"Hart aber fair" über Fußball und Kommerz Selbst beim Talk wird der Restsport erdrückt

Bei "Hart aber fair" diskutierte eine Runde um Edmund Stoiber, Willi Lemke und Marcel Reif über die Untiefen des Kommerzfußballs. Nach dem Motto: Exzesse geißeln, die eigene Rolle besser nicht besprechen.

Marcel Reif, Willi Lemke, Betty Heidler, Edmund Stoiber, Axel Balkausky bei "Hart aber fair"
WDR/Thomas Kierok

Marcel Reif, Willi Lemke, Betty Heidler, Edmund Stoiber, Axel Balkausky bei "Hart aber fair"

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Die Talksendung "Hart aber fair" hat einen festen Sendeplatz am Montag um 21.15 Uhr. Da aber "Das Erste" an diesem Abend ein eher unansehnliches und mit hässlichen Begleitumständen versehenes Fußballspiel übertrug, musste die Sendung zum Thema "Der Fußball und das Geld - macht der Kommerz den Sport kaputt?" in den späten Abend ab 22.45 Uhr verlegt werden. Damit ist das Problem schon ganz hübsch umschrieben.

Fußball als der gewaltige Krake, der alles andere verdrängt, alle anderen Sportarten, alle anderen Fernsehsendungen, die unersättlich ist und immer mehr Geld in sich hereinfrisst. Darüber kann man schon mal eine Sendung machen. Es muss allerdings nicht diese sein.

In den 60 Minuten ließ Moderator Frank Plasberg ganz viel über den gemeinen Fußballfan reden. Es wäre eine schöne, aber vermutlich verwegene Idee gewesen, dann auch einen Fan aufs Gästepodium zu setzen. Ein Vertreter des neuen Fan-Interessenverbands FC PlayFair war nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch tatsächlich zunächst als Gast vorgesehen, wurde aber kurzfristig wieder ausgeladen.

Die bewährte Talk-Altherrenriege

Stattdessen setzte die Redaktion auf die bewährte Altherrenriege um Ex-Kommentator Marcel Reif, Ex-Werder-Manager Willi Lemke und Ex-Politiker Edmund Stoiber. Dazu hatte man ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky, der tatsächlich noch aktiv im Amt ist, geladen, und - weil man ja drüber reden wollte, dass der Fußball den Restsport erdrückt - Ex-Hammerwerferin Betty Heidler. Die dann sehr wenig sagen durfte. Als Beleg dafür, dass der Fußball den Restsport auch in einer Talkshow erdrückt.

Fürs Reden war dafür dann eher Stoiber zuständig, "von Kindesbeinen leidenschaftliches Fußballkind". Der frühere Ministerpräsident und heutige Verwaltungsrat, beides von Bayern, durfte sich wortreich ereifern darüber, dass dem FC Bayern immer die Schurkenrolle im deutschen Fußball zugeschoben werde. Dabei sei es doch weniger die Verantwortung der Bayern, dass sie Jahr für Jahr mit gewaltigem Abstand Deutscher Meister würden. Er selbst würde sich ja wünschen, dass andere Teams mithalten würden, "Münchengladbach" zum Beispiel oder Leverkusen.

Und dass die Bayern so reich seien und Jahr für Jahr durch die TV-Gelder und die Champions League immer reicher würden? "Wie soll man denn sonst mithalten mit Chelsea, mit Real Madrid, mit Manchester?" Derweil fragen sich andere Klubs, wie sie noch mit dem FC Bayern mithalten sollen.

Stoiber war selbst durch den alten Rivalen Lemke nicht in seinem Redefluss zu stoppen, immerhin sprach Stoiber "Premier League" wie "Bremer League" aus, sodass der frühere Werder-Manager jedes Mal zusammenzuckte, und wenn man nicht genau zuhörte, klang Real Madrid auch fast wie Transrapid, bekanntlich Stoibers Lieblingsprojekt.

"Wie viele journalistische Inhalte bleiben übrig?"

