"Hart aber fair" zu Martin Schulz "Oskar Lafontaine light"

Frank Plasbergs Runde war schon in Wahlkampfstimmung: Ein CDU-Mann probierte es vergeblich mit Brüsseler Spitzen, eine Studentin verkörperte den Schulz-Hype. Der "Hart aber fair"-Talk im Check.

Hajo Schumacher bei "Hart aber fair"
WDR/Dirk Borm

Hajo Schumacher bei "Hart aber fair"


Die Sendung: "Der Alternative - wie gefährlich wird Schulz für Merkel?", fragte Frank Plasberg angesichts des Hypes um den SPD-Kanzlerkandidaten, der "übers Wasser und durch die Decke geht", und versuchte mit seiner "Hart aber fair"-Runde zu ergründen, woher dieser Erfolg kommt und wie haltbar er wohl ist. Zusätzliche Tagesaktualität gewann die Talkshow durch das Abrücken des programmatisch nach wie vor eher unbestimmten Machtaspiranten von Schröders Agenda-Politik. Wesentliche neue Erkenntnisse brachte allerdings auch ein Kandidaten-Check nicht.

Die Gäste: Hannelore Kraft, NRW-Ministerpräsidentin und SPD-Vize; Herbert Reul, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament; FDP-Chef Christian Lindner; Hajo Schumacher, Journalist und Moderator; Politologe Christoph Butterwegge, Ex-SPD-Mann, Armutsforscher und kürzlich Bundespräsidentschaftskandidat der Linken.

Die Stimmung: Wer es noch nicht gemerkt hatte, konnte an diesem Abend vor allem eines lernen: Es ist Wahlkampf. Entsprechend munter, ja teilweise heftig ging es in den Disputen zu. Allgemeiner Tenor: Gut, dass wieder Schwung in die Politik kommt. Als Sonderfall erwies sich der Liberale Lindner, der wegen der baldigen Wahlen in seinem Stammland immer wieder in einen speziellen NRW-Wahlkampfmodus verfiel, was Landesmutter Kraft irgendwann nervte.

Der andere war EU-Unionspolitiker Reul. Der hatte sich offenkundig vorgenommen, Schulz über die Brüsseler Flanke (Stichworte: Mitarbeiterbegünstigung, Amtsmissbrauch) mittels seines ominösen Dossiers zu entzaubern, was aber irgendwie nicht so recht gelingen wollte. Als die Rede auf das Zustandekommen des Papiers kam, wurde es sogar ziemlich eng für ihn. Am Ende bekam er von Plasberg bescheinigt, die ganze Zeit "ziemlich angefasst" gewirkt zu haben. Dazu äußern mochte er sich nicht.

Stimmen: Während manche Demoskopen Schwierigkeiten haben, sich die Dimensionen des Schulz-bedingten SPD-Höhenflugs zu erklären und angesichts des drastischen Stimmungsumschwungs allenfalls an Fukushima erinnern, mangelte es in der Runde nicht an Deutungsversuchen. "Neu reicht für die erste Welle", sinnierte Schumacher und nannte Schulz "Oskar Lafontaine light". Der Kandidat stehe eben für soziale Gerechtigkeit, also dasselbe wie sie selbst und Sigmar Gabriel, der sich nun natürlich auch freue, beteuerte eine unübersehbar zufriedene Frau Kraft.

Lindner ließ wissen, nachdem Frau Merkel die Politik "narkotisiert" habe und die SPD lange unterbewertet gewesen sei, gönne er dieser Partei mögliche zehn zusätzliche Abgeordnete jedenfalls mehr als der AfD, von der laut dem grummelnden CDU-Mann Reul im Zeichen der durchaus begrüßenswerten neuen Konkurrenzsituation niemand mehr redet. Butterwegge meinte, auf den neuen Kandidaten ließen sich die Ideale der alten SPD projizieren, die seit den Hartz-Gesetzen an inhaltlicher Schwäche gelitten habe.

Kontrast 1: Mochten die Politprofis sich in ihren Analysen ergehen, Schulz' angekündigte Hartz-Korrekturen als Fortsetzung der bisherigen Linie nur mit den Mitteln der dazu notwendigen Kanzlerschaft deklarieren (Kraft), den ganzen Agenda-Kurs für falsch halten (Butterwegge) oder dem SPD-Kandidaten schlicht leere Effekthascherei vorwerfen (Reul), so demonstrierte die junge Studentin Katharina Litz im Einzelgespräch sozusagen leibhaftig, was es mit der Schulz-Begeisterung auf sich hat. Sie ist unlängst als eines von 6000 Neumitgliedern in die SPD eingetreten - wegen der "Euphorie", "des Kampfgeistes" und weil Schulz, der Hoffnungsträger wider die Spaltung der Gesellschaft, so authentisch sei. Vor allem aber: "Mir liegt Europa sehr am Herzen." Da konnte die Gästerunde nur nicken. War da mal was mit einem möglichen Eurokraten-Malus?

Kontrast 2: Nachdem so viel über den furiosen Start der SPD ins Wahljahr (Plasberg: "Ein Coup") diskutiert worden war, ließ es sich nicht vermeiden, auch noch auf jenes Bild zu sprechen zu kommen, das kürzlich die Union in Gestalt von Merkel und Seehofer bei vergleichbarem Anlass bot. Begeisterung sehe anders aus, musste der ohnehin übellaunige CDU-Mann Reul einräumen. Und Journalist Schuhmacher stellte die Prognose: "Seehofer wird der Totengräber dieser Regierung sein."

insgesamt 47 Beiträge
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Rosenhag 21.02.2017
1.
Europa liegt vielen am Herzen. Realität ist leider der Geldentzug für die breite Masse der Deutschen.
urmedanwalt 21.02.2017
2. Ich bin nicht immer einverstanden
mit Plasbergs Gesprächsführung, aber diesmal hat er es richtig gemacht. Richtig, es war ein Wahlkampfauftakt, besonders zwschen Kraft und Reul zu erkennen, aber auch beim wieder Hoffnung schöpfenden Lindner. Butterwegge hat den Finger in die soziale Wunde der SPD gelegt, und Hajo Schumacher war zwar sonst ganz entspannt, hat der neuen SPD-Mitgliedin aber dann empfohlen, doch mal zu den Jusos zu gehen. Das fand ich dann doch etwas gewagt und eher abschreckend. Schön auch die Bemerkung Plasbergs, dass Reul "angefasst" wirkte. Genial auf den Punkt. Danke für die spannende Runde.
schorri 21.02.2017
3. Bambi als Quasselstrippe
Bambi Lindner, inzwischen erwachsen, hat sich mal wieder um den informellen Titel einer Quasselstrippe des Monats beworben. Allen und jedem plapperte er beständig und langanhaltend dazwischen. Motto: Wenn wir auch die kleinsten sind, so sind wir doch die nervigsten.
St.Baphomet 21.02.2017
4. Warum eigentlich nie
ein einigermaßen redegewandter intelligenter Hartz 4-Bezieher zu solchen Veranstaltungen eingeladen wird ist doch ein Rätsel? Akademiker ab 50 aufwärts sind doch auch betroffen. Um mal Klartext zu Reden. Man müsste vielleicht Anonymität zusichern, so mit Sack überm Kopf damit der Mensch sich nicht auch noch schämen muss für sein "Schmarotzertum". Die Betroffenen kommen fast nie zu Wort, nur die Verursacher des sozialen Elends. Mysteriös. Sogar Typen vom FDP-Verein (55000 Mitglieder) dürfen noch was schräges absondern. Ist den Verantwortlichen der Sender wohl zu gefährlich, hängen ja selbst am Polittropf. Sorry, hab ich nicht beachtet, die Anfahrt in Studio müsste der Mensch ja selbst bezahlen, so in etwa 3-10 Tagessätze H4. Würde der Sender diesen Aufwand bezahlen wird dieser von der ARGE sofort abgezogen. Ungerecht den armen Erben und Aktionären gegenüber versteht sich. Oder er wird böse sanktioniert wegen undankbaren Verhaltens. Da findet sich gewiss ne Dienstanweisung o.Ä., da ist man sehr kreativ wie man weiß. Naja, mit Schulz ändert sich dies Alles ja. Oder eher nicht. Euer Münchhausen. Diese Wahl wird die interessanteste seit der Schröder-Pleite, das ist jetzt schon sicher.
gihorst 21.02.2017
5. Saft und Kraftlos
die NRW Frau. Besonders aufgefallen durch nervige Kommentare und Unterbrechung anderer Teilnehmer. Die SPD auf Kurs in den Klassenkampf mit einem der das Teure und Schone liebt. Da braucht man natürlich ein paar Hunderttausend steuerfrei auf dem Konto. Wollt mal sehen , wie lange die Studentin diese Kuckucksei noch vergöttert.
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