Flüchtlingstalk bei "Hart aber fair" "Die kann man nicht mit Wattebällchen behandeln"

Sind Flüchtlinge zu faul für den deutschen Arbeitsmarkt? Bisweilen vermittelte der TV-Talk bei Frank Plasberg diesen Eindruck. Dabei war diesmal gar kein AfD-Vertreter im Studio.

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Moderator Plasberg (r.) mit Gästen
WDR/Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit Gästen


Zur Sendung: Gerade erst hat eine neue Umfrage gezeigt: Nur elf Prozent der Deutschen wollen Flüchtlinge weiterhin ohne Begrenzung aufnehmen. 52 Prozent der Befragten gaben an, Integration werde nur gelingen, wenn der Zuzug begrenzt werde. Frank Plasberg widmete sich dem Thema am Montagabend, das Motto der Sendung: "Jung, männlich, ungebildet? Der Integrations-Check".


Keine Frage: Es war maßvoller Abend. Ausnahmlos waren die Gäste um eine lösungsorientierte Argumentation bemüht. Kein AfDler war dabei, an dem sich die anderen Gäste hätten abarbeiten müssen. Und doch war der Plasberg-Runde anzumerken, dass der Rechtspopulismus die deutsche Flüchtlingsdebatte stramm im Griff hat.

Schon bei der Anmoderation führte Frank Plasberg - ganz ironiefrei - "Pünktlichkeit und ranklotzen" als Charakteristika "unserer Arbeitswelt" an.

Ist das nicht eigenartig? Sind wir nicht seit Jahrzehnten dem Gequatsche über deutsche Tugenden entwachsen? Ist nicht immer von Work-Life-Balance und Burn-out-Prophylaxe die Rede, wenn wir über die Gegenwart und Zukunft des Arbeitens sprechen? Denkste! Wenn es darum geht, Flüchtlingen zu erklären, wie der Laden hier läuft, sind wir ganz schnell wieder bei den Kampfbegriffen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Über der Sendung lag ein Generalverdacht

"Jung, männlich, ungebildet? Der Integrations-Check bei hart aber fair!" lautete der Titel der Sendung. Er hätte auch "Germany - ein Bootcamp für faule Orientalen" heißen können, denn das war der Generalverdacht, der über der Sendung lag. Per Einspieler erfuhren wir von einem gescheiterten Experiment in der Brandenburger Kleinstadt Templin, wo wohlmeinende Unternehmen Geflüchteten Praktika angedient hatten und man feststellen musste: Achtzig Prozent halten nicht durch, steigen schnell wieder aus.

Ein junger Syrer erklärt vor der Kamera seinen Praktikumsausstieg: Er habe acht Stunden lang Holzleisten von der einen auf die andere Seite schleppen müssen, das sei er nicht gewohnt, in seiner Heimat habe er als Bankangestellter gearbeitet. Außerdem sei er abends zu müde fürs Fußballtraining gewesen.

Zu müde zum Fußballspielen? Ha! Das war natürlich der Aufreger des Abends, eine herrliche Startrampe etwa für die Tiraden von Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. "In Deutschland schwitzt das T-Shirt nicht von alleine!", hatte Hück gleich zu Beginn der Show ausgerufen. Einmal mehr bewährte sich der frühere Profikampfsportler, der im Kinderheim aufgewachsen ist, als Merkspruch-Lieferant erster Güteklasse. "Die Jugendlichen brauchen Ansagen. Die kann man nicht mit Wattebällchen behandeln, die müsse' schwitze'!", erklärte er und dass man in Deutschland "zum Taxifahren keinen Master" brauche.

Wirklich männlich und jung?

Das waren Aphorismen von begrenztem Erkenntniswert, aber effektvoll. So war zum Beispiel völlig fraglos mal wieder klar, dass Deutschlands Flüchtlingsproblem in erster Linie jung und männlich ist. Warum eigentlich? Ein Faktencheck hätte ergeben, dass keineswegs - wie häufig kolportiert - die Mehrheit der nach Deutschland Geflüchteten junge Männer sind: Nur ein Drittel sind zwischen 18 und 30 Jahre alt und männlich. Bleiben über zwei Drittel, die man vielleicht nicht in erster Linie durch Holzleistenschleppen in den Arbeitsmarkt scheuchen kann.

Nehmen wir Clement, den Asylbewerber aus Ghana, Hauptfigur in einem weiteren Plasberg-Einspielfilm: Eigentlich ein Idealfall in Sachen Integration - von einer deutschen Familie aufgenommen, mit einem Ausbildungsplatz in einem Malereibetrieb. Bloß: Der Junge ist zu eifrig, will immer alles schleppen und seinen Vorgesetzten recht machen. "Clement verhielt sich wie ein Dienstbote, genau das wird nämlich in Ghana von einem Lehrling verlangt", klagt sein Chef. "Wir haben dem Clement gesagt: Wir sind hier ein Team."

Mal ist der Flüchtling zu faul und unmotiviert, mal ist er übereifrig und zu servil: Ja, wir Deutschen sind schon ein anspruchsvolles Völkchen, wenn es um das Wohlverhalten am Arbeitsmarkt geht.

Die bayerische Arbeitsministerin Emilia Müller von der CSU, berühmt geworden durch ihre charmante Face-to-Face-Abschiebe-Rhetorik, gab sich ungewöhnlich mild ("Es gibt kein Patentrezept für Integration. Wir müssen alles neu denken.").

Grünen-Parteichef Cem Özdemir wiederum ließ sich was ganz Neues einfallen zum Thema Integration. Egal wie die Bleibeperspektive sei, in jedem Fall sollten die Flüchtlinge deutsch lernen. "Schadet ja niemandem, wenn er deutsch lernt, selbst wenn er abgeschoben wird", so Özdemir.

Abgeschoben, aber integriert: Ein innovativer grüner Vorschlag zum Thema Migrationspolitik.

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