprobleme, Übergriffe migrantischer Jungmänner und Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften?

Wo leben die Leute, die so was herbeifantasieren? Offensichtlich nicht in dem Land, in dem von Sarrazins "Deutschland schafft sich ab", Buschkowskys "Neukölln ist überall" oder Kirsten Heisigs "Das Ende der Geduld" noch jedes Buch, das prominent gegen zu viel Toleranz und Multikulti wettert, zum Millionenseller und Gegenstand monatelanger Debatten auf allen Kanälen geworden ist.

Der orientalische Macho, das unterdrückte Kopftuchmädchen, die religiös geprägte Parallelgesellschaft: Seit vielen Jahren sind diese Angstfiguren ein allgegenwärtiger Topos der deutschen Öffentlichkeit, wenn es um Migration geht. Und damit das nicht unerwähnt bleibt: Auch seriöse, differenzierte fundamentalismuskritische Positionen sind reichlich zu lesen - deutsche Medien drucken täglich Artikel von Wissenschaftlern, Frauenrechtlerinnen und andern Aktivisten aus der arabischen Welt und Deutschland selbst.

Grenzwertige Diskussion

Mit ihrer Suada, das Thema muslimische Männergewalt werde "tabuisiert", bekam Kristina Schröder frenetischen Applaus vom Studio-Publikum. Hinter der Verschwörungstheorie steht etwas anderes, wie die Zuschauerkommentare zeigten, die Plasbergs Sidekick Brigitte Büscher mit betretenem Gesicht vorlesen musste. "Wer vor einem deutschen Gericht landet, hat sein Gastrecht verloren", schrieb einer. "Grenzen dicht - mehr sag ich nicht", ein anderer. Kommentare, aus denen der Wunsch spricht, angesichts der Flüchtlingskrise rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen.

Folgerichtig warf Plasberg zum Ende der Sendung noch die Obergrenze für Flüchtlinge in die Diskussionsrunde. Eine Forderung, die - so Prantl - "sinnlos ist und Erwartungshaltungen weckt, die nicht erfüllt werden können". Jedenfalls nicht, wenn sich Deutschland an der Genfer Flüchtlingskonvention orientiert und am Recht auf Asyl festhalten will.

Kristina Schröder will das offensichtlich nicht mehr. Angesichts der Aussicht, dass die von Horst Seehofer (CSU) geforderte Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen in diesem Jahr schon zu Ostern erreicht sein könnte, erklärte die CDU-Politikerin: Wenn das nicht funktioniere, müsse man "wieder über nationale Grenzen" nachdenken.

SPIEGEL TV Magazin (10.1.2016)

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