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"Hart aber fair" zu Kanzlerin Merkel: "Was vor zwölf Jahren war, ist mir scheißegal"

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Frank Plasberg und Gäste: Es dauerte lange, bis der titelgebende Aspekt der Sendung endlich zur Sprache kam Zur Großansicht
WDR/ Oliver Ziebe

Frank Plasberg und Gäste: Es dauerte lange, bis der titelgebende Aspekt der Sendung endlich zur Sprache kam

Frank Plasberg ließ in seiner Talkshow über das Schicksal der Krisen-Kanzlerin diskutieren. Im TV-Studio gab es: Nerviges aus Bayern, ein Wiedersehen mit FDP-Chef Lindner und ein Moderator, dem der Kragen platzte. Die Sendung im Schnell-Check.

Zur Sendung: Die Union ist zerstritten, noch nie steckte Angela Merkel tiefer in der Krise. Moderator Frank Plasberg ließ seine Gäste am Montagabend über das Schicksal der Kanzlerin diskutieren. Motto der Sendung: "Angezählt - wie viel Zeit bleibt Merkel noch?"


Die nächste Talkshow, das (fast) gleiche Thema: Nach Anne Will wollte nun auch Frank Plasberg wissen, wie es denn nun mit der Flüchtlingspolitik weitergeht - und vor allem mit der "angezählten" Kanzlerin. Gezählt wurde reichlich in dieser "Hart aber fair"-Ausgabe, aber nicht unbedingt zwecks Mehrung von Erkenntnissen. Unterm Strich blieb ein weiteres Mal das Bild einer Koalition, in der sich nicht nur die Union in einem bedenklichen Zustand befindet.

Die Runde: SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, ein bisschen wohlfeil bemüht, allein den C-Parteien die "Chaos-Tage" anzulasten. Den bayerischen Tatbeitrag illustrierte nachdrücklich Thomas Kreuzer, CSU-Fraktionschef im Südstaat. SPIEGEL-Hauptstadt-Korrespondentin Melanie Amann rückte einiges zurecht, darunter das Selbstbild der SPD, die eben keine Hilfe für Merkel sei, sondern eine "Wundertüte". Als Sondergast reüssierte, mit gewissen Anlaufproblemen, Christian Lindner von der FDP. Elmar Brok (CDU), der ewige EU-Parlamentarier, war erwartungsgemäß gegen Obergrenzen, für eine europäische Lösung und für Merkel und dabei, wie immer, leicht erregbar.

Die Stimmung: Im Lande sei sie "sehr schlimm", wie selbst Brok mitgekriegt hat, zumindest aber "angespannt" (Oppermann). Und im Studio war sie ebenfalls ziemlich gereizt, sogar beim Moderator. Als Brok einmal sehr weit und polternd ausholte, um die leider vergeblich gezeigte flüchtlingspolitische Weitsicht der EU zu preisen, fiel ihm Plasberg sehr unmoderat ins Wort: "Was vor zwölf Jahren war, ist mir scheißegal."

Rhetorik: Schon klar, der Sache nach lässt es sich schwer vermeiden, immer wieder auf die bekannten Textbausteine zurückzugreifen: von der Sicherung der Außengrenzen, der kommunalen Überforderung und dem Dublin-Abkommen bis hin zur Devise "die Zahlen müssen runter" - und natürlich der Realität. Die besteht wahlweise aus einer "globalen Herausforderung von säkularer Bedeutung", an deren Bewältigung aber zum Glück bereits die Kanzlerin arbeite (Brok) oder einem "Riesenproblem", für dessen Lösung die bisherige Politik "innerhalb von Wochen geändert werden" müsse (Kreuzer).

Klartext: Um den bemühte sich vor allem die Journalistin Amann, die immer mal wieder mit knappen Kommentaren die Floskelei durchkreuzte. Auch der Gastgeber sorgte dafür: Mit sichtlicher Ungeduld insistierte er, wie man sich denn angesichts des schon bekannten "Elends am Zaun" in Ungarn Grenzsicherung und Zurückweisung für die Zukunft vorstelle. "Mit Schäferhunden, denen man vorher die Zähne gezogen hat?" Eine Antwort bekam er nicht.

Nervigster Auftritt: Unbeeindruckt von Hinweisen auf europäisches Recht oder sonstigen Bedenken gegen Obergrenzen (Lindner nannte sie "rein symbolisch") vertrat Kreuzer nicht nur stur den Bayern-Kurs, sondern meinte ihn auch noch mit immer neuen Zahlenspekulationen (Oppermann: "Angstszenarien") begründen zu müssen. Wieder mal musste das Problem mit den "vielen jungen Männern" herhalten, zudem noch das der "minderjährigen Unbegleiteten". Das Ganze allerdings bei gleichzeitigem Ruf nach stark gedrosseltem, am besten ganz unterbleibendem Familiennachzug.

