SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. August 2018, 00:16 Uhr

"Hart aber fair" über Rassismus

Plasberg, der Brückenbauer

Von

Frank Plasberg macht - etwas verspätet - die Özil-Debatte zum Thema und fragt: "Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?" Die Diskussion verläuft überraschend zivilisiert. Ein Segen, gerade in diesen Tagen.

Özil, Schmözil, nimmt das denn kein Ende? Die Tweets des Fußballspielers, also die Tweets, liegen nun schon eine ganze Weile zurück. Tatsächlich wirkt eine Sendung mit dem Titel "Özil und die Folgen: Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?" - mit der sich Frank Plasberg nach seiner Sommerpause und über einem Monat in die Debatte einschaltet - reichlich verspätet. Und beinahe putzig im bengalischen Licht der Ereignisse, die sich derzeit in Chemnitz zutragen.

Ganz am Ende der Sendung erklärt der Psychiater und Neurologe Borwin Bandelow, geladen als externer Experte, den Rassismus zu einer anthropologischen Konstante. Unser prähistorisches Rudelgehirn nehme Fremdes prinzipiell als bedrohlich wahr und konkurriere mit unserem modernen Vernunftgehirn, das, etwa mit Blick auf Statistiken, im Fremden nichts Bedrohliches erkennen kann. Ja, es steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist. Und der ist eigentlich ganz niedlich.

Temperatur des Abends: Gut gekühlt mit stellenweisen Schwankungen ins Lauwarme. Die Gäste sind in Siegen, Köln, Wiesbaden oder dem Ruhrpott geboren und - bis auf Karlheinz Endruschat von der SPD in Essen - allesamt "Menschen mit Migrationshintergrund". Sie wissen also, worüber sie reden, wenn sie über Rassismus reden. Parteipolitisches Gezänk bleibt aus.

Duell des Abends: Um der milden Temperatur der Sendung gerecht zu werden, sollte man lieber von einer "Meinungsverschiedenheit des Abends" sprechen. Der junge Journalist Carim Soliman gerät hin und wieder mit der jungen Bloggerin Tuba Sarica aneinander.

Sarica fühlt sich "manchmal wie ein Alien" unter den Deutschtürken, weil sie partout keine schlechten Erfahrungen gemacht haben will. Einmal stöhnt sie beim Wort "Empathie" laut auf, was ihr Soliman bis zum Ende nachträgt. Dass jemand Mitgefühl aufstöhnenswert findet.

Dilemma des Abends: Mehmet Daimagüler, in Yale und Harvard ausgebildeter Rechtsanwalt, sagt mit Blick auf die vielen Rassismuserfahrungen unter dem Hashtag #MeTwo, "wir sollten mal den Betroffenen zuhören".

All diese Berichte seien "Angebote zu einem Gespräch". Was denn nun? Zuhören? Oder mitreden? Die Debatte findet, so leicht löst sich das Dilemma, eben nicht auf Twitter statt. Sondern, beispielsweise, bei Plasberg.

Exot des Abends: Karlheinz Endruschat, SPD-Ratsherr, lebt erstens in einem Viertel, in dem die Migranten schon keine Minderheit mehr sind. Es ist zugleich eine Gegend mit nur geringem Einkommen. Er will härter gegen Familienclans vorgehen und fragt nach dem Sinn für ein Gemeinwesen, "wenn auf einem Quadratkilometer vier Moscheen" stehen. Wofür die "Empörungsindustrie" auf ihn "niedergeprasselt" sei.

Nur Daimagüler kann diesen stark angeschnittenen Ball - links, verwurzelt, offen, aber auch besorgt - aufnehmen und hebt die Debatte kurz auf die soziale Ebene. Allzu oft würden wir die "Ethnifizierung von Problemen" betreiben, die eigentlich durch mangelnde (oder nicht ergriffene) Bildungschancen entstehen würden.

Pontifex des Abends: Frank Plasberg baut eine Brücke nach der anderen. Als die Moderatorin und Schauspielerin Shary Reeves ("Wissen macht Ah!") von dem vermutlich nervigen Umstand spricht, von Fremden für ihr gutes Deutsch gelobt zu werden, hakt Plasberg ein: "Gibt es diesen Platz in Ihrem Herzen, dass Sie denken: Das ist kein Rassist, der hat einfach nicht nachgedacht?" Gibt es.

Daimagüler gesteht, auf der Autobahn auch mal "Verdammter Pole!" zu denken, wenn er von einem solchen geschnitten werde. Plasberg legt nahe, dass er womöglich schlechte Erfahrungen mit polnischen Lieferwagen gemacht habe. Daimagüler betritt die Brücke nicht: "Ich habe mich geärgert. Und das war das erste, was mir einfiel." Mit Ausnahme von Kindern seien wir wohl alle Rassisten.

Exkurs des Abends: Endruschat klagt in einem Nebensatz, von Arabern beim Gassigehen als "Hund" beschimpft zu werden. Sarica bestätigt in einem längeren Exkurs, dass die muslimische Welt tatsächlich ein schwieriges Verhältnis zu Tieren habe, insbesondere zu Hunden. Ihrem Kontrahenten Soliman ist das "neu".

Die Frage übrigens, ob Rassismus nur eine unterdrückende Funktion der Mehrheit gegenüber einer Minderheit sein kann, die Machtfrage also, wird da nur kurz gestreift. Ebenso der Unterschied zwischen Rassismus und Diskriminierung.

Zitat des Abends: Borwin Bandelow, der Experte, gestattet sich ein Gefühl. Wenn er höre, wie in Berlin nun reihenweise "die AMG-Mercedesse abtransportiert werden" von irgendwelchen Libanesen aus der Drogendealerszene, "dann freue ich mich". Plasberg wittert Gefahr, baut die Brücke: "Fühlen Sie sich schlecht danach?" Bandelow: "Nein! Richtig gut!"

Fazit des Abends: Gern wäre man bei dieser "Hart aber fair"-Redaktionskonferenz dabei gewesen: "Schon gehört, was da in Sachsen abgeht? Lasst uns den Titel ändern, dann sind wir aktuell!" Aber "Die Krawalle von Chemnitz: Steckt in jedem von uns ein Rassist?" findet keine Mehrheit. Eine weise Entscheidung zum sachlichen Gespräch. Der Rassismus bleibt, aber man lässt sich die Themen nicht von einem entfesselten Mob vorgeben.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH