"Hart aber fair" zu Flüchtlingen aus Afrika Grotesk ungerecht

Wer ist schuld daran, dass immer mehr Flüchtlinge aus Afrika nach Europa kommen? Um diese Frage ging es bei "Hart aber fair". Fakt: Wir wollen hierzulande die Bodenschätze, die Menschen aber nicht. Und die Lösung?

Moderator Frank Plasberg (re.), Talk-Runde
WDR/ Dirk Borm

Moderator Frank Plasberg (re.), Talk-Runde


Am Ende, nachdem alle Argumente ausgetauscht waren, musste es "auch mal gesagt werden". Und wieder tauchten als Schuldige für die Misere in Afrika die korrupten afrikanischen Eliten auf.

Leider saßen bei "Hart aber fair" nicht Pierre Nkurunziza aus Burundi, Ali-Ben Bongo aus Gabun, Joseph Kabila aus dem Kongo oder andere bizarre Vampire. Sondern nur der eher blutarm wirkende Norbert Röttgen (CDU) für den Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestags zwischen dem Botschafter Péter Györkös für die ungarische Regierung und dem aktivistischen Journalisten Elias Bierdel für das Gute.

"Zäune statt Hilfe - Sind wir selbst schuld an der nächsten Flüchtlingswelle?", wollte Frank Plasberg von seinen Gästen wissen. Jawohl, ausnahmsweise ging es mal nicht um den Nahen Osten oder das nördliche Afrika, nicht um "die ganz normale Flüchtlingsfolklore" (Plasberg). Es ging um Schwarzafrika, wie man früher mit wohlig-rassistischem Schaudern sagte, und damit um das ganz große Fass: "Millionen verzweifelte Afrikaner sind auf dem Absprung!".

Péter Györkös, Norbert Röttgen
WDR/Dirk Borm

Péter Györkös, Norbert Röttgen

Tatsächlich sind weltweit 65 Millionen auf der Flucht, 19 Millionen allein als sogenannte Binnenflüchtlinge in Afrika, davon eine Million bereits in Libyen - also quasi schon am Gras-Verticken im Volkspark Hasenheide. Was, wenn die alle kommen? Und was, wenn die alle wollen, was wir schon haben? Das sind so die Fragen, die der AfD ihre Wählerinnen und Wähler zutreiben.

Bei Plasberg kam eine dieser ominösen Schreckensgestalten per Einspieler zu Wort. Es war der sehr sympathische Bilal Kamara aus dem nicht ganz so sympathischen Sierra Leone. Alle seine Freunde, erzählt der junge Mann, träumten von der Auswanderung nach Europa, denn: "Afrika ist schwierig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Leiden in Europa mit dem in Afrika zu vergleichen ist. Europa kann nicht schwerer sein als Afrika."

Und deshalb würde auch Bilal Kamara, hätte er die Mittel, sich auf den Weg machen. Ganz gleich, wie hoch der Zaun in Ceuta oder der Seegang vor Lampedusa auch sein mag. Was der ungarische Botschafter zum Anlass nahm, einen originellen Gedanken zu äußern: "Europa", so Györkös, "wird nicht in der Lage sein, alle Probleme Afrikas zu lösen."

Elias Bierdel wies darauf hin, dass Europa an den Problemen Afrikas nicht ganz unschuldig ist. Die Welt sei "grotesk ungerecht organisiert", und wir hielten uns für die Gewinner. Angela Merkels jüngste Einlassungen, von manchen als "Zurückrudern" bezeichnet, nannte Bierdel "ehrlich". Wir hätten so getan, "als würde uns das nichts angehen", tut es aber doch. Die Ausbeutung eines an Rohstoffen so reichen Kontinents ist da nur ein Aspekt. Das geplante "Freihandelsabkommen" zwischen der EU und afrikanischen Staaten ist ein anderer, noch wesentlich empörender Aspekt.

ARD-Korrespondentin Shafagh Laghai
WDR/Dirk Borm

ARD-Korrespondentin Shafagh Laghai

Angesichts dieses "Irrsinns" gab sogar Frank Plasberg seine Äquidistanz auf, und ARD-Korrespondentin Shafagh Laghai erklärte, was die ungleiche "Partnerschaft" schon heute bedeute. Dass nämlich die EU künftig sogar zollfrei tiefgefrorene Schlachtabfälle nach Ghana exportieren könne und damit den dortigen Bauern unterbiete, der in seiner Heimat nur noch einen Markanteil von zehn Prozent halte - am Markt für Hühnerhälse, Hühnerflügel oder Hühnerfüße, wohlgemerkt. Bei Coltan oder Diamanten dürfte es nicht viel fairer zugehen.

