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Islam-Talk bei "Hart aber fair": Gesucht: Beipackzettel für die Bundesrepublik

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"Hart aber fair": Grundgesetz oder Roman? Fotos
WDR/ Dirk Borm

Was taugt besser als Kompass für ein Leben in Deutschland: das Grundgesetz oder der Koran? Spannende Frage - doch Frank Plasberg ließ sie seine Gäste nicht ausdiskutieren. Immerhin einer in der "Hart aber fair"-Runde sorgte für lichte Momente.

Die Sache mit der Gebrauchsanweisung hatte Hamed Abdel-Samad als Erster in die Runde geworfen. Eine Art Bedienungsanleitung für Deutschland habe er sich gewünscht, als er mit 23 Jahren aus Ägypten in die Bundesrepublik kam. Bis dahin, so erzählte es der Islamkritiker bei "Hart aber fair", habe er im Grunde nur den Koran gekannt, den er inzwischen mitsamt der daran hängenden Weltreligion scharf kritisiert.

Das "komplizierte Gerät Deutschland" funktioniert in Abdel-Samads Logik folglich ausschließlich mit der Anleitung namens Grundgesetz, und diesen Konflikt erhob Moderator Frank Plasberg zum Angelpunkt seiner Sendung: Koran und Verfassung - geht das eigentlich zusammen? Leider bot diese Frage nur wenig Zündstoff, denn vier der geladenen Gäste bejahten sie, wenn auch mit jeweils anderer Begründung und Gewichtung. Aber zum Glück war ja noch Abdel-Samad da.

Der erfüllte die ihm zugedachte Aufgabe als Provokateur vorzüglich. Der umstrittene Islamkritiker hielt die umstrittenen Thesen seines umstrittenen Buches nicht zurück, etwa die von der "Arbeitsteilung": Die "radikalen Kräfte" des Islam töten demnach vermeintlich Ungläubige, die gemäßigten hingegen "polieren das Bild des Islam auf". Dass wegen der Ankunft Zehntausender muslimischer Flüchtlinge die Angst vor dieser Religion derzeit wachse, habe daher gute Gründe: "Das sind Urteile und keine Vorurteile", sagt Abdel-Samad. Und: "Der authentische Islam ist derzeit in Syrien, im Irak und bei Boko Haram zu sehen."

Buchrezension: "Mohamed" von Abdel-Samad
Solche Provokationen galten vor allem Zekeriya Altug vom türkischen Moschee-Dachverband Ditib - und der bemühte sich sichtlich, die Verbalattacken mit demonstrativer Sachlichkeit abzuwehren. Altug verwies etwa auf die psychischen Erkrankungen vieler Flüchtlinge und darauf, dass ausgerechnet im kaum muslimischen Ostdeutschland die Islamophobie am ausgeprägtesten sei: "Muslimfeindlichkeit braucht die Muslime nicht."

"Kommen Sie, jetzt reden Sie drum herum!"

So richtig Fahrt wollte die Debatte dennoch nicht aufnehmen, trotz der eingespielten Kurzfilme über Prügeleien zwischen Muslimen in einem Flüchtlingsheim mit 17 Verletzten (wegen eines in der Toilettenschüssel versenkten Korans). Der Streit blieb aus, stattdessen zeichnete sich ein schwammiger Konsens ab: "Es gibt so ein paar Regeln hier in Deutschland", sagte CDU-Politiker Jens Spahn ohne nennenswerten Widerspruch zu erhalten. Da war sie also wieder, die ominöse Gebrauchsanweisung. Wie genau die aussehen sollte, entlockte Plasberg seinen Gästen dann aber nicht - obwohl das ja offenbar die zentrale Frage des Abends war.

Als Erretter der Kontroverse durfte in solch ernüchternden Momenten dann Abdel-Samad ein- und angreifen. Mal warnte er vor einer Invasion der muslimischen "Machokultur", mal beschrieb er die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) als einzig logische Konsequenz der Lehrsätze Mohammeds. In diesen Momenten schepperte das Polemik-Instrumentarium gewaltig, wirklich feurig wurde die Diskussion aber trotzdem nicht. Dass sich das Weiterschauen trotzdem lohnte, war vor allem Dietmar Ossenberg zu verdanken.

Denn die Beiträge des ZDF-Journalisten, der 13 Jahre lang aus arabischen Ländern berichtet hat, waren nicht so erwartbar wie die Einwürfe des diplomatischen Altugs oder des angriffslustigen Abdel-Samads. Ossenberg schwärmte über die Herzenswärme vieler der 18 Millionen Moslems in Kairo, von denen "wahrscheinlich jeder einzelne seinen eigenen Islam lebt". Er blaffte den als Islam-Vertreter eingeladenen Ditib-Vertreter Altug barsch an ("Kommen Sie, jetzt reden Sie drum herum!"), dann wieder unterstützte er dessen Argumente offensiv ("Was wir im Nahen Osten an Problemen haben, hat mit Religion sehr wenig zu tun.").

Umso mehr fielen die unspektakulären Auftritte der eingeladenen Politiker auf: NRW-Wissenschaftsministerin und Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann insistierte zwar, das Grundgesetz sei kein "Beipackzettel", fiel ansonsten aber primär durch freundliche Scherzchen auf. CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn bekundete Sympathie für die Idee, Flüchtlingen direkt nach der Einreise ein schriftliches Bekenntnis auf die hiesigen "Grundwerte" abzunötigen - und nahm Abdel-Samads Buch gegen die Kritik von Ditib-Vertreter Altug in Schutz: "Sie müssen auch ein antimuslimisches Pamphlet tolerieren!"

Und so kam die Debatte schließlich dort an, wo sie schon so häufig war. Denn nach dem "Beipackzettel für die Bundesrepublik", so fasste es schließlich Moderator Plasberg zusammen, werde schon seit einigen Jahren gesucht - bislang allerdings unter anderem Namen: Leitkultur.

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