Neuauflage des Gender-Talks bei "Hart aber fair" Um Argumente ging es auch diesmal nicht

Nach Turbulenzen um die letzte Sendung zum Thema gab es bei "Hart aber fair" ein Rückspiel zur Gleichstellungsfrage - mit einem weniger tendenziösen Schiedsrichter, bewährten Spielern und bekannten Fehlern.

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Oliver Ziebe/WDR/dpa

Lustig wäre es gewesen, wenn alle Beteiligten noch einmal exakt das Gleiche gesagt hätten wie in der ersten Sendung zum Thema ("Nieder mit dem Ampelmännchen - Deutschland im Geschlechterwahn?"). Angeblich sollte es diesmal, nach zahlreichen Beanstandungen der Qualität der Sendung vom März, mehr um Geschlechtergerechtigkeit gehen und weniger um Anton Hofreiters vermeintlich weibischen Hang zu Pralinen.

Leider bemühte sich WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn gleich zu Beginn höchstpersönlich darum, das Debakel um die fragwürdige Löschung und anschließende Wiedereinstellung des Hinspiels aus der Mediathek zu einem Triumph der Pressefreiheit umzudeuten. Womit "Hart aber fair" die ersten 20 Minuten auf dem völlig falschen Gleis um sich selbst im Kreis fuhr, anstatt zur Sache zu kommen.

Dabei waren alle Kontrahentinnen und Kontrahenten wieder an Bord. Im Namen der Gegner allzu geschwinder Gleichmacherei stiegen erneut die konservative Publizistin Birgit Kelle und der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki - diesmal noch provokanter mit wölfischem Dreitagebart - in den Ring. Im Lager der Befürworter einer beschleunigten Verbesserung der Welt standen einmal mehr die Bloggerin und Aktivistin Anne "Aufschrei" Wizorek und Anton Hofreiter.

Hofreiters erfrischende Bräsigkeit

Während die Konservativen mit Sophia Thomalla ihre Ersatzspielerin beibehielten, trat das progressive Team deutlich verstärkt auf - durch Sybille Mattfeldt-Kloth vom Landesfrauenrat Niedersachen. Die Eingewechselte repräsentierte nicht nur Interessengruppen wie Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftrage, die mit ihren Programmbeschwerden die erste Sendung aus dem digitalen Archiv gekegelt hatten. Sie war auch von ihrer angriffslustigen Rechtschaffenheit so beschwipst, dass sie immer mal wieder über Details stolperte und damit den Ball vertändelte. Im Grundgesetz steht eben nicht, Frauen und Männer seien "gleich", sondern "gleichberechtigt".

Ein Kubicki merkt sowas, und eine Kelle lässt sich davon zu ihren gewohnten Keilereien hinreißen: "Frauen wie Sie sind schuld daran, dass das mit der Frauenbewegung nie was wird!" Mattfeldt-Kloth prompt: "Ach was!" In solch aufgeheizter Atmosphäre wirkte sogar Hofreiters übliche Bräsigkeit erfrischend. Er war der Einzige an diesem Abend, der ständig etwas "mal nüchtern anschauen" wollte.

Auch machte Hofreiter sich wiederholt die Mühe, Leuten den Unterschied zwischen Gender-Studien und Gender-Mainstreaming zu erklären, die von diesem Unterschied nichts wissen wollen. Leider schien er selbst den damit verbundenen Mühen nicht gewachsen. Wenn "eine Frau Bundeskanzler wird", ist das dann tatsächlich auf das "kritische Hinterfragen von Konventionen" sozial konstruierter Geschlechtlichkeit zurückzuführen? Auch Fortschritte wie hellere Parkhäuser oder spezielle Kniegelenke für Frauen stellte Hofreiter generös der Genderforschung in Rechnung, nicht etwa der Psychologie oder der Orthopädie - worauf Kelle auftrumpfte, Frauen hätten mitnichten ein "soziales Knie", sondern ein weibliches.

Die Konservativen argumentierten für einen radikalen Feminismus

Immerhin überraschte Thomalla mit der Erkenntnis, dass es wirklich so etwas gibt wie einen Einkommensunterschied zwischen Mann und Frau. Überhaupt kamen, je länger man zuhörte und sofern man das im Stimmengewirr überhaupt unterscheiden konnte, aus dem Lager der Konservativen die zwingenderen Argumente für einen radikalen Feminismus. Vor allem von Kelle, die sich durch soziologische Forschungen persönlich angegriffen fühlt, so generell als Frau und speziell als mehrfache Mutter. Es wäre nicht weiter aufgefallen, hätte sie auf dem Tisch hübsch gerahmte Fotos ihrer Kinder aufgestellt.

