"Hart aber fair" zum Thema Erben "Der Staat sollte gefräßiger werden"

Wie gerecht ist das Erbschaftsrecht in Deutschland? Darüber wollte Frank Plasberg diskutieren. Doch seine Gäste blieben sehr freundlich, sehr zivilisiert. Und sehr ratlos.

Johanna Uekermann, SPD, Juso-Bundesvorsitzende und Wolfgang Grupp, Unternehmer
WDR/ Oliver Ziebe

Johanna Uekermann, SPD, Juso-Bundesvorsitzende und Wolfgang Grupp, Unternehmer

Von


Kaum hat die sozialdemokratische Partei Deutschlands, total verrückt, das Thema der sozialen Gerechtigkeit im Lande für sich entdeckt, da tritt Frank Plasberg auf den Plan und fragt mit biblischem Einschlag: "Erbenrepublik Deutschland - wer hat, dem wird gegeben?" Eine SPD-Sendung also.

Wie konnte das der Sozialdemokratie "passieren", fragt Plasberg in Anlehnung an SPD-Chef Sigmar Gabriel, wie konnte das also einem SPD-Finanzminister Peer Steinbrück damals passieren mit der pauschalen Abgeltungssteuer. Er fragt Johanna Uekermann, es sei eine "Diplomfrage" an die Bundesvorsitzende der Jusos, und Uekermann sagt: "Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte." Aber gut finde sie es nicht, Reiche so leicht aus ihrer Pflicht gegenüber der Gesellschaft zu entlassen.

Darüber, dass es eine solche Pflicht gibt, sind sich alle Beteiligten an diesem Abend prinzipiell einig. Die Grenze verläuft zwischen jenen, die Vermögen als Verantwortung definieren und sich ihr Kapital nicht vom Staat aus der Hand nehmen lassen wollen. So wie Christian von Stetten, mittelstandspolitischer Sprecher der CDU und Unternehmer, dazu Adeliger in der 30. Generation, der neben der Burg seiner Ahnen auch den Wahlkreis seines Vaters "geerbt" hat.

Der Freiherr sieht einen feinen Unterschied, "ob jemand Bargeld geerbt hat oder ein Unternehmen" mit Arbeitsplätzen. Eine - durchaus demütigende - Bedürfnisprüfung für reiche Erben, wie derzeit geplant und bei Empfängern von Hartz IV längst üblich, sähe von Stetten nicht so gerne. Zu unpraktisch, druckst er herum, dann würde Vermögen einfach früher an Minderjährige überschrieben werden.

Loblied auf den Kapitalismus

Textilunternehmer Wolfgang Grupp gehört keiner Partei an und redet daher wesentlich weniger behäbig der unternehmerischen Selbstverantwortung das Wort. Wer Leistung bringe, den dürfe "der Staat nicht abzocken". Für ihn sei es eine "Selbstverständlichkeit, mit meinem Privatvermögen" zu haften. Geld sei ihm gar nicht so wichtig: "Das Schönste im Leben" sei doch "das Gefühl, gebraucht zu werden". Und doch mache er sich Sorgen um jenes seiner beiden Kinder, das dereinst nicht finanziell abgefunden werde, sondern "die Verantwortung für 1200 Mitarbeiter" zu übernehmen habe.

Rainer Voss mag in dieses Loblied auf den Kapitalismus nicht einstimmen. Der ehemalige Investmentbanker bezeichnet seine Einkünfte als Parabel, er habe bei null angefangen und werde bei null enden. Einen Grund, seine Kinder über Gebühr zu alimentieren, sieht er nicht. Voss fordert plakativ 100 Prozent Erbschaftssteuer und wird schnell philosophisch: "Wieso kann ein Individuum noch nach einem Tod über sein Geld bestimmen? Wieso darf es das?"

Voss fragt, schon weniger rhetorisch: "Welche Leistung hat ein Erbe erbracht?" Einerseits sei unsere Gesellschaft individualistisch, andererseits gebe es da diesen "Stammeskult" der reibungslosen Weitergabe von Reichtum von Generation zu Generation. Dieses "leistungslose Einkommen" sei nicht mehr zeitgemäß. Es müssten die Einkünfte aus der Erbschaftssteuer auch "nicht in das Budget" fließen, sie könnten beispielsweise in Fonds einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden.

Das Ungerechtigkeitsgefühl der Bürger

"Eigentlich machen wir ne Sendung um gar nix", sagt Voss. Allerdings gebe es ein Ungerechtigkeitsgefühl in der Bevölkerung, das adressiert werden müsse - und sei es auch nur mit Symbolpolitik. Die wiederum mag sich Uekermann nicht ausreden lassen und das Geld aus der Erbschaftssteuer, das sie noch gar nicht hat, in Bildung und damit Teilhabe investieren. Sie erinnert daran, dass "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" die Vermögen erwirtschafteten - und nicht der Unternehmer, so groß sein Risiko auch sein mag.

Es dürfe nicht von der Mildtätigkeit der Reichen abhängen, ob es eine Umverteilung gebe. Der Staat als Geier, der seinen Bürgern das Geld nicht gönnt? Uekermann findet, "der Geier sollte gefräßiger werden".

Thomas Druyen, Professor für "vergleichende Vermögenskultur", bemüht sich um Ausgleich zwischen den Positionen. Er unterscheidet genetisches Erbe von pekuniärem, der Begriff des Erbes käme "absolut unter die Räder" und sei entsprechend auszuweiten. Immerhin gehe es um "3,1 Billionen Euro", die in den nächsten Jahren vererbt würden. Was mit diesem Geld geschehe, sei nicht ganz unwichtig für unser Land. Druyen will genau betrachten, was zum Erbe gehört und was der Erbe in die Gesellschaft einbringe. Mit diesen wundervollen "neuen digitalen Methoden" sei das bald problemlos möglich.

Die Bilanz zur Sendung

Eine Systemfrage stellt sich gar nicht erst, Technokraten werden es richten. Welche Brisanz also hat die soziale Frage noch in Deutschland, wo die Reichen immer reicher werden und die Armen ärmer, weil beides, Armut wie Reichtum, vererbt wird? Nicht nur bei "Hart aber fair" bleiben wir alle bitte recht freundlich und zivilisiert und vermeiden die Zuspitzung.

Deshalb gab es in der Sendung keine "Kapitalisten", nur traditionsbewusste Leistungsträger mit Sinn für Verantwortung. Und sowieso keine "Kommunisten" mehr. Nur noch Sozialdemokraten, die sich auch nicht erklären können, wie das alles passieren konnte.


Mehr zum Thema:



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.