"Hart aber fair" zu Griechenland "Die Jungs von Syriza zum Teufel jagen"

In Frank Plasbergs Talkshow zur Griechenlandkrise war es vor allem ein Journalist, der Klartext redete. Merkels Minister Peter Altmaier blieb da meist nur ein gequältes Lächeln.

Von

WDR

Rolf-Dieter Krause, dem ARD-Publikum seit vielen Jahren als ebenso sachkundiger wie besonnener Korrespondent in Brüssel vertraut, zeigte sich hellauf empört. "Die Jungs von Syriza", seien "so was von verantwortungslos", dass man sie "zum Teufel jagen" müsse. Das war die mit Abstand deutlichste Antwort auf Frank Plasbergs Frage, ob denn nicht aus der Sorge um Griechenland erst Ärger und nun blanke Wut geworden sei.

Da schien vor allem Kanzleramtschef Peter Altmaier zusammenzuzucken, der sich kurz zuvor im üblichen Beschwichtigungsmodus ("Die Tür ist nicht zu") mühsam zu dem dezenten Bekenntnis hatte durchringen können, er sei wegen der neuen Lage "ein bisschen traurig."

Ein erstes Mal hatte er bereits schlucken müssen, nachdem er unschuldsvoll zu Protokoll gegeben hatte, man habe sich einfach nicht vorstellen können, dass die Tsipras-Regierung die Verhandlungen so abrupt beenden würde. Prompt hielt ihm FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff vor: "So etwas muss man sich aber vorstellen können!" Schließlich sei Syriza für genau diesen Kurs gewählt worden. Nun räche sich Kanzlerin Merkels Politik des Haltens um jeden Preis. Viel zu lange sei verhandelt worden. Das ewige Weiterwurschteln müsse ein Ende haben.

Talkshow als Gesprächstherapie

Und seiner Europa-Kollegin Ska Keller von den Grünen, die unverdrossen die Fahne der Hilfen für Hellas hochhielt - Hauptargument: der Grexit werde noch teurer - attestierte der Liberale: "Sie haben wenigstens noch eine Haltung", um im selben Atemzug ziemlich gnadenlos dem Kanzlerin-Getreuen zu verstehen zu geben: "Bei Ihnen sehe ich die nicht."

Das ganze Dilemma, fast schien es sich zeitweilig in der Person des Peter Altmaier zu verkörpern, dessen Lächeln zunehmend gequält wirkte. Die tatsächlich nicht nur ein bisschen traurige Erkenntnis, dass das Griechen-Drama dabei ist, sich zum Trauerspiel für ganz Europa zu entwickeln, geriet zur Quintessenz dieser "Hart aber fair"-Ausgabe, die von Moderator Plasberg eine Spur zu vollmundig als "Bürger-Check" angekündigt worden war.

Auch wenn ein paar Zuschauer mehr zu Wort kamen als sonst, wurde es letztlich dann doch eine der inzwischen üblichen und dennoch immer wieder überraschenden Talkshows zum Dauerthema - überraschend deswegen, weil der Redebedarf offenbar unvermindert groß ist. Nicht nur, weil es immer neue Fragen gibt wie etwa jene leicht skurrile, was wortgenau eigentlich Gegenstand des griechischen Referendums sein soll. Oder wie es weitergeht, wenn Tsipras scheitert. Was aus Europa wird, wenn infolge des Glaubwürdigkeitsverlust rechte wie linke Radikale weiter erstarken. Und wie es sich etwa mit den anderen, den jungen Pro-Europäern verhält, wenn ihre Erwartungen enttäuscht zu werden drohen.

Fast könnte man meinen, Griechenland-Talkshows erfüllten mittlerweile eine Art stellvertretende gesprächstherapeutische Funktion für die auch in Deutschland zunehmend irritierte Gesellschaft. Und immer mal wieder findet sich jemand, der gewisse Dinge noch einmal besonders zu pointieren weiß, indem er beispielsweise als versierter Brüssel-Experte aus dem Nähkästchen plaudert und verrät, praktisch jeder der Verhandlungspartner sei von den Tsipras-Leuten "mehrfach belogen und hinters Licht geführt" worden.

Der Zorn des Rolf-Dieter Krause

Für die entsprechende Abteilung "Klartext" war an diesem Abend kein Politiker zuständig und auch nicht Finanzfachmann Hermann-Josef Tenhagen, selbst wenn der zunächst fand, Europa mache sich lächerlich, zum Schluss aber dann ein entschiedenes Credo zum kontinentalen Projekt des "zivilisatorischen Fortschritts" ablegte und im Übrigen langfristige Aktienanlagen empfahl.

