"Hart aber fair" zum Jamaika-Aus Die Gescheiterten finden sich selbst richtig gut

Wenn die Jamaika-Sondierungen so gelaufen sind wie die kindische Debatte in Frank Plasbergs Talkshow: Tja, dann konnte das ja auch nichts werden.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Oliver Ziebe

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

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Am Sonntag moderierte eine unglückliche Anne Will noch im Limbus kurz vor Abbruch der Sondierungen. Keiner der Gäste wusste etwas, niemand konnte etwas sagen. Nun leitete ein vergnügter Frank Plasberg die erste abendfüllende Talkshow nach dem Untergang von Jamaika - eine Gelegenheit für die Beteiligten, an ihrer jeweils eigenen Erzählung zu stricken. Titel der Sendung: "Die Gescheiterten - Wer kann uns jetzt regieren?"

Die Vertreter der Union waren in dieser Hinsicht besonders entspannt. Paul Ziemiak, Bundesvorsitzender der Jungen Union, nimmt das Aussteigen der FDP sportlich zur Kenntnis, als Seitenhieb auf Christian Lindner hat er sich lediglich einen FDP-Slogan aus dem Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen zurechtgelegt: "Nichtstun ist Machtmissbrauch." Ansonsten habe die Kanzlerin die Verhandlungen tadellos bis brillant geführt, ihre fixe Selbstkrönung zur kommenden Kanzlerkandidatin ist derzeit kein Problem für die sonst so abrechnungsfreudige Junge Union.

Kollegin Dorothee Bär, Staatssekretärin der CSU, gibt sich gefühlvoller und tut enttäuscht. Von Lindner persönlich, von der FDP im Allgemeinen. Aber auch von den Sozialdemokraten: "Wir erwarten weltweit in vielen Krisengebieten von wirklich militanten Gruppen, sich mal zusammenzusetzen", so Bär mit Blick auf den wirklich militanten Ralf Stegner, stellvertretender Parteivorsitzender des Krisengebiets SPD.

Stegner wiederum möchte im Wettbewerb um die staatstragendste Haltung mitmischen: "Vier Leute streiten sich hier, und der Fünfte soll schuld sein?" Das findet er schon "etwas merkwürdig", bevor er noch einmal die Haltung seiner Partei referiert. Keine Große Koalition, gerne Neuwahlen mit geschärftem Profil der SPD, die sei nämlich geschlossen: "Was die CSU im Moment darbietet mit dem Herrn Söder und dem Herrn Seehofer und wie die alle heißen, das ist ja ein Volksschauspiel! Volksschauspiel!" Also ein Volksschauspiel.

Video zu Akteuren im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte

Während also Stegner sich in seiner Rolle als Waldorf und Statler in Personalunion richtig wohlfühlt, hat Nicola Beer die unbequemste Rolle des Abends. Nein, beteuert die FDP-Generalsekretärin auf Nachfrage von Plasberg, sie sei "nicht erleichtert" über das Ende der Sondierungen, "eher doch ein bisschen enttäuscht". Sie spricht von "Querschüssen von außen" sowie "atmosphärischen Störungen".

Wie die FDP die Geschichte erzählt

Beer erzählt die Geschichte einer FDP, die sich nicht hat verbiegen lassen oder an der Nase hat herumführen lassen. Plasberg erinnert sich: "Christian Lindner guckte nach der Wahl so traurig, weil er plötzlich regieren sollte. Man musste ihm ein Piccolöchen hinschieben, damit er merkt, dass er eigentlich ein Wahlsieger ist". Beer geht darauf nicht ein.

Auch weitere Fragen, ob der Abbruch der Sondierungen nicht eine Inszenierung gewesen sei, perlen an Beer ab wie Wasser vom Federkleid einer Ente: "Sie unterstellen die ganze Zeit parteitaktische Beweggründe, so ist es aber nicht gewesen", erzählt Beer, und die ganze Runde schmunzelt - bis auf Robin Alexander von der "Welt": "Wenn Lindner gute Gründe hat, ist es doch völlig legitim, wenn er einen guten Moment zum Ausstieg sucht." Allerdings, führt er aus, hätte Lindner das schon vor Wochen tun können.

"... was Frau Merkel in den vergangene Wochen durchgemacht hat"

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Grünen, verweist noch einmal darauf, dass ein gutes Gelingen "zum Greifen nah" gewesen sei. Beer widerspricht, Peter beharrt, und für wenige Minuten sind wir wieder in den Verhandlungen, geht es um Vorratsdatenspeicherung und Geld für Digitales. Plasberg: "Wir bekommen gerade einen Eindruck davon, was Frau Merkel in den vergangenen Wochen durchgemacht hat."

