"Hart aber fair" zur Flüchtlingskrise Söders Horrorszenarien, Käßmanns Gefrömmel

Bei "Hart aber fair" mit Frank Plasberg ging es mal wieder um die Flüchtlingskrise. Die Sendung im Schnellcheck.

WDR

Spieler der Vernunft: Markus Söder (CSU), Finanzminister von Bayern, ging mit der erkennbaren Absicht ins Spiel, dem "gesunden" Menschenverstand zu seinem Recht zu verhelfen. Keine Wortmeldung, in der er sich nicht auf die Vernunft berief - von vernünftigen Grenzschließungen über vernünftige Personenkontrollen bis zu vernünftiger Integration und vernünftiger Sicherheit. Im Grunde forderte er fortwährend, sozusagen die Büchse der Pandora mit dem Deckel der Vernunft zu schließen. Und ein NPD-Verbot, das auch.

Spielerin des Glaubens: Margot Käßmann in ihrer Funktion als evangelische Pastorin und Handlungsreisende Jesu. Sie argumentiert streng biblisch und erinnert an den barmherzigen Samariter und zitiert etwas wackelig, aber sinngemäß aus dem 3. Buch Mose (19, 33ff): "Der Fremdling, der unter euch wohnt, den sollt ihr schützen, denn er ist wie du", also kein Fremdling. Den Papst in Rom lobe sie nicht alle Tage, begrüße aber dessen Vorschlag, Kirchengemeinden sollten Fremdlinge aufnehmen.

Effektivste Grätsche: Gergely Pröhle, Staatssekretär der ungarischen Regierung, folgte an dieser Stelle überraschend der Pastorin aufs dünne Eis der theologischen Argumentation und versenkte Käßmann rhetorisch mit dem Hinweis auf Martin Luthers Zwei-Regimenten-Lehre von den getrennten Herrschaftsbereichen zwischen Kirche und Staat. Pröhle ist nebenbei Landeskurator der evangelischen Kirche in Ungarn.

Beste Defensivleistung: Wurde ebenfalls Pröhle abverlangt, der als Vertreter seiner Regierung keinen leichten Stand hatte. Das Ungarn von 2015 sei das gleiche Ungarn wie 1989, man sichere dort Schengen und damit Europa. In Frank Plasbergs Fragenfalle ("Von Orbán lernen, heißt sichern lernen?") tappte der Diplomat nicht: "Solche Sprüche kenne ich aus der DDR, und das höre ich gar nicht gern."

Heftigster Pressschlag: Das gleichzeitige Treten aus gegenläufiger Richtung gegen den Ball praktizierten vor allem Ralf Stegner (SPD) und Pröhle. Der Ungar erklärte, von der Gebietshoheit der Staaten "hängt die europäische Solidarität überhaupt nicht ab". Stegner: "Ach nee?"

Bedrohlichste Situation: Neben Bürgerkriegsflüchtlingen schmuggelten sich möglicherweise auch "Bürgerkrieger" ins Land, so Söder, der im Alleingang ein Horrorszenario nach dem anderen an die Wand malte. Zu vermeiden sei der anreizbedingte Sog, der dazu führe, "dass alle Flüchtlingslager der Welt sich jetzt auflösen und nur nach Deutschland kommen". Und wolle Saudi-Arabien nicht 200 Moscheen bauen hierzulande?

Beste Schiedsrichterentscheidung: Plasberg grillt Pröhle: "Warum haben Sie heute Menschen ohne Überprüfung an die österreichische Grenze gefahren?" Pröhle: "Ich weiß nicht, ob das passiert ist." Auf das Gelächter im Publikum reagiert der Unparteiische besonnen: "Da gibt es nicht zu lachen", Informationen dieser Art seien schwer zu "validieren" in dieser Zeit. Hier bleibt der Faktencheck zwar aus. Dafür wird später die Meldung mit den saudi-arabischen Moscheen auf eine unsichere Quelle zurückgeführt.

Schlimmstes Foul: "Wir" könnten nicht jeden einladen, "dem's nicht ganz gut geht in der Welt", meinte Markus Söder, dem es ansonsten noch ganz gut geht.

Dümmster Fehlpass: Wer "Angst vor vollen Moscheen habe", müsse eben "für volle Kirchen" sorgen. Margot Käßmann ist sehr stolz auf diesen Satz, sie wiederholte ihn auch hier. Für ein Deutschland der vollen Kirchen und Moscheen. Wer gegen Gefrömmel allgemein allergisch ist, der kann wohl solange ins Kino gehen.

Schönster Pass: "Man kann Kormorane vergrämen, das kann man machen. Aber man kann nicht glauben, Menschen abschrecken zu können, nur weil man sie schlecht behandelt", so Ralf Stegner, der vielleicht schärfste Kormorankritiker in ganz Schleswig-Holstein.

Beste Einzelleistung: Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler brachte Klarheit und Ruhe ins Spiel. Er redete nicht einem Parteivorsitzenden nach dem Mund, nicht einem Premierminister, nicht dem Allmächtigen. Nicht einmal Frank Plasberg. Dessen Vorlage, ob das widersprüchliche Handeln der Bundesregierung nun als "situatives Führen oder Schlingerkurs" zu bezeichnen sei, wich er elegant aus. Durch die Öffnung der Grenzen sei Deutschland "in Vorhand" gekommen, was sein Image anbelangt. Er verwies auf den "Mechanismus der Diasporagemeinde" - die Leute gehen da hin, wo schon andere ihresgleichen sind. In Lagern seien die Menschen nicht zu halten, die verwahrlosten dort: "Da kann man möglicherweise noch eine zusätzliche Toilette einbauen", das würde das Problem der Perspektivlosigkeit nicht lösen.

Schönster Spielzug: Wenn Zehntausende gegen den Zaun in Ungarn drängten, so referierte Münkler, dann sei der anders als mit militärischen Mitteln nicht zu halten. So weit, so Münkler. Dann aber leistete er sich einen philosophischen Exkurs über das fließende und strömende Wesen der Globalisierung, von dem nur Finanzen und Waren profitierten: "Die Menschen klinken wir aus aus dem Fluiden", und das könne auf Dauer nicht gut gehen. Mit einem Seitenblick auf Söder und Pröhle wünschte er sich: "So stark, wie sich viele Politiker bei der Flüchtlingskrise geben, so stark möchte ich sie bei Fragen der Integration sehen."

Bestes Dribbling: Söder zu Münkler: "Sie haben das sehr schön theoretisch geschildert…" Münkler schmunzelnd: "Ja, das sagen Politiker immer. Ich habe aber Praxis gefordert!"

Endergebnis: So unaufgeregt die Runde, so einhellig das Fazit: Wir haben gar keine andere Wahl, als uns den Herausforderungen zu stellen. Klug wäre es deshalb, jetzt damit anzufangen. Und dann nicht mehr aufzuhören.

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