Liberales Solo: Christian Lindner gab sich zunächst beleidigt, weil Plasberg ihn zuvor schon zweimal aus Sendungen ausgeladen hatte. Er talkte sich dann aber nach und nach ins Spiel, wobei er es mit dem Versuch einer staatsmännischen Pose indes ein wenig übertrieb. Teilweise gelangen ihm aber ein paar ganz vernünftige Bemerkungen, vor allem zum Thema Einwanderungsgesetz, bei dem er sich plötzlich mit dem SPD-Mann in schönster Harmonie wiederfand.

Die K-Frage: Es dauerte lange, bis der titelgebende Aspekt der Sendung endlich zur Sprache kam. Plasberg erinnerte an Ex-Kanzler Schröder, der seinerzeit für seine Agenda das Amt riskierte. Die SPIEGEL-Journalistin sah in der CDU "viel Angst", aber keine ernstlichen Putsch-Absichten. Und während der Bayer abermals irgendwie ultimativ mit Klage gegen Merkels Flüchtlingspolitik drohte, warf Amann die Frage auf, wie weit die CSU denn letztlich gehen würde - auch bis zum Austritt aus der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU?

Es war der Moment, in dem Sozialdemokrat Oppermann eine zwar nicht neue, aber doch nicht unwichtige Feststellung treffen konnte: "Wir hätten auch ohne CSU die Mehrheit."

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1. Das
Koda 26.01.2016
der Abgeordnete wurde ja vorher kritisiert, das Jahre zuvor nichts getan wurde. Als er darauf einging, was alles vorgeschlagen wurde -was eben auch aber nicht nur die 12 Jahre her war - wurde er deswegen abgewatscht. Dabei war er doch geradezu aufgefordert worden, das aufzulisten, was er getan hat - und nicht eben erst letzte Woche oder vor einem Jahr sondern innerhalb der letzten 35 Jahre. Die Flüchtlingsproblematik existiert nicht erst seit einem Jahr - auch nicht erst seit 5 Jahren; sie existiert seit über 20 Jahren (und natürlich mehr) und zwar latent - sie war nur nicht immer in den Medien und somit auch der Politik präsent.
2. Chaos
manfred.senghaus 26.01.2016
Diese Sendung war ein Spiegelbild gelebter Uneinigkeit. Regierungsfähigkeit sieht anders aus. Armes, reiches Deutschland, ein Neuanfang ist dingend nötig.
3. Zumindest wurde Flüchtlingsthema etwas konkreter.
kritischer-spiegelleser 26.01.2016
Es kristallisierte sich für mich die Erkenntnis raus wie wichtig es ist, erst einmal den Aylanspruch zu klären bevor man über Integration nachdenkt. Und da werden noch viel zu viel Begriffe verwendet, deren Inhalt nicht klar definiert ist. Beispiel Familiennachzug. Und richtig, Elendsbilder sind kein Argument gegen Obergrenzen. Aus Mitleid darf und kann man nicht einen Rechtsstaat aushebeln. Warum es Merkel ohne Konsequenzen trotzdem tun darf blieb aber offen. Vielleicht doch die Hoffnung auf den vermeintlich sicheren Abgeordnetenplatz?
4. Über allen schwebt die AfD
theodor2 26.01.2016
Diese Diskussionen der letzten Zeit, machen den Eindruck, dass ohne den Stimmenzuwachs der AfD das Thema der Flüchtlingsströme von geringerer Bedeutung wäre, da sich alle gerne an die Hoffnung der Kanzlerin anschließen würden, da sie ja auch bereit ist die Verantwortung dazu übernehmen. Herr Lindner tut nun gut daran die AfD-Forderungen zu übernehmen. Das wird ihm mit Sicherheit bei den nächsten Wahlen honoriert werden.
5. endlich prakmatische Ansätze!
flpr 26.01.2016
Lindner hat vollkommen Recht- wenn wir die Flüchtline nach der Genfer Flüchtlingskonvention behandeln erledigen sich gleich mehrere Probleme gleichzeitig- Bürokratieaufwand, Verfahrensdauer, Lagerkoller und deren negative Folgenwirkungen- gleichzeitig muss die Lage in den Flüchtlingslagern rund um Syrien massiv verbessert und der Druck auf die "Partner" in der EU erhöht werden- endlich mal prakmatische Lösungsvorschläge- man merkt es immer mehr- die FDP als Stimme der Vernunft fehlt im Bundestag!
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