"Hart aber fair" zu Deutschtürken Viele Widersprüche, keine Erklärungen

"Hier Freiheit leben, dort Erdogan wählen - wie passt das zusammen?": Eine spannende Frage angesichts der vielen Anhänger des türkischen Präsidenten in Deutschland. Eine Antwort blieb bei "Hart aber fair" aus.

Innenminister Thomas de Maizière, Journalistin Düzen Tekkal
WDR/ Oliver Ziebe

Innenminister Thomas de Maizière, Journalistin Düzen Tekkal

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Die Sendung: Türkei, natürlich, was sonst. Die Entwicklungen in dem Land, die geplante Abstimmung über ein Präsidialsystem, Streit über die Frage, ob türkische Politiker dafür in europäischen Ländern Wahlkampfauftritte absolvieren dürfen, ein Präsident, der Nazi-Vergleiche in Richtung jedes Landes feuert, das es wagt, anderer Meinung als er zu sein, all das dominiert in diesen Tagen die politische Debatte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan genießt in Deutschland bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei hohe Zustimmungswerte. Frank Plasberg stellte in seiner Sendung "Hart aber fair" daher eine sehr berechtigte Frage: Wie kann es sein, dass man hier, in Deutschland, in Freiheit lebt und Demokratie genießt, aber in der Türkei für Erdogan stimmt, für jenen Mann, der für das Gegenteil von Freiheit und Demokratie steht?

Die Gäste: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der den Mann des Volkes gibt und kundtut, dass er als Mensch über das Thema anders denke als als Minister - als Mensch sei er wütend, als Minister müsse man aber klug handeln; Cem Özdemir (Grüne), der Erdogan einen "Diktator" nennt und gerne zusammen mit türkischen Oppositionspolitikern in Istanbul auftreten möchte; der erst 34-jährige Daniel Zimmermann, Bürgermeister von Monheim am Rhein, in dessen Stadt mit seiner Unterstützung zwei Moscheen entstehen und der kein Problem mit einem Erdogan-Auftritt in seiner Stadt hätte, wenn dort auch der türkische Oppositionschef auftreten würde; die Journalistin Düzen Tekkal, die Erdogan-Anhängern gescheiterte Integration vorwirft und kritisiert, dass diese all jene, die sich in Deutschland integrieren, als "Haustürken" beschimpfen würden; und schließlich Fatih Zingal, Vizechef einer AKP-Lobbyorganisation in Deutschland, der seit einiger Zeit die Last trägt, als einer von zwei Erdogan-Verstehern in Deutschland (neben dem AKP-Abgeordneten Mustafa Yeneroglu) durch die Talkshows zu tingeln.

Die Debatte: Wie immer bei dem Thema, ist der Erdogan-Versteher in der Minderheit. Zingal versucht, die AKP-Fans als Opfer von Diskriminierung darzustellen. Auf die Frage, was er von Erdogans Nazi-Vergleichen halte, antwortet er, solche Vergleiche hätten ja auch schon Jürgen Trittin und Wolfgang Schäuble angestellt. Belegen kann er das auf Nachfrage nicht. Immerhin springt Zimmermann Zingal zu Seite, der als Bürgermeister einer Kleinstadt offensichtlich verstanden hat, dass Politik auch heißt, Versteher und Vermittler zu sein. Er könne jedenfalls "ein Stück weit nachvollziehen", weshalb Leute Erdogan gut fänden. Er spricht die Benachteiligungen an, die Türken in Deutschland erführen: Beim Eintritt in die Disko, bei der Suche nach einer Mietwohnung, und auch in der Bildung hätten sie schlechtere Chancen.

Dürfen Wahlkampfauftritte von AKP-Politikern stattfinden? De Maizière findet: grundsätzlich ja, aber sie müssten korrekt angemeldet werden, nicht als Bücherlesung oder Familienfest, wie kürzlich in der Schweiz. Die polternden Töne Erdogans wertet er nicht als Stärke, sondern als Schwäche - Erdogan habe es anscheinend nötig. Özdemir widerspricht: Erdogan und die AKP-Minister würden mit ihren Auftritten auch gegen türkisches Recht verstoßen. Das nämlich lässt Wahlkampf im Ausland nicht zu. Es müsse mit Blick auf die Volksabstimmung zur Präsidialverfassung am 16. April einen "europaweiten Aufruf" an die Türken geben, für Demokratie - und damit gegen Erdogan - zu stimmen.

In einem Einspielfilm antworten viele in Deutschland lebende Türken, nicht Angela Merkel sei ihre Kanzlerin, sondern Erdogan ihr Präsident. De Maizière warnt vor der Gefahr, dass in der jetzigen aufgeheizten Stimmung in Deutschland integrierte Türken in Richtung Erdogan gedrängt werden könnten.

Was nicht beantwortet wird, ist die eigentliche Frage der Sendung: Warum stimmen Türken in Deutschland für Erdogan? Es bleibt bei der oberflächlichen Feststellung, viele fühlten sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse, seien nicht integriert. Aber wie erklärt das viele weitere Widersprüche, beispielsweise, dass sie plötzlich in Deutschland (und anderswo in Europa) für das Rederecht türkischer Minister eintreten, aber nicht für Meinungsfreiheit in der Türkei demonstrieren? Wieso wählen sie Erdogan, obwohl der Kritiker mundtot macht, politische Gegner ins Gefängnis werfen lässt und als "Terroristen" bezeichnet? Weshalb beklagen sie Diskriminierung und Rassismus, treten aber nicht für Minderheit in der Türkei ein?

Es scheinen Widersprüche zu sein, die niemand zu erklären vermag. Selbst ein Publikumsgast nicht, den Plasberg zwischendurch befragt: Ein Mann, der in Deutschland Abitur gemacht und Architektur studiert hat und nun in Berlin Taxi fährt. Er werde wieder Merkel wählen, sagt er, und in der Türkei sei er für Erdogan. Eine Unvereinbarkeit sieht er da nicht. Warum nicht? Das bleibt unklar.

Aufreger: Wie in fast jeder Talkshow sitzt ein Klatscher im Publikum, der für den Erdogan-Versteher - in diesem Fall also Zingal - applaudiert. Das wirkt albern und nervt so sehr, dass Plasberg ihn direkt anspricht. Aber man muss es verstehen: Wenn man Dinge nicht erklären kann, bleibt manchmal nur, besonders laut zu pöbeln, zu schimpfen, zu drohen - oder eben zu klatschen.

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