"Ein Zaun funktioniert, wenn man wegschaut"

Auch der Klimawandel, führte Bierdel aus, ist nicht eben auf afrikanische Schwerindustrie zurückzuführen - die blutigen Umwälzungen rund um den Tschad-See aber sind eine sehr konkrete Folge dieses Wandelns. Györkös beharrte auf seiner Position des "sowohl als auch". Zäune müssten sein, um eine Staatlichkeit zu bewahren, die erst die Voraussetzungen für humanitäres Handeln schaffe.

Da konnte der Bundesligaprofi Neven Subotic nur noch schmaler lächeln als sonst schon. Mit seiner Stiftung baut er Brunnen in Afrika und sagte: "Ein Zaun funktioniert, wenn man wegschaut", und Zäune förderten den Extremismus auf beiden Seiten. Worauf der ungarische Diplomat, schon rein historisch ein Experte für Zäune, ausführte, es sei ein Unterschied, ob ein Zaun "europäische Völker trennt" oder schützt.

Auch möchte Györkös "nicht Festung sagen, sondern Schengen-Europa". Und sein Land sei nun einmal, um diesen schönen magyarischen Begriff einzuführen, auch in deutschem Interesse der "Burgkapitän" (Várkapitány) Europas. Hier werde eine Außengrenze geschützt, man möge sich doch bitte einmal Calais anschauen. Oder die Zuschüsse, die auf der Konferenz von Bratislava für den neuen bulgarischen Grenzzaun beschlossen worden seien.

Neven Subotic, Elias Bierdel
WDR/Dirk Borm

Neven Subotic, Elias Bierdel

Röttgen, um einen Mittelweg bemüht, behauptete: "Ein Lernprozess hat eingesetzt, definitiv". Es gehe nicht mehr um Mitgefühl, sondern um eigenes Interesse. Abwenden, abschotten und den "eigenen Wohlstand genießen" - dieser Bequemlichkeitsegoismus funktioniere nicht mehr. Es bräuchte nun dringend dies und das, einen neuen Ansatz in der Entwicklungspolitik nämlich.

Sind wir in Europa nicht selbst schuld an der neuen "Flüchtlingswelle"? Ja, sind wir

Leider, so Röttgen, gäbe es da ein Problem mit den Ansprechpartnern vor Ort. Geld versickere dort schneller als Wasser aus einer von Subotic gebohrten Quelle. Worauf Bierdel gereizt nachfragte, ob denn der Korrupte wirklich korrupter sei als derjenige, von dem er bestochen werde. Schon heute hingegen würden die Rücküberweisungen von in Europa arbeitenden Afrikanern die komplette Entwicklungshilfe für die betreffenden Länder bei Weitem in den Schatten stellen.

In der Grundfrage, ob wir selbst schuld seien an einer womöglich bevorstehenden neuen "Flüchtlingswelle", herrschte bedrückende Einigkeit. Ja, sind wir. Dissens gab es nur in der Frage, wie dem zu begegnen sei. Györkös könnte sich nach australischem Vorbild sogar Internierungsinseln vorstellen, Lesbos beispielsweise.

Allerdings nur für Wirtschaftsflüchtlinge, denn: "Es gibt kein Grundrecht auf ein besseres Leben." Eine interessante These, für die er von den Pierre Nkurunziza, Ali-Ben Bongo, Joseph Kabila oder auch Christine Lagarde sicher Zustimmung geerntet hätte - die in dieser Runde aber keinen rechten Anklang fand.

Laghai informierte den Diplomaten über die Tatsache, dass unser "gutes Leben" in direktem Verhältnis zu deren schlechtem Leben steht. Und Subotic ergänzte, wir würden - Zaun hin, Zaun her - unseren Lebensstandard früher oder später anpassen müssen. Darauf Györkös, entwaffnet: "Und wie wollen Sie das den Wählern erklären?" Und das ist das Problem.

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