Um Argumente freilich ging es auch diesmal nicht, sonst hätte man Anne Wizorek wenigstens einmal ausreden lassen können. Ebenso wenig ging es um Phänomene, die in Ermangelung deutscher Begriffe dafür neuerdings "hate speech" oder "harassment" genannt werden müssen. Sonst wäre Frank Plasberg in einen feurigen Monolog von Mattfeldt-Kloth wohl kaum mit der charmanten Frage hineingegrätscht: "Flirten Sie etwa mit mir? Ich habe blaue Augen!"

Ansonsten machte Plasberg den fahrigen Eindruck eines Schülers, der auf Anweisung des Fernsehdirektors eine Klassenarbeit wiederholen muss - und doch weiß, dass seine Versetzung nicht gefährdet ist. Mehrfach streute er Asche auf sein Haupt, bedauerte "redaktionelle Fehler von uns", zitierte aber am Ende doch noch aus der alten Sendung, denn "da war nämlich nicht alles schlecht". Das erzwungene Nachspiel verkaufte er schließlich als "ungewöhnliches Fernsehexperiment".

Da die Sendung das wichtige Thema wieder um mindestens sechs Monate zurückgeworfen und auch seinem lädierten Renommee nicht wirklich geholfen hat, muss das Experiment als gescheitert gelten. Anlass genug für eine dritte Runde und immer so weiter, bis endlich alle zufrieden sind.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 179 Beiträge
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Skarvig 08.09.2015
1.
Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen gibt es nicht. Wie in dem Artikel bereits richtig dargestellt sind Männer und Frauen gleichgestellt. Sollte eine Frau also weniger Gehalt als ein Mann erhalten, nur aus dem Fakt heraus das es sich um eine Frau handelt, so ist dies direkt vor Gericht zu bringen. Das Frauen vielleicht schlechter in Gehaltsverhandlungen sind so ist das noch keine Diskriminierung sondern einfach nur Pech und selbstverschuldetes zu kurz kommen.
DanielaMolloy 08.09.2015
2. Die erste Misere zum Nachlesen
Hier noch ein netter recap zur letzten Sendung: http://mathior.tumblr.com/post/112889709719/wie-ich-einmal-eine-debatte-im-ersten-sah
diefetteberta 08.09.2015
3. Zahlung einstellen
Die Bürger sollten einfach die Zwangsabgabe an den ÖR nicht bezahlen, dann erledigt sich das Ganze von alleine. Es ist ja schon eine Frechheit, dass aus den Zwangsabgaben noch goldene Pensionen (T. Buhrow) und Millionenschwere Abfindungen (Gottschalk) bezahlt werden. Niemand braucht diese PR-Agentur der Regierung.
schlipsmuffel 08.09.2015
4. Der nicht..
ganz gelungene Versuch von Herrn Frank, die Sendung zu diskreditieren. Immerhin merkte jede/r der die letzte Sendung gesehen hatte, wie berechtigt und gekonnt Herr Kubicki die Frauenbeauftragte auseinandernahm, da ändert auch der hämische Einwurf über den "Drei-Tage-Bart" nichts dran. Ansonsten haben sich die Frauenbeauftragte und die #Aufschrei-Jüngerin nur lächerlich gemacht, sowohl durch mangelnde Diskussionsdisziplin wie auch durch fehlende Argumente. Hofreiters Durchstottern durch die Sendung ( er hatte nichts zum Ablesen dabei wie im Bundestag!) trug ein Übriges zum Mißlingen bei. Einzig Frau Kelle hatte Argumente und Frau Thomalla sah wenigstens sehr gut aus!
ZarZ 08.09.2015
5. Der Typ vom Frauenrat
vertrat ein bemerkenswertes Frauenbild: Frauen heiraten den, der viel Geld verdient, unterstellte Mattfeldt-Kloth auch der nicht anwesenden Frau Kubicki. Was Herr Kubicki verständlicherweise unverschämt fand. Und Plasberg ließ die Dame schwafeln und beleidigen. Nix wie raus aus der Mediathek! Schönenborn wird auch das wieder schönreden.
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