Peter schwimmt und schlingert derweil weiter. Als Unsinn bezeichnet sie Alexanders Vorwurf, die Grünen hätten bei der Zuwanderung ihre Prinzipien verraten und nennt ausgerechnet die FDP-Dame als Gewährsfrau: "Wir haben das humanitäre Grundrecht auf Asyl verteidigt, das kann Frau Beer bestimmt bestätigen." Nicht auszuschließen, dass die Kompromissbereitschaft der Grünen-Delegation noch ein Nachspiel haben wird.

Plädoyer für mehr Fröhlichkeit

Apropos Nachspiel: Wie es weiter geht? Werner Patzelt, Politikwissenschaftler in Dresden und als externer Experte geladen, wäre auch bei einer Minderheitsregierung "zuversichtlich". Überhaupt plädiert er für mehr Fröhlichkeit, aufhören würde "das nachgerade arrogante Durchregieren". Natürlich seien auch Neuwahlen eine Option, die der Bundespräsident wählen könne - der erlebe gerade eine "Sternstunde" des Amtes.

Stegner will sich nicht entlocken lassen, mit wem die SPD in diesem Fall antreten würde - und mokiert sich über Merkel, die sich sofort in Stellung gebracht hat. Alexander stellt fest, dass Merkel die CDU während der Sondierungen "so nah wie nie an die Grünen und so nah wie schon lange nicht mehr an die CSU" herangeführt habe: "Eine Regierungsbildung nicht hinkriegen und trotzdem in der Wahrnehmung der eigenen Leute gut dastehen", das müsse man erst einmal hinbekommen.

Alle Gescheiterten, so die allgemeine Großerzählung dieses Abends, finden sich selbst richtig gut, sind geschlossen, konstruktiv, verantwortungsvoll und könnten Deutschland regieren. Es stehen uns also rosige Zeiten bevor.

insgesamt 87 Beiträge
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norbert_blüm 21.11.2017
1.
Ich denke Frau Simone Peter kommt in Ihrem Artikel viel zu gut weg. Welcher Mensch soll denn nicht verstehen können dass die FDP die Flucht ergriffen hat wenn er das Theater von der Grünen gestern gesehen hat. Die Erklärung der FDP warum es zum scheitern kann erscheint mir zumindest nun sehr schlüssig.
mat_1972 21.11.2017
2.
So geht Talkshow..... Ein klitzekleines Beispiel: Die CSU-Bär meckert minutenlang rum, dass die SPD im Falle von Neuwahlen nicht wissen würde, wen sie als Spitzenkandidaten aufstellen würde und macht den Stegner fast schon persönlich dafür verantwortlich...... Im Gegenzug wird sie 30 Sekunden gefragt, ob Seehofer denn im Falle von Neuwahlen für die CSU ganz oben steht.... und ihre Antwort: Jaja, das müsse man sehen wenn es soweit ist. Es wird auf jeden Fall ein starker Vertreter sein..... So läuft das: Andere versuchen zu diskreditieren obwohl man selbst nicht besser ist. Mein Highlight am Abend war ein Satz von Herrn Alexander: "Unterbrechen Sie mich nicht! Ich bin Journalist und kein Politiker". Schöner kann man diesen Politkarneval nicht zusammenfassen. Zudem: Warum hacken alle auf FDP rum? Das ganze Ding war von ANFANG an eine Totgeburt. Er hats nur beendet. Albernes Kasperletheater!
fakenews_12 21.11.2017
3. Die FDP
Also dass dieser Abgang von CL nicht inszeniert war kann ich mir nur schwer vorstellen.. Es ist kein Zufall dass zwei Minuten später der gleiche Spruch auf Twitter im schönen FDP Design erscheint
Ralf1234 21.11.2017
4. Interessante Infos zu den Grünen
Der interessanteste Punkt war eigentlich der, als es darum ging ob die Grünen bei Neuwahlen wieder auf Ihre Vor-Sondierungs-Prinzipen zurückrudern können oder nicht. Insbesondere haben Sie wohl zugestimmt die Maghrebstaaten zu sicheren Herkunfstländern zu erklären. Desweiteren ist die CSU-Obergrenze auch akzeptiert worden.Frau Peters kam sichtlich ins Schwimmen und wurde (zu) schnell von Herrn Plasberg erlöst. Schade dass die Kompromisslinien der Grünen nicht weiter behandelt wurden. Wenn Sie nahezu alles auf dem Altar der Macht zu Opfern bereit sind, dann ist diese Partei für einen linken Grünen nicht mehr wählbar
tinnytim 21.11.2017
5.
Ich habe glaube eine andere Sendung gesehen. Die war nämlich - wenigstens in der ersten Hälfte - ziemlich gut. Alexander von der Welt hat übrigens nicht nur ausgeführt, dass die FDP schon früher hätte aussteigen können, sondern, dass bei der Begründung zum Ausstieg er es für fadenscheinig hält, erst nach vier Wochen auszusteigen. Interessamt war auch die Einhelligkeit von CSU und Grüne, wie sie sich über das Verhalten der FDP gewundet haben. Das kann man aber vielleicht noch damit begründen, dass die Bär keine Krawall-Politikerin ist.
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