"Hart aber fair"-Talk über Smartphones "Zu wenig Internet tötet Deutschland"

Handy-Nacken, WhatsAppitis, Smombies: Frank Plasberg wollte von seinen Gästen wissen, ob Smartphones dumm und krank machen. Die Diskussion verlief heftiger, als man beim Thema hätte vermuten können.

WDR/ Oliver Ziebe

Fast könnte man meinen, Frank Plasberg hätte sich diesmal einem eher weichen Thema gewidmet: "Immer online - machen Smartphones dumm und krank?" Doch die Diskussion verlief teils heftig, die Gäste teilten sich deutlich in zwei Lager, und zwischen beiden flogen Funken.

Was vor allem am sehr streitbaren Hirnforscher und Buchautor ("Cyberkrank!") Manfred Spitzer lag, der die Frage der Sendung mit einem doppelten und donnernden "Ja!" beantwortete. Das Smartphone mache nicht nur dumm. Es sorge dafür, dass die auf Medienkonsum dressierten Jugendlichen gar nichts mehr wollten - außer vielleicht, noch mehr Medien zu konsumieren.

Immerhin, so Spitzer, hätten das "die Jugendlichen" inzwischen selbst gemerkt und den Begriff "Smombie" für den seelenlosen Smartphone-Zombie geprägt. Als einen solchen ließ sich Duygu Gezen bestaunen, die erste Social-Media-Volontärin der ARD. Die junge Frau bekannte, in ihrem Bett liege "rechts mein Handy, links mein iPad". Ranga Yogeshwar, charmant wie immer: "Das ändert sich irgendwann! Dann liegt da ein Mann!"

Plasberg, eher am Thema orientiert, fragte in Richtung Gezen: "Wir haben eine Stunde hier vor uns, schaffen sie das ohne?" Sie schaffte es nicht.

Als nach ein paar Minuten die Frage aufkam, ob der erhöhte Smartphone-Gebrauch "die Südkoreaner" nicht nur kurzsichtiger, sondern auch schlauer gemacht habe, regte Spitzer einen Faktencheck an. Plasberg: "Frau Gezen kann das auch googeln!" Und dann googelte sie die gewünschte Information fix auf ihrem Smartphone, während Yogeshwar ihr interessiert über die Schulter blickte.

Wissenschaftsjournalist Yogeshwar nahm die moderate Haltung eines Aufgeschlossenen ein: "Das ist ein tolles Gerät, das ist Magie", sagte er und konstatierte, diese Technik träfe "einen Nerv der Gesellschaft". Wir seien gerade noch dabei, den Umgang zu lernen und müssten "weg von der Konsumhaltung, hin zu einer Gestaltungshaltung". Es gäbe da eine wundervolle Programmiersprache aus den USA, mit der bereits Kinder an das Programmieren herangeführt werden könnten.

Dem konnte Frank Thelen nur beipflichten. Der öffentliche Unternehmer, bekannt aus der Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen", stellte fest: "Wenn wir Kinder haben, die heute nicht programmieren können, das sind die Analphabeten von morgen." Wir wären als Gesellschaft gerade dabei, den Anschluss an eine Kerntechnologie zu verlieren: "Zu wenig Internet tötet die deutsche Wirtschaft und tötet Deutschland." Deshalb: Smartphones und Tafelrechner rein in die Schulen, Bücher und Bedenkenträger raus.

"Ich bin kein Bedenkenträger", gab Spitzer zu bedenken, "ich bin Arzt." Er war in der Sendung auch eine Studienschleuder, die mit deprimierenden Erkenntnissen aus den USA, England, China und Südkorea nur so um sich warf. Handy-Nacken, Kurzsichtigkeit, die sogenannte WhatsAppitis - laut Spitzer alles wahr, aber auch alles "Pipifax". Der Konsum von Facebook etwa erhöhe nachweislich die Gefahr, über eine konstante Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben in eine Depression zu rutschen.

"Im Kopf vermüllt und krank"

Gewiss sei die neue Technologie segens- und wirkungsreich, habe aber auch "Risiken und Nebenwirkungen", über die wir uns noch nicht ausreichend bewusst seien. Ebenfalls nachweislich ließe es sich mit Büchern besser lernen als mit irgendwelchen Programmen, von denen "unsere Kinder im Kopf vermüllt und krank werden!"

Während Spitzer so Studie auf Studie schichtete, wurde er in seinem Eifer von Yogeshwar und Gezen heiter weggeschmunzelt. Die hörten wohl nur, was Plasberg eingangs rhetorisch als "Gebrabbel alter Kulturjournalisten" bezeichnet hatte, "die sich gegen den Fortschritt stemmen". Irgendwann fuhr Gezen dem Forscher lächelnd in die Parade: "Es wird kommen, sie können es nicht aufhalten!" Worauf Spitzer noch mehr Fahrt aufnahm: "Es fällt nicht vom Himmel, wir kaufen es!" Hinter dem Gerede von der "Medienkompetenz" steckten handfeste wirtschaftliche Interessen.

Thelen offensiv: "Können Sie programmieren?" Spitzer: "Das muss ich nicht. Ich beschäftige mich mit Menschen, nicht mit Maschinen." Zwischen dem technopessimistischen Bremser Spitzer und dem turbodigitalen Beschleuniger Thelen stand Plasberg und steuerte Lebensweltliches bei. Ihn selbst nervten die dauernden Benachrichtigungen, wenn sich seine "Männerrunde" über WhatsApp zum Gin-Abend verabrede.

Plasbergs Sohn und "Angry Birds"

Im Übrigen sei es doch etwas anderes, ob ein Gerät zum Dauerdaddeln oder zum Arbeiten benutzt würde. Sein Fünfjähriger, so Plasberg, schaue schon lieber "Angry Birds"-Filmchen, statt "Angry Birds" zu spielen - wie solle die Jugend sich da erst zu etwas so Komplexem wie dem Erlernen einer Programmiersprache und damit der Gestaltung der Zukunft (und Rettung Deutschlands) motivieren lassen?

Es war an Leni Breymaier, weder in Euphorie noch in Depressionen zu verfallen und die Talkrunde über das Gesprächsniveau einer Gin-Runde besorgter Mütter und Väter zu heben. Die Ver.di-Gewerkschafterin wies auf eine schöne neue Arbeitswelt hin, in der heute schon Arbeitsplätze wegfielen: "Ich sage ja nicht, dass wir die Welt aufhalten wollen", nur müsse die Entwicklung gesteuert und dem Produktivitätsfortschritt der einzelnen Beschäftigten angepasst werden.

Modelle wie bei Daimler, BMW oder der Telekom, nach denen Arbeitnehmer beinahe schon dazu gezwungen werden, in ihrer Freizeit nicht auf Mails aus dem Betrieb zu schielen, seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Freie Mitarbeiter könnten sich eine Abstinenz in unseren beschleunigten Zeiten gar nicht leisten.

Es mag wie ein weiches Thema behandelt worden sein. Aber es wird hart, das steht fest.



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