"Hart aber fair" zum Wahlsonntag "Ich dulde in meiner Partei keine Fremdenfeindlichkeit", sagt der AfD-Sprecher

Viele Floskeln, wenig Erkenntnis: Frank Plasberg wollte mit Fans und Kritikern der Kanzlerin über die "Wut-Wahl" diskutieren. Doch er vergab viel zu viele Chancen. Die Sendung im Check.

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Zur Sendung: Drei Bundesländer haben am Sonntag gewählt, die AfD ist stark wie nie. Mit den Konsequenzen aus den Landtagswahlen 2016 befasste sich Frank Plasberg in seiner aktuellen Talkshow. Titel der Sendung: "Die Wut-Wahl: Verliert Deutschland die politische Mitte?"


Wenn der Wähler gesprochen hat, besteht erhöhter Redebedarf. Das macht den Tag danach stets besonders interessant, auch für das politische Infotainment. Und diesmal galt das mehr denn je, selbst wenn der Sonntag bereits vollgepackt war mit einem medialen Großangebot, zwei Talkshows inklusive.

Frank Plasberg hätte also alle Chancen gehabt, aus dieser "Hart aber fair"-Ausgabe einiges zu machen. Thematisch lag er mit der Frage, ob Deutschland die politische Mitte verliert, ja auch nicht falsch. Allein, was dem TV-Zuschauer in 90 Minuten serviert wurde, war erkenntnistechnisch gesehen dann doch eher schmale Kost. Es dominierten Redundanz und Floskelei.

Die Runde: Kanzleramtsminister Peter Altmaier, Merkels treuer Flüchtlingskoordinator; der koalitionsbrave SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann; der "Cicero"-Chef und notorische Kanzlerin-Kritiker Christoph Schwennicke: Die drei Männer bildeten ein routiniertes Trio, das offenbar über ein Talkshow-Dauerabonnement verfügt.

Jörg Meuthen, AfD-Bundessprecher und Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, durfte den Umstand verkörpern, dass es zu Petry, Storch, Höcke & Co. zumindest habituell eine Alternative gibt. Juli Zeh, Schriftstellerin und Juristin, von Haus aus Sozialdemokratin, aber flüchtlingshalber Merkel-Fan, hätte das Ganze vielleicht ein bisschen intellektuell aufpeppen können, kam aber nicht dazu. Später gab es noch eine Art Überraschungsgast.

Deutungsversuche: Von denen sind ja nun inzwischen etliche auf dem Markt, darunter auch der, dass der Merkel-Kurs durch die Erfolge Winfried Kretschmanns (Grüne) und Malu Dreyers (SPD) wenigstens indirekt bestätigt worden sei. Das gefiel Altmaier durchaus, während Schwennicke das erwartungsgemäß "absurd" fand. Der ansonsten betont maßvolle Meuthen murrte etwas von "sozialdemokratisiertem Einheitsbrei".

Altmaier machte zwar aus seinem Unmut über die nicht eben wahlerfolgsförderlichen Dauerstreitereien in der Union keinen Hehl, mochte aber keine "Zensuren" für die CDU-Politiker Julia Klöckner und Guido Wolf vergeben. Oppermann kam dann noch auf die Idee, dass die Kanzlerin zwecks besserer Kommunikation mit dem Wahlvolk vielleicht eine flüchtlingspolitische "Rede an die Nation" hätte halten sollen. Altmaier wiegelte ab. Zeh witterte prompt Arroganz.

Einsichten: Die alte Bindekraft der Parteienmilieus lässt nach, stattdessen entscheiden Persönlichkeiten die Wahlen. Das weiß man zwar nicht erst seit gestern, aber man konnte es ja mal wieder thematisieren. Der Einspieler des Trikotagenfabrikanten Grupp, der immer CDU wählte und jetzt erstmals Kretschmann, sagte hierzu unterm Strich mehr als die Gäste im TV-Studio. Plasberg konnte sich die Gemeinheit nicht verkneifen, kommentarlos ein Bild Sigmar Gabriels zu präsentieren, woraufhin Oppermann, sichtlich pikiert, zu einer längeren Verteidigungsrede der SPD mit ihren historischen Verdiensten ausholte. Schwennicke leicht polemisch: Die SPD sei nicht mehr "sowohl als auch", sondern "weder noch".

Emotionale Momente: Irgendwann stieß Oppermann in aller Freundschaft mit seinem CDU-Kompagnon mit Wasser auf dessen Zusicherung an, der unionsinterne Zoff werde endlich aufhören. Zeh gewährte einen kurzen Einblick in ihr immer noch rotes Herz und gestand dem Sozi, aufgrund ihrer Sozialisation müsse sie ihn "eigentlich die ganze Zeit umarmen". Plasberg ließ wissen, dass seine Mutter den Herrn Meuthen sicherlich gut fände, aber wohl kaum verstehe, weshalb der sich mit den anderen Leuten in der AfD abgebe. Der wiederum beteuerte, es gebe eine klare Abgrenzung nach Rechtsaußen: "Ich dulde in meiner Partei keine Fremdenfeindlichkeit."

Ungesagtes: Schon relativ früh hatte Zeh gebeten, doch bitte nicht nur über die Flüchtlingskrise zu sprechen, da es um mehr gehe und viele Bürger sich von der Politik schon lange nicht mehr verstanden fühlten. Doch es blieb bei diesem Wunsch. Auch zu Meuthens Behauptung, die AfD sei keine Ein-Themen-Partei, hätte man gerne mehr erfahren, zumal bei "Anne Will" bereits Interessantes zum Parteiprogramm erörtert worden war, das ganz und gar nicht zur Selbstinszenierung als Kleine-Leute-Partei passt. Plasberg schien seine Devise "Die Fragen stelle ich" noch konsequenter durchzuziehen als sonst und unterband manches, über das zu reden gelohnt hätte.

Irritation: Für die sorgte nicht unerheblich Brigitte Büttner, die früher die Grünen und jetzt nach langem Überlegen AfD gewählt hat - und zwar, um diese Partei für ihr Anliegen (direkte Demokratie) zu instrumentalisieren. Nein, sie sei ganz gewiss nicht islamophob oder gar rassistisch, sorge sich aber, dass "ganz Afrika" kommen werde. Zeh fand diese Motivationslage "superspannend", Oppermann attestierte der Frau, die "sonderbarste rechte Protestwählerin" zu sein, Altmaier konnte sie sich auch als CDU-Wählerin vorstellen. Zur Beruhigung gab es dann noch schwarz-rote Hinweise zu Entwicklungshilfe und Fluchtursachenbekämpfung.

Video aus der AfD-Hochburg in Sachsen-Anhalt: "Der Merkel mal zeigen, dass das nicht so geht"

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