Die rhetorischen Highlights setzte Korrespondent Krause in seinem nicht unbedingt nur heiligen Zorn und warb, wie kürzlich schon, unverblümt für die Möglichkeit des Rauswurfs aus der EU. Ein "Mistkerl" gehöre nun mal aus dem Team gefeuert, meinte er, auch mit Blick auf Regierungen wie die ungarische. Und leider gebe es in Europa, das auch für ihn immer noch "eine große Sache" sei, zu viele Feiglinge.

Das ging, als Zitat der Sicht aus Nachbarländern, auch an die eigene, die deutsche Adresse. Den Agenda-Kanzler Schröder hätten die Bundesbürger wegen seiner harten Reformen schließlich abgewählt, während Nachfolgerin Merkel für ihr diesbezügliches Nichtstun mit hohem Ansehen belohnt werde.

In diesem Moment wirkte das Lächeln des Ministers Altmaier ganz besonders säuerlich.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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goodcharlotte 30.06.2015
1. Plasberg
Sowohl bzgl. der Gäste als auch hinsichtlich des meinungsstarken Einmischens und Unterbrechens weiblicher Gaeste (Ulrike Guerot) von Plasberg ist die Sendung nicht mehr tragbar, spätestens der unsaeglichen Farce mit Sofia Tomalla (warum wird jemand absolut kenntnislos zum Thema eingeladen?).
Kompromiss 30.06.2015
2.
Merkel hat bisher rein gar nichts auf die Kette gebracht. Sie ist eine Verwalterin und keine Gestalterin. Ihr fehlt jegliche Vision. Ihre Regierungsposition lautet Machterhalt um jeden Preis, auch wenn dies bedeutet gegen Völkerrecht und Grundgesetz zu handeln. Der deutsche Michel fällt trotzdem immer wieder darauf herein. Alternativen sind allerdings dünn... Im Übrigen hat ihr Ziehvater Kohl den Großteil an Schild der aktuellen Lage, nämlich der Fehlkonstruktion des Euro. Er hatte vermutlich den Hintergedanken, dass wenn die Euro-Länder keine Möglichkeit des Austritts oder Rauswurfs haben, würde es zu mehr Europa kommen. Also zu einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Dafür hätte es aber einer mutigen Führung bedurft. Mut ist für Merkel aber eher ein Fremdwort.
tasos 30.06.2015
3. Keiner darf das...
.. nicht mal ein Journalist. Es ist der absolute grotesk Theater, eine Regierung mit "Jagen" zu drohen, weil sie (wirtschaftlich) uns nicht passt. Das ist eine verantwortungslose Aussage die die Luft vergiftet. Ist eine souveräne Entscheidung falsch? Ist die demokratische Ordnung einfach lächerliche Banalität? Können die Märkte mehr Rolle spielen als die Politik? Die Antwort ist natürlich "Nein". Sowas darf es nicht geben und man muss diesen journalistischen und politischen Extremismus ueberall (nicht nur zum Teufel) jagen...
gibraldo 30.06.2015
4. nötige distanz?
Also ich wundere mich schon seit einiger Zeit, wo denn die nötige Distanz unserer GEZ-Medien bleibt, wenn es um Griechenland geht. Herr Krause ist Korrespondent bei der EU und bezeichnet den Staatspräsidenten eines EU-Mitgliedstaates öffentlich als Mistkerl?! Wo leben wir denn? Für mich ist das ein Entlassungsgrund. Man kann privat von Herrn Tsipras halten was man möchte aber Beleidigungen in die deutschen Wohnzimmerstuben hinauszuposaunen helfen da sicher nicht weiter.
galbraith-leser 30.06.2015
5. Herr Krause möge sich trösten
Auch ein Helmut Kohl wurde abgewählt. Die Deutschen sind langsam und dumm, aber kein hoffnungsloser Fall. Auch Angela Merkels Tage werden zu Ende gehen - je länger sie allerdings im Amt bleibt, desto härter werden hinterher die Einschnitte, um die teure Rettungspolitik von Frau M. zu bezahlen. Einen Teil der Rechnung begleichen die Sparer in diesem Land seit Jahren in Form von Niedrigzinsen und Euro-Abwertung, was die Kaufkraft in Ländern wie den USA, GB, Schweden, Dänemark und Schweiz verringert.
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