Die anderen in der Runde durften derweil wohlfeil die Missstände des modernen Fußballs geißeln, die GoPro-Kamera am Weißbierglas der feiernden Bayern und Helene Fischers Gesangsdesaster beim Pokalfinale. Reif nannte die Exzesse des Kommerzfußballs obszön, und Balkausky machte sich Sorgen, "wie viele journalistische Inhalte noch übrig bleiben", wenn Vereine wie die Bayern ihr eigenes Vereins-TV betreiben. Dass manche ARD-Beiträge im Vorprogramm von Livespielen selbst so aussehen wie Vereins-TV, dass Reif viele Jahre lang das Gesicht und gleichzeitig das Feigenblatt des Pay-TV-Senders Sky war, der die Eventisierung, Dramatisierung, Skandalisierung und Banalisierung des Fußballs vorangetrieben hat - alles geschenkt und kein großes Thema. Besser nicht über die eigene Verantwortung reden.

Stattdessen lobte Balkausky das eigene Produkt, die "Sportschau": "Hier findet auch der Fan von Ingolstadt seine Spannung"; und Lemke wünschte sich die Jahre zurück, als die Deutsche Meisterschaft erst am letzten Spieltag entschieden wurde, sprich, als Werder Bremen mit um den Titel spielte. Werder in der Champions League - das kam Reif mittlerweile vor "wie die Zeiten vor dem Dreißigjährigen Krieg".

Immerhin waren sich dann doch alle einig, dass die Anregung von Adidas-Chef Kasper Rorsted, ein deutsches Pokalfinale auch mal in Shanghai abzuhalten, eine "schwachsinnige Idee" ist. Das fand sogar Stoiber.

Vielleicht wird heutzutage auch gar nicht viel zu viel Fußball gezeigt. Vielleicht wird einfach viel zu viel über Fußball gequatscht.

Plasberg verwies abschließend noch auf die folgende ARD-Doku zur Ermordung Benno Ohnesorgs. Da war es dann schon fast Mitternacht.

insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
simcoe 30.05.2017
1. Stoiber
ist eine Zumutung. Man könnte meinen dass er schwindenden Intellekt mit mehr Wortvolumen zu kaschieren versucht.
Grummelchen321 30.05.2017
2. Fußball
ist auch nur ein Sport.Diesem aber 90% der Aufmerksamkeit zu schenken ist ein irrweg. Es gibt auch genug Sportarten die wegen königfussball in der Berichterstattung kaum eine Rolle spielen.Die ÖR werfen Millionen an Beiträgen in ein System das erwisenermaßen korrupt ist und sich Funktionäre selbst bedienen.Vereine sind schon lange nicht mehr allgemein nützig sondern zu Geldmaschinen geworden.Ich hoffe Bremen hat mit seiner Klage auf Kostenerstattung für die Polizeieinsätze Erfolg.
fblars 30.05.2017
3. Ein deutsches Problem
Fußball als Platzhirsch ist ein deutsches Problem. Schaut man sich andere Länder an, ist die Sportlandschaft länggst nicht so öffentlich. Bestes Beispiel ist Frankreich, bei den Mannschaftssportarten hat Rugby den Fußball an Popularität überholt. Nummer eins ist Radsport. Das UK: Fußball, Rugby,Cricket, Irland: Gaelic Sports, USA... Nirgendwo auf der Welt herrscht so eine Monokultur.
joey55 30.05.2017
4. Diskussion übertrieben
Ich finde die Diskussion übertrieben. Man schaue sich die Wochenenden zwischen November und März an. Da wird entweder auf ARD oder ZDF mind. ein kompletter Tag dem Wintersport gewidmet. Wenn man mehr Sport möchte, hat man die Möglichkeit auf Spartensender zu wechseln. Und dass z. B. Handball nicht live im öffentlich-rechtlichen TV stattfand, könnte ja auch etwas mit den Forderungen der Sportverbände zu tun haben...
vulkaneifler 30.05.2017
5. Nana
Einfach bei den übertragungsrechten heißt diese Unsummen nicht mehr zu zahlen was ja auch die Gebühren günstiger machen würde. Ist doch einfach oder?
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