"Hart aber fair" zur Flüchtlingskrise Endlich sprechen die richtigen Gäste

Bei "Hart aber fair" waren zum Thema Flüchtlingskrise ausnahmsweise mal keine Politiker eingeladen - sondern Menschen, die tatsächlich mit Flüchtlingen zu tun haben. Eine kleine TV-Sternstunde.

"Hart aber fair"-Runde: Jetzt reden die Helfer
WDR/ Dirk Borm

"Hart aber fair"-Runde: Jetzt reden die Helfer


In den Abspann hinein will Frank Plasberg noch auf den "Faktencheck" im Internet hinweisen, lässt es dann aber sein: "Weiß gar nicht, ob wir da heute so viel checken müssen."

Dabei ging es in der Sendung wieder um die "Flüchtlingskrise als Dauerzustand". Und da sollte prinzipiell alles gecheckt werden, was taktierende Politiker, besorgte Publizistinnen und wohlfeile Funktionäre so von sich geben.

Diesmal war es anders. Geladen waren ausschließlich Helfer und Beobachter vor Ort - also jene Menschen, deren Einsatz den Unterschied zwischen Krise und Katastrophe macht und auf deren Rücken das übliche Talkshowpersonal normalerweise seine rhetorischen Pirouetten dreht.

"Der Staat kann und soll es nicht alleine hinkriegen"

So berichtet Heike Jüngling, Sozialdezernentin von Königswinter, dass das Engagement der Helfer keineswegs so "unermüdlich" ist, wie gerne behauptet wird. Erste Ehrenamtlichen hätten schon hingeschmissen, die Begründung: "Es geht nicht mehr." Von einer Belastungsgrenze will Jüngling aber nichts wissen. Sie wünscht sich stattdessen eine bessere Zusammenarbeit der Ämter, bei denen Anträge oft noch auf Papier bearbeitet und von Behörde zu Behörde gereicht werden.

Talkshowgäste Lothar Venus, Heike Jüngling und Sandro Poggendorf
WDR/Dirk Borm

Talkshowgäste Lothar Venus, Heike Jüngling und Sandro Poggendorf

Das sieht auch Holger Michel aus Berlin so, der sich in seiner Freizeit in einem Flüchtlingsheim engagiert: "Der Staat kann und soll es nicht alleine hinkriegen." Die Betreuung von mehr als 800 Einwohnern regelten wenige Ehrenamtliche in einem selbst organisierten Schichtsystem allein schon ganz gut.

Mit den Ämtern gebe es keinen Austausch, sogar auf eine Genehmigung für Waschmaschinen müsse wochenlang gewartet werden. Echtes Chaos bricht laut Michel aus, wenn statt der angekündigten 150 am Ende 240 Flüchtlinge kommen, darunter 40 Kleinkinder - weil die Beamten, die zählen, auch überfordert sind.

Chaos für die Bilder

Michel treibt der Verdacht um, etwa angesichts der Leerstände in München, dass das Chaos "für die Bilder produziert" und absichtlich herbeigeführt werde. Man solle nicht von einer "Katastrophe" reden, sondern von einer Situation, für die Lösungen gefunden werden könnten - und seien es auch nur Matratzen aus Krisenbunkern, originalverschweißt im Jahre 1963.

Auf Plasbergs Frage, wann er denn mal seine Freunde treffe, antwortet Michel mit einem schmalen Lächeln: "Ich bin dazu übergegangen, meine Freunde in die Flüchtlingsunterkunft einzuladen." Es müsse auch darum gehen, mehr Zuversicht zu vermitteln.

Ähnlich argumentiert Sandro Poggendorf. Der MDR-Reporter hat über das "Maritim"-Hotel in Halle berichtet, das von den Eigentümern an das Innenministerium vermietet und als Unterkunft genutzt wird. Mit der Folge, dass gutwillige Angestellte "von heute auf morgen" ihre Jobs verloren haben.

Wenn die Menschen vor vollendete Tatsachen gestellt würden, dürfe man sich über Zulauf für rechte Gruppierungen nicht wundern. Apropos, diesen Hinweis kann sich Poggendorf nicht verkneifen: Auch der Vater von Frauke Petry sei seinerzeit aus der DDR geflohen und habe die Familie inklusive "der kleinen Frauke" nachgeholt.

"Dann hören sie unter 1500 Menschen das Wimmern"

Der Familiennachzug, von dem gerade alle reden? Heike Jüngling stellt klar: "Es ist ja nicht die ganze Familie, die nachgeholt wird. Es ist der Ehepartner, es sind die Kinder!"

Über die Debatte ärgert sich auch Lothar Venus. Als zweiter Bürgermeister von Wegscheid an der deutsch-österreichischen Grenze hat er die Ankunft Tausender Flüchtlinge hautnah erlebt, vor Ort arbeitet er an einer Verbesserung der Situation. Venus berichtet von der feuchten Wiese mitten in der Nacht: "Dann hören sie unter 1500 Menschen das Wimmern, das Klagen, das Schreien kleiner Kinder" auf der Brücke, und das habe ihn bis in die Nacht verfolgt. Die Leute seien regelrecht "geliefert" und ausgeschüttet worden.

Flüchtlinge nahe Wegscheid an der deutsch-österreichischen Grenze
DPA

Flüchtlinge nahe Wegscheid an der deutsch-österreichischen Grenze

Wer könne, der flüchte selbstverständlich mit seinen Verwandten, sagt Venus. "Die brauchen sich auch auf der Flucht." Venus sagt das übrigens in breitem Bayerisch, wobei auffällt, dass in diesem Dialekt in politischen Talkshows dieser Tage nur selten unbestechlich Mitmenschliches geäußert wird.

Endlich geht es nicht um Wählerstimmen

Die Polizistin Tania Kambouri aus Bochum hat mit "Deutschland im Blaulicht" ein Buch über die Probleme geschrieben, die vor allem Ordnungshüterinnen mit muslimischen jungen Migranten haben; darunter immer mehr Flüchtlinge. Neulich beispielsweise hätte ein Marokkaner ein Auto aufgebrochen, der war "erst seit einer Woche" offiziell gemeldet.

Aber auch Kambouri wirbt an diesem Abend nicht um Wählerstimmen oder Verständnis, will weder rechte Ressentiments noch gutmenschliche Erwartungen erfüllen. Sie sieht einen Missstand und benennt ihn: Unregistrierte Kriminelle könnten im Prinzip machen, was sie wollten. Denn die Polizei schlage "möglicherweise nicht zu, wie es in deren Ländern der Fall wäre". Sie schreibe Anzeigen "für den Papierkorb", und das sei ein verheerendes Signal: "Die sehen, okay, in diesem Land passiert nix, ich mach einfach weiter."

Auch hier bedarf es der Integration, als bilaterales Projekt verstanden. "Integration ist kein Sprachkurs. Integration ist die Vorbereitung der eigenen Leute auf diese Situation", sagt Venus. Weshalb diese Ausgabe von "Hart aber fair" die bisher vielleicht hilfreichste zum Thema Flüchtlingskrise überhaupt gewesen ist.

Dabei fragte Plasberg streng den üblichen Katalog ab, von der ominösen "Obergrenze" bis zu den noch ominöseren "Ängsten". Nur waren eben die Antworten seiner Gäste diesmal erhellender, als es das hitzigste Streitgespräch zwischen Claudia Roth und Viktor Orbán je sein könnte.

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