"Hart aber fair"-Talk über Homosexuelle: Es nervt

Von Arno Frank

Da setzen sich tatsächlich zwei erzkatholische Publizisten in die Talkshow von Frank Plasberg, wettern gegen den "homosexuellen Hype" und stempeln gleichgeschlechtliche Paare als solche zweiter Klasse herab. Geht's noch? Zum Glück griff wenigstens der sehenswert aggressive Moderator ein.

Moderator Plasberg (Archivbild): Debatte über Sexualität Zur Großansicht
WDR

Moderator Plasberg (Archivbild): Debatte über Sexualität

Langsam nervt's. Wie kann man sich nur ernsthaft in eine Talkshow setzen, um dort Schwulen und Lesben die gleichen Rechte abzusprechen, die Heterosexuelle ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen? Wie kann man sich nur erdreisten, die homosexuelle zu einer Lebenspartnerschaft zweiter Klasse herabzuwürdigen? Wie kann denn 2012 noch ernsthaft darüber diskutiert werden, ob gleichgeschlechtliche Paare auch Kinder adoptieren dürfen? Wer tut sowas? Wer sind diese Leute?

Martin Lohmann und Birgit Kelle, beides erzkatholische Publizisten und CDU-Mitglieder, tun sowas und trauen sich, gegen den Strom oder, wie Lohmann sagen würde, den "homosexuellen Hype" anzuschwimmen. Lohmann ist Chefredakteur des vatikantreuen Spartensenders K-TV, allen Ernstes "Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem" und argumentiert entsprechend theologisch - übrigens erst, nachdem ihm Plasberg in einer sehenswert aggressiven Szene die Spickzettel förmlich entreißen musste, auf denen er sich Argumente, Zahlen und Studien notiert hatte.

Ehe ist nach dem Evangelium des Lohmann da, wo Mann und Frau sind. Alles andere ist wider die - nein, nicht Schöpfung, sondern "Natur". Für ihn ist Sexualität so "kostbar", dass er das Wort unablässig und so lange wiederholt, bis selbst dem eingefleischtesten Atheisten dämmert, dass er damit eigentlich "heilig" meint. Im Gegensatz zum bekanntlich billigen und "verantwortungslosen" Aufeinanderhüpfen der Schwulen und Lesben, versteht sich. Weil da ja kein Kind bei rauskommt. "Sie haben ein Kind", stellt Plasberg trocken fest: "Das heißt, sie haben einmal mit ihrer Frau geschlafen?" - "Herr Plasberg, das ist eine primitive Aussage, und die weise ich zurück."

Der Glaube des Kreuzritters Lohmann

Es ist sein Glauben, den mag man ihm nicht nehmen. Glauben ist auch etwas sehr Kostbares, wie Sex. Wer so glaubt wie Kreuzritter Lohmann, weiß aus dem persönlichen Gespräch mit Gott, was Gott will. Und wer kann das schon von sich behaupten? Birgit Kelle kann das, die ebenfalls von einem christlichen Fundament aus über Menschen urteilt, die nicht so rechtschaffen leben wie sie. Die Journalistin trägt ihre "vier kleinen Kinder" wie eine Monstranz vor sich her und schwadroniert davon, dass "Dreiviertel aller Kinder in Deutschland" in einer "Originalfamilie" leben, also originalverpackt und mit der korrekten Einstellung ab Werk. Wer ohne Vater aufwächst, der wird depressiv, drogensüchtig, aggressiv. Gibt's Studien zu. Von der schrillschwulen Politfolklore eines Christopher Street Day fühlt sie sich - ohne jedes Interesse an Ursprung und Geschichte des CSD - in ihrem wohlgeordneten Weltbild provoziert. Es sei wenig "hilfreich", wenn Schwule und Lesben sich auf diese Weise "selbst ausgrenzen".

Dabei hätte es in dieser Sendung gar nicht der Schwulen und Lesben bedurft, wie sie von den Unterhaltungskünstlern Ralf Morgenstern und Lucy (die von den No Angels) repräsentiert wurden. Lucy sitzt da und ist lesbisch, Morgenstern zeigt sich immerhin rechtschaffen empört bis grimmig belustigt - die natürliche Reaktion libertärer Menschen auf Reaktionäre, die keinem einzigen vernünftigen Argument zugänglich sind. Nein, es genügte vollkommen, Lohmann und Kelle zuzuhören, die ihre Ressentiments wie Auslegeware entrollten.

Irgendwo zwischen den Stühlen sitzt da noch Stefan Kaufmann. Als schwuler CDU-Abgeordneter ist er eigentlich die interessanteste Figur an diesem Abend. Auf dem Parteitag kämpft er für den Antrag, das Ehegattensplitting an die Familie zu koppeln und damit auch Homosexuellen zugänglich machen. Für das volle Adoptionsrecht für Schwule und Lesben tritt er nicht ein. Das sei, wie er zerknirscht einräumt, der CDU "noch nicht zuzumuten".

Mit dem Rücken zur Wand

"Sind Sie sicher, dass Sie in der richtigen Partei sind?", fragt Plasberg besorgt, und nach dieser Frage verfällt Kaufmann zusehends in hamlethaftes Brüten. In seiner Zerrissenheit wirkt er wesentlich menschlicher als Leute wie Lohmann oder Kelle mit ihren fugenlos abgedichteten Überzeugungen. Beide fühlen sie sich sichtlich einsam in einer Gesellschaft, die ihre verknöcherten Tugenden und angestaubten Moralvorstellungen längst entsorgt hat. Sollte die CDU eines Tages auch mal wieder von "berufstoleranten Großstädtern" (Plasberg) gewählt werden wollen, wird ihnen auch noch diese geistige Heimat abhanden kommen.

Es sind also Vertriebene. Es sind die Leute, die sich erdreisten und auf Angriff schalten. Weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Weil sie das Gefühl haben, ihnen käme etwas abhanden - wo es doch nur darum geht, anderen etwas zu geben. Aber vielleicht ist die reaktionäre Orientierung eines Menschen ja gar nicht angeboren. Vielleicht lässt sich da etwas machen. Es ist wirklich höchste Zeit. Denn langsam nervt's.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 334 Beiträge
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1.
kannmanauchsosehen 04.12.2012
Zitat von sysopWDRDa setzen sich tatsächlich zwei erzkatholische Publizisten in die Talkshow von Frank Plasberg, wettern gegen den "homosexuellen Hype" und stempeln gleichgeschlechtliche Paare als solche zweiter Klasse herab. Geht's noch? Zum Glück griff wenigstens der sehenswert aggressive Moderator ein. "Hart aber fair": Plasberg-Talk über Homosexuelle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/hart-aber-fair-plasberg-talk-ueber-homosexuelle-a-870781.html)
Was mich nun wiederum total nervt ist die Tatsache, dass man im Zusammenhang mit Homophobie und christlichen Fundamentalismus immer nur zum Katholiken greift. Dass es auch atheistische, evangelische oder Homohasser in Deutschland gibt, wird von der Presse kaum wahrgenommen, schade eigentlich. Und die größten Homohasser in diesem Land sind nebenbei gesagt vor allem diverse Mitbürger nordafrikanischer Herkunft, aber an dieses Thema traut man sich aus politischer Korrektheit nicht ran. Aber das ist eben das Problem, die Leute, die sich am meisten über Klischees aufregen, benutzen diese dann aber auch selbst am häufigsten. Katholiken sind eben homophob und wollen keine Frauen als Priester, Private Equity sind alles Heuschrecken, Politiker sind alles Verbrecher, Ostdeutsche sind tendenziell Nazis, Briten sind europafeindlich ... mit so einfach gestrickten Sichtweisen werden wir die Welt sicher nicht verbessern können, sondern nur die Leute bedienen, die das sowieso hören wollen.
2. Politisch nicht gewollt, von keiner Partei
karabayan 04.12.2012
Man kann die Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare doch gar nicht der Ehe gleichstellen, was die Rechte angeht. Dann müsste man das mit der Lebenspartnerschaft von heterosexuellen Paaren doch auch machen, und dann bricht das Chaos aus. Das macht man doch nur dort, wo es gewünscht ist, so z.B. bei den sog. Bedarfsgemeinschaften. Da ist man dann ganz schnell eine Bedarfsgemeinschaft, wenn man zusammen zieht-da spart der Staat nämlich wieder Geld. Auch gesehen bei der Novellierung des Mietrechts 2001: Nachdem vorher nur Ehepartner nach Tod des Mieters in den MV eintreten konnten, düften es nun Lebenspartner auch. Aber nicht nur homosexuelle Lebenspartner sondern auch die Heteros. Nur im Mietrecht muss man also nicht mehr verheiratet sein- sonst sind mir in dieser Form keine Rechte bekannt, die Lebenspartnerschaften der Ehe gleichstellen. Da es aber offensichtlich geht, ist für mich der Umkehrschluss, dass es nicht gewollt ist.
3. Abwarten!
trompetenmann 04.12.2012
--Zitat--"Beide fühlen sie sich sichtlich einsam in einer Gesellschaft, die ihre verknöcherten Tugenden und angestaubten Moralvorstellungen längst entsorgt hat."--Ende-- Ob die Moralvorstellungen wirklich entsorgt sind, wird sich ja hier gleich zeigen. Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, was ich von diesem "Schwulenweihnachtsmarkt" halten soll. Braucht's das wirklich? Oder schneidet sich die Schwulenszene nicht ins eigene Fleisch? Egal, Wenn 's schee macht!
4. Niveau im Spiegel?
mars1234 04.12.2012
"Lucy sitzt da und ist lesbisch, Morgenstern zeigt sich immerhin rechtschaffen empört bis grimmig belustigt - die natürliche Reaktion libertärer Menschen auf Reaktionäre, die keinem einzigen vernünftigen Argument zugänglich sind." "Wer ohne Vater aufwächst, der wird depressiv, drogensüchtig, aggressiv. Gibt's Studien zu." Wissenschaftliche Studien sind an sich keine "vernünftige Argumentation"? Haben Sie sich mit den Studien beschäftigt? Jedenfalls erfolgt keine sachliche Auseinandersetzung in Ihrem Beitrag mit solchen Studien. Sie greifen lediglich einige der Diskussionsteilnehmer persönlich an und unterstellen Ihnen therapiebedürftige psychische Defizite. Ich habe weder die Diskussion im Fernsehen gesehen noch bin ich gegen eine Gleichberechtigung der Homoehe. Der Beitrag ist - auch als Polemik - inhaltlich absolut niveaulos und überflüssig. Bildzeitungsniveau!
5. Unfruchtbare Frauen + zeugungsunfähige Männer
fleischwurstfachvorleger 04.12.2012
Zitat von sysopWDRDa setzen sich tatsächlich zwei erzkatholische Publizisten in die Talkshow von Frank Plasberg, wettern gegen den "homosexuellen Hype" und stempeln gleichgeschlechtliche Paare als solche zweiter Klasse herab. Geht's noch? Zum Glück griff wenigstens der sehenswert aggressive Moderator ein. "Hart aber fair": Plasberg-Talk über Homosexuelle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/hart-aber-fair-plasberg-talk-ueber-homosexuelle-a-870781.html)
....dürfen dann natürlich auch keinen Sex haben, denn Sex darf / soll ja nur der Fortpflanzung dienen. Wenn diese Gefässe also leer sind, stehen diese Menschen qua Natur auf einer Stufe mit Lesben und Schwulen. Oder sehe ich da jetzt etwas falsch?? Nach Herrn Lohmann geht es eigentlich nur um 0,058 % der Bevölkerung, die von dieser ausgeweiteteten Form des Ehegattensplittings profitieren würde. - Anstatt nun aber großzügig zu sein (christliche Lehre), gibt es nur katholische Leere. Nein, diese Verdammten dürfen nicht in einen Topf mit liebenden Paaren (natürlich ausschließlich in einer kirchlich anerkannten und gesegnten Mann/Frau-Beziehung) geworfen werden. Warum hat man nur die Hexenverbrennung verboten, sie würde für die Erzkonservativen Katholiken viele Probleme